In Freital ist es immer wieder zu ausländerfeindlichen Protesten gekommen. Wie nehmen die Flüchtlinge selbst das wahr? Vier Beispiele

Das Leben der Anderen

Freital. Das Unbehagen an den Fremden, die tausendfach aus den Kampfzonen und Armenhäusern der Welt nach Deutschland strömen, ist in der sächsischen 40.000-Einwohner-Stadt Freital besonders stark. Vor dem zum Asylheim umfunktionierten „Hotel Leonardo“ versammelten sich in den vergangenen Monaten zwanzigmal asylkritische und rechtsradikale Demonstranten, um ihre Wut auf die teuren Ausländer und die Politiker, die sie ihnen vor die Nase setzen, herauszuschreien. Viele Freitaler klagen in Gesprächen mit der Berliner Morgenpost über die kriminelle Energie vieler Asylbewerber – die offizielle Polizeistatistik bestätigt diese subjektiven Eindrücke nicht.

Wie nehmen die Flüchtlinge selbst die Ablehnung wahr? Wie fühlt es sich an, Projektionsfläche für allerlei negative Erfahrungen mit Zuwanderung, Islam, Grenzöffnung zu sein? Wie begegnet ihnen diese geschlossene Gesellschaft? Wer sind die Fremden, die in dieser hübsch hergerichteten, weitläufigen Gemeinde ankommen? Vier Geschichten aus dem nahsten Osten.

Sifin, Irak

Sifin, 18, floh vor den Schlächtern des Islamischen Staats aus dem Irak. Auf seiner verschwindend leisen Stimme lasten die Schrecken des Krieges: „Isis stürmte über Monate fast täglich an unsere Kleinstadt heran, vor einem Jahr überrannten sie die kurdischen Verteidiger und nahmen unsere Frauen als Geiseln.“ Viele seiner Freunde aus der nordirakischen Provinz Schechan ließen in den Abwehrgefechten ihr Leben. „Im TV sagten sie, Isis sei weit entfernt. 15 Minuten später standen sie vor der Stadt – dann war nur noch Gemetzel“, sagt der hagere Jeside und blickt auf das Straßenpflaster, als ob sich tief darunter ein schwarzer Horizont auftue.

Vom ersten seiner 45 Tage in Freital an sammelten sich bis vor drei Wochen täglich Demonstranten vor dem Heim. Sifin sagt: „Es kamen immer 50 oder 100 Leute und riefen Sachen, die ich nicht verstehe. Aber das ist die einzige negative Erfahrung hier.“ Die Freitaler seien sehr freundlich, die Security-Männer und der Heimleiter würden helfen, sobald man sie um etwas bitte. „Die Deutschen sind gute Menschen, wir kamen her und sie nahmen uns auf, gaben uns Frieden und Essen.“ Sifin hofft, dass er bald einen Pass bekommt und arbeiten darf. „Mein Vater, meine Mutter und meine Schwester sind im Flüchtlingslager im Nordirak und ich hab kein bisschen Geld, um es ihnen zu senden.“

Mohammed, Pakistan

Mohammed, 27, floh vor seinem islamistischen Onkel aus Pakistan. Der brach ihm einen Rückenwirbel und das rechte Bein mit einem Hockeyschläger, weil Mohammed sich weigerte eine der beiden Forderungen seines Onkels zu erfüllen. Entweder soll der Neffe wie sein Onkel vom sunnitischen Islam zum Wahabismus konvertieren oder ein zwölf Hektar großes Stück Land herausrücken, das Mohammed, der Lieblingsenkel, von seiner Großmutter erbte. „Der Onkel hat, seitdem er für Nissan in Saudi-Arabien arbeitete und dort zum Wahabismus konvertierte, einen Bart bis zum Nabel, trägt Hosen wie der Prophet und will, dass alle seine Konfession annehmen“, sagt Mohammed. Das Land sei aber ein Andenken an seine Oma, bei der er bis zum 17. Lebensjahr wohnte, niemals wolle er es herausrücken. Durch die Bedrohungssituation bekam der studierte Kältetechnik-Ingenieur lebensbedrohliche Asthmaanfälle, sodass die Familie entschied, er solle sein Glück in Deutschland versuchen. Für 13.000 Euro kaufte er gefälschte Papiere von einem korrupten Airline-Mitarbeiter und flog von Islamabad über Dubai nach Frankfurt.

