Politik

Streicheleinheiten aus Amerika

| Lesedauer: 4 Minuten

Die „New York Times“ würdigt die Rolle Deutschlands in der Griechenland-Krise

Die Rolle der Deutschen im griechisch-europäischen Finanzdrama ist höchst unterschiedlich bewertet worden – und beileibe nicht immer positiv. Die vor allem in Griechenland kursierenden geschmack- und substanzlosen Analogien zu NS-Zeiten kann man getrost ignorieren, doch der Vorwurf, die Deutschen setzten ihre wirtschaftliche Machtposition in Europa in brachialer Weise ein, um ihre Interessen durchzusetzen und verspielten damit ihr Renommee, vergiftet weltweit viele Debatten.

Es ist daher wohltuend, wenn ein führendes Medium der Welt, die „New York Times“, die ehrwürdige „Gray Lady“ der Zeitungsbranche, in einer großen Analyse zu einem differenzierten Ergebnis kommt. Dies ist umso überzeugender, als die amerikanische Wirtschaftskultur, die vom Keynesianismus geprägt ist, dem deutschen Kurs der „Austerity“, also einer Politik des Sparens und der Finanzdisziplin, traditionell ablehnend gegenübersteht.

Ein sechsköpfiges Team unter dem Starautoren Neil Irwin unter Mitwirkung von Korrespondenten in Berlin und Brüssel beleuchtete zum Beispiel die Rolle von Wolfgang Schäuble, dem deutschen Finanzminister, der in manchen ausländischen Medien kaum sympathischer dargestellt wird als der Hunnen-Khan Attila, die Geißel Gottes. Tatsächlich verhalte sich Schäuble, obwohl in Währungsfragen ein „Hardliner“, in den Treffen der europäischen Finanzminister außerordentlich diplomatisch. So vermeide er es, als Erster das Wort zu ergreifen, sondern überlasse das stets den Kollegen aus den kleineren Ländern. Schäuble habe eine Vision, einen klaren Standpunkt, den er dann darlege, sagte der belgische Finanzminister Johan Van Overtveldt. Aber niemals sage er: „Nimm es oder lass es. Ich kann mich an keinen einzigen Moment erinnern, in dem es ein Diktat gegeben hätte.“ Der explosive Vorschlag eines zeitweisen Ausscheidens Griechenlands aus dem Euro sei gar nicht von Schäuble in die Debatte geworfen worden, der dafür massiv gescholten wurde. Es sei vielmehr Slowenien gewesen, das diesen „Plan B“ gefordert habe. Und als Schäuble diese Idee dann offen ausgesprochen habe, habe er eine Reihe von Staaten hinter sich gewusst.

Die Analyse der „New York Times“ steht unter der Zeile „Wie Deutschland sich in der griechischen Finanzrettung behauptete“. Das Ergebnis sei ein Sieg für die Bundesregierung gewesen, aber der sogenannte „Berliner Konsens“ sei nicht das Resultat von Brachialität, sondern von „geduldiger Diplomatie“ und einer „cleveren Politik am Rande des Abgrundes“ gewesen. „Ja, Deutschland ist ganz sicher bei diesem Prozess auf dem Fahrersitz gewesen, das kann man nicht bestreiten“, sagte der finnische Finanzminister Alexander Stubb. Zum