Folkestone –

Die andere Seite des Eurotunnels

Britische Rechtsextreme protestieren gegen die Flüchtlinge und machen Frankreich Vorwürfe

Folkestone.  Ohrenbetäubend trällert der Dudelsack aus dem Lautsprecher, als die Rechtsextremen vor dem Eingang des Eurotunnels aufmarschieren. Einige sind maskiert, rot-weiß, die Farben der Englandflagge. „Linker Abschaum, verschwindet von unseren Straßen!“, brüllen sie den Leuten auf der anderen Straßenseite entgegen. Dort haben sich am Sonnabendmittag rund zwanzig Demonstranten aufgestellt, mit Plakaten, auf denen steht: „Menschen vor Profit im Eurotunnel.“ Der Protest soll Solidarität mit den Migranten zeigen, die auf der anderen Seite des Ärmelkanals festsitzen und auf eine Überfahrt nach England hoffen – doch die Demo hat prompt die Rechtsextremen von der English Defence League und Britain First auf den Plan gerufen.

In Calais versuchten Anfang der Woche mehrere Hundert Flüchtlinge, in den Eurotunnel zu gelangen, wobei ein Mann aus dem Sudan von einem Lastwagen erfasst und getötet wurde – es war der neunte Todesfall in diesem Sommer. Die gegenwärtige Krise brach Ende Juni aus, als das Personal eines französischen Fährunternehmens ge-gen Stellenstreichungen streikte. Einige der 3000 bis 4000 Migranten in den Camps außerhalb von Calais versuchten, auf Lastwagen zu klettern, um so die Überfahrt auf die Insel zu schaffen. Wie vielen dies gelungen ist, darüber macht das Innenministerium keine Angaben. Die Sozialdienste in Kent haben einen Anstieg von Asylanträgen Minderjähriger gemeldet.

Die britischen Behörden wie auch die Medien sind in aufgeregter Alarmbereitschaft. Premierminister David Cameron sprach von „Schwärmen“ von Flüchtlingen, die versuchten, nach Großbritannien zu gelangen – eine Formulierung, für die er von Flüchtlingshilfswerken scharf kritisiert wurde und die der stellvertretende Bürgermeister von Calais als rassistisch bezeichnete. Nach einer Notfallsitzung am Freitagmorgen kündigte Cameron Maßnahmen an, um die Migranten an der Grenzüberschreitung zu hindern: Zusätzliche Zäune, Patrouillen und Spürhunde sollen das Gebiet rund um die Verladestation in Coquelles besser sichern.

Keine Sympathie für Migranten

In der Region um Folkestone haben die Streiks in Calais in erster Linie zu Verkehrsstaus geführt. In den vergangenen Wochen steckten Lastwagenfahrer auf der M20 nach Dover bis zu 24 Stunden fest, und Urlauber beklagten sich über lange Verzögerungen am Eurotunnel. Die Staus haben sich mittlerweile etwas gelöst, und in Folkestone merkt man nichts von der Flüchtlingskrise. An diesem Wochenende liegt die kleine Stadt an der Südküste von Kent friedlich in der Sommersonne, Touristen und Anwohner – von denen über 90 Prozent weiße Briten sind – fischen oder spazieren am langen Kieselstrand entlang.

Sympathie für die Migranten findet man hier kaum – die Leute regen sich auf: Über die Einwanderer, über die Untätigkeit der eigenen Regierung, aber vor allem über die Franzosen. „Die scheren sich einen Dreck darum, dass diese Migranten nach Großbritannien kommen“, sagt Ben Green und bringt damit zum Ausdruck, was hier viele denken. „Die wollen sie doch nur loswerden.“ Der 20-Jährige steht mit ein paar Freunden vor einer Einkaufspassage im Stadtzentrum und macht sich zum Trinken bereit – viel mehr könne man hier nicht tun, meint er missmutig. Wenn es nach ihm und seinen Trinkgenossen ginge, dann würde die Flüchtlingskrise mit Schusswaffen gelöst. In Folkestone beklagen sich die Leute seit Jahren, dass die Regierung zu wenig unternehme gegen die Ankömmlinge aus Frankreich. Die rechtspopulistische Ukip-Partei wurde bei der Parlamentswahl mit 23 Prozent zweitstärkste Partei nach den Konservativen.

Dabei wird vergessen, dass nur ein kleiner Teil der Migranten, die es nach Europa geschafft haben, überhaupt bis nach Großbritannien will, sagt Zoe Grumbridge von der Stiftung Refugee Action. Während im letzten Jahr in Grossbritannien 32.000 Asylanträge gestellt wurden, waren es in Deutschland über 200.000. Seit Januar sind weit über 100.000 Migranten über das Mittelmeer nach Europa gekommen – viele aus Krisengebieten wie Syrien und Afghanistan, andere aus ostafrikanischen Ländern wie Eritrea. „Ein Teil der Flüchtlinge, die in Calais festsitzen, erhoffen sich bessere Chancen auf dem britischen Arbeitsmarkt, weil sie Englisch sprechen oder weil sie hier Familienangehörige haben“, sagt Grumbridge.

Allerdings ist das Asylsystem in Großbritannien alles andere als großzügig. Die meisten Anträge werden abgelehnt, und kürzlich hat die Regierung die finanzielle Unterstützung für Asylbewerber um 30 Prozent gekürzt: Ab dem 10. August muss eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern mit 111 Pfund pro Woche auskommen, arbeiten darf sie nicht.

Die Protestierenden vor dem Eurotunnel wollen hier gegensteuern. „Die Regierung behandelt diese Menschen auf entwürdigende Art und Weise“, sagt die Englischlehrerin Teresa Clark, die aus London angereist ist, um am Protest teilzunehmen. „Wir wollen den Flüchtlingen in Calais signalisieren: Ihr seid hier willkommen.“