Politik

Vertrauen ist ein knappes Gut

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Griechenland kämpft um seine Identität – und gegen die Vergangenheit

Heraklion, Militär- und Zivilflughafen an der Nordküste der Insel Kreta. Alles scheint wie immer: der wolkenlose Himmel, die hochstehende Sonne, das nahe grünblaue Meer mit seinen Schaumkämmen, die warmen Windböen. Doch schon am Gepäckband beginnen die Fragen: Wo sind die vielen Gäste von ehedem geblieben? Nur wenige Reisende sind es, die sich ihre Koffer greifen. Es gibt kein Gedrängel, draußen warten nur wenige Taxifahrer. Griechenland ist ein anderes Land geworden. Der Pulsschlag des Lebens geht schleppend. An den Abenden klingen die Lieder der griechischen Folklore noch eine Tonlage trauriger als früher.

Die Renten gekürzt, die Steuern unerbittlich erhöht, das Geschäft am Boden. Die kleinen Leute haben keine Chance, Konten im Ausland zu füllen, ob im nahen Bulgarien oder in der Schweiz. Jeder, der konnte, hat Bargeld unter der Matratze versteckt – cash is king.

Angekommen im Hotel in dem idyllischen Küstenort Istron, wird man unfreiwillig Zeuge eines Telefongesprächs mit einem zögernden Hotelgast in Deutschland: „Doch, Sie können ganz unbesorgt sein. Alles funktioniert. Es gibt genug zu Essen. Die Gäste aus Deutschland sind willkommen, wie immer. Bezahlen können Sie selbstverständlich bar, oder mit Kreditkarte. Also hoffentlich auf bald.“ Sehr überzeugt klang das nicht. Viele ähnliche Gespräche werden dieser Tage geführt, nicht selten im Ton schweigender Verzweiflung. Denn die Hotels entlang der Küste – von ihnen müssen viele Menschen leben.

In Griechenland ist die Vergangenheit übermächtig. Das Land liegt mit sich selbst im Hader. Abends erklären kretische Freunde, wie noch immer die Gespenster des Bürgerkriegs unterwegs sind. Der Zweite Weltkrieg endete für die Griechen nicht 1945: Da hatte längst ein Bürgerkrieg begonnen, den bis heute kein Vergeben und Vergessen abschloss. Nicht wenige der radikalen Politiker von heute sind Enkel der Aufständischen von damals, als Stalin den Mittelmeerstaat durch Stellvertreterkrieg der griechischen Kommunisten übernehmen wollte und Briten und Amerikaner das bürgerliche Griechenland retteten.

Vertrauen ist ein knappes Gut, ob unter den Griechen rechts und links und in der Mitte, ob zwischen den Nordeuropäern und den südlichen Nachbarn. Womit man wieder beim abendlichen Gespräch unter Freunden angekommen ist. Das Management der Krise durch die „Institutionen“ und namentlich die deutsche Bundesregierung hat Alphabetsuppe serviert, die selbst Experten überfordert, dabei aber die Seele der Menschen vergessen – in der Demokratie ein unverzeihlicher Fehler. Tsipras’ Popularität beruht nicht auf Staatskunst, die ihm so sichtbar abgeht, sondern darauf, dass er von Würde und Respekt spricht. Für die meisten Griechen geht es nicht mehr um rechts oder links, sondern um den Kampf um den Euro, es geht um die Frage, ob das Land zu Afrika gehört, zu Asien oder noch immer zu Europa. Die unendliche Schuldengeschichte – in ihr verbirgt sich ein Ringen um Identität, um Zugehörigkeit, um Zukunft.

Die öffentlichen Schulden sind wie ein Tsunami, der leise anrollt und alles bedroht. Dass die Rezepte der Gläubiger auf lange Fristen setzen, ist wenig Trost, wenn die Schuldenberge immer noch anwachsen und die Wirtschaft an Sauerstoffmangel erstickt. Wie soll da Vertrauen entstehen? Gewiss, Griechenland hätte sich nie in die Währungsunion hineinmogeln dürfen. Aber geschehen ist geschehen, und die Europäer haben mitgeholfen.

Nicht nur Griechenland steckt in der Krise – Europa auch. In Griechenland ist das Modell der Gefälligkeitsdemokratie und des Klientelstaates an seine Grenzen gestoßen – aber auch das technokratische Modell aus kühlen Brüsseler Büros. Dort entscheidet sich, ob Europa künftig mehr sein wird als ein geografischer Begriff.

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