Politik

„Wie Gott in Berlin leben“

| Lesedauer: 4 Minuten

Viele Franzosen wissen die Lebensqualität und den Reiz der Metropole im Wandel zu schätzen

Die Zeiten der Hugenotten sind längst passé. Im 18. Jahrhundert waren die französischen Flüchtlinge im Berliner Stadtbild nicht zu übersehen – und zu überhören. 20.000 kamen damals in die Region, um der religiösen Verfolgung in ihrer Heimat zu entkommen. Das Edikt von Potsdam kann daher als ein früheres Zuwanderungsgesetz betrachtet werden, ein Anliegen, das zurzeit heiß diskutiert wird. Zwar richtete sich der Text von 1685 an eine bestimmte Gruppe, die mit einer großzügigen Willkommenskultur seitens der Kurfürsten aufgenommen wurde. Die Hugenotten genossen viele Privilegien, was manche Einheimischen nur bedingt goutierten. Die Zwangsabgabe zugunsten der Flüchtlinge erhöhte ihre Beliebtheit im Volke nicht. Aber von den Eliten waren sie sehr geschätzt. Französisch galt in diesen Kreisen als Ausdruck zivilisierter Lebensart; Sprache im Allgemeinen. Am preußischen Hof wie anderswo in den Palästen Europas parlierte man Französisch, und das mit Sicherheit besser als die heutige Diplomatie in ihrem Flughafenenglisch.

Diese kulturelle Dominanz gehört längst der Vergangenheit an. Aber ich muss sagen, ich habe heute häufig den Eindruck, die Franzosen wären wieder in Berlin an jeder Ecke. Zugegeben, mein Gehör ist sicherlich selektiv. Die gallischen Frequenzen erreichen mich bestimmt besser als andere. Und wir haben gerade Sommer, das heißt, die Touristen strömen in die Stadt. Und meine Landsleute sind auch dabei, egal ob sie die kulturellen Schätze der Stadt erkunden oder das ausgiebige Partyleben dank Billigflieger und günstiger Hostels unsicher machen. 222.000 französische Touristen haben letztes Jahr die deutsche Hauptstadt besucht. 2004 waren es nur 85.000.

Aber diese Besucher sind nicht allein. Ich treffe immer mehr Landsleute, die einen zweiten Wohnsitz hier haben und ab und an die Stadt besuchen. Andere sind nicht mehr berufstätig und pendeln regelmäßig zwischen Frankreich und Deutschland. Manche entscheiden sich dafür, ihren Lebensabend hier zu verbringen. Die höhere Lebensqualität lockt sie genauso wie der Reiz dieser Metropole im permanenten Wandel. Für manche spielt die Toleranz eine Rolle, wie bei diesem schwulen Franzosen, der es satthatte, mitten im Quartier Latin Fäkalien seiner homophoben Nachbarn in seinem Briefkasten zu finden.

Ende Dezember 2014 waren 17.644 Franzosen in Berlin angemeldet. Dazu kommen noch gut 6000 Personen, die die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben, aber einen französischen Migrationshintergrund haben – und gegebenenfalls den hier so besonders geschätzten Akzent pflegen. Über die Zahl derjenigen, die in keiner Statistik auftauchen, lässt sich nur spekulieren. Verglichen mit der Nachwendezeit, als ich nach Berlin zog, sind die französischen Berliner heute wesentlich bunter als früher. Das Militär verließ die Stadt vor gut 20 Jahren. Nach diesem Einschnitt hat die Zahl der Franzosen ständig zugenommen. In der Geschäftswelt sind sie viel stärker vertreten, egal ob Franzosen für Unternehmen aus ihrer Heimat arbeiten, deutsche Arbeitgeber haben oder selbstständig sind. Künstler und Möchtegernkünstler sind auch zahlreicher. Und jedes Semester gibt es an den Berliner Unis beziehungsweise an der Frankfurter Viadrina rund 3000 französische Studenten.

Berlin lockt junge Franzosen. Manche kennen die Stadt schon, haben hier eine bessere Hälfte gefunden. Sie sind gut integriert und wollen partout nicht zurück in die Heimat. Bei denen heißt es im Gegensatz zu den selbstkritischen Deutschen „Wie Gott in Berlin leben“. Sie haben sich schnell und gut eingelebt. Das ist die Mehrheit. Andere verfallen dem Ruf der Partystadt und halten Berlin ganz naiv für ein neues Eldorado, wo man ohne ein Wort Deutsch zu parlieren und ohne jegliche Qualifizierung das Leben problemlos genießen könnte. Bei dieser Minderheit sind leider Bruchlandungen und Enttäuschungen vorprogrammiert.

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