Seit vier Wochen ist er in Freiberg und erlebte die ersten zehn Tage die Anti-Asyl-Demos. „Wir haben doch keine Gewehre, wir sind doch einfach nur in dem Hotel“, sagt Mohammed. Dreimal wurde er bisher wegen seines Asthmas ins Krankenhaus eingeliefert, täglich nimmt er starke Medikamente. In der Stadt war er bisher nur selten, böse Blicke und Angst vor Aggressionen erzeugen bei ihm Stress, der ihm Lunge und Herz zuschnürt. Zu Hause im Punjab, fürchtet er, töten ihn das Asthma oder der Onkel. „Dass mein Asylantrag abgelehnt werden könnte, darüber will ich nicht nachdenken.“

Tarek, Afghanistan

Tarek, 26, floh vor der Rache der Taliban aus Afghanistan. Weil er für die US-Army als Übersetzer auf zwei Hauptstützpunkten arbeitete, bekam er nach dem Abzug der Nato Todesdrohungen. „Ich hatte ein gutes Leben, verdiente 1200 Dollar, bis die Amerikaner uns im Stich gelassen haben, jetzt ist das Chaos schlimmer als zuvor“, sagt er. In seinem ostafghanischen Dorf lieferten sich die Taliban und der IS erbitterte Gefechte. „Wenn der IS ein Dorf einnimmt und die Taliban es zurückerobern, töten sie Bewohner, weil sie dem IS Essen gaben – und umgekehrt läuft es genauso.“ Er benötige jede Nacht Schlaftabletten, die zweitäglichen Anrufe bei seiner Mutter fallen ihm besonders schwer. „Sie kann nicht aufhören zu weinen.“

In Deutschland ist er seit elf Monaten, nach seiner Ankunft in Passau lebte er 28 Tage in der Münchner Bayernkaserne, danach einen Monat in Chemnitz, bevor er in Schmiedeberg im Erzgebirge einquartiert wurde. Dort machte er schlechte Erfahrungen mit einem Arzt, der ihn nicht ausstehen konnte. Von einer Ärztin erfuhr er den Grund: Der alte Mediziner war mit der Sowjetarmee in Afghanistan, wurde dort durch eine Handgranate verletzt und verabscheut seitdem alle Afghanen.

Wegen eines Brandes in Schmiedeberg musste er für 20 Tage in das „Leonardo“ ziehen, die Demonstrationen machten dem labilen, von Selbstmordgedanken geplagten Afghanen schwer zu schaffen. „Die Rassisten kamen von unten aus dem Gebüsch und haben Böller und Raketen auf das Heim geschossen“. Die Security-Männer im Heim warnten die Asylbewerber das Heim nicht zu verlassen: „Zu gefährlich, geht nicht raus.“

Tarek sitzt mit seinen Freunden auf einer von Hecken geschützten Wiese zwischen zwei Bundesstraßen 500 Meter unter dem Heim. Als der ehemalige Nato-Übersetzer von fremdenfeindlichen Blicken berichtet, überschlagen sie sich in Schilderungen seltsamer Begegnungen und ahmen sie nach. „Am Bus starren sie einem böse in die Augen.“ „Sie ziehen dabei den Mund zusammen.“ „Neulich hat einer die Zähne gefletscht und die Augen zu Schlitzen verengt.“ Das Zeigen des Mittelfingers im Vorbeifahren sei auch sehr beliebt. „Das kann einem so etwa dreimal in der Woche passieren, wenn man oft an den Straßen entlangläuft.“

Clement, Albanien

Clement, 43, kam mit seiner Frau und zwei kleinen Töchtern aus Albanien nach Freital. Mit dem Bus fuhren sie Ende Juni von Tirana nach München, am selben Tag ging es weiter in das ehemalige „Hotel Leonardo“ auf dem Hügel über der sächsischen Kleinstadt. „Als wir um 20 Uhr eintrafen, standen da 50 Leute und riefen immer „raus, raus, raus“, da waren viele mit Glatze und Tätowierungen, meine Töchter hatten ganz schön Angst.“ Abgesehen davon und von ablehnenden Blicken hat die Familie keine weiteren schlechten Erfahrungen gesammelt. „Die Menschen hier sind sehr nett.“

Mehrmals fragt Clement, warum die Deutschen Ausländer beherbergen und sie versorgen. Die Antwort – dass Kriegsflüchtlinge und politisch Verfolgte Schutz bekommen, bis der Fluchtgrund entfällt – stellt Clement nicht zufrieden. Er weiß, dass sein Wunschland Albanern fast nie Asyl zuerkennt und wegen der stark gestiegenen Antragszahlen künftig konsequenter abschieben möchte. Zu Hause verdiente er 250 Euro im Monat als Satellitenanlagentechniker. Zuvor arbeitete er acht Jahre als Automechaniker. In einem dieser beiden Berufe hofft er in Deutschland bald einen Job zu finden. „Meine Töchter sollen zur Schule gehen und schnell Deutsch lernen, ich bete zu Gott, dass wir in Deutschland bleiben dürfen.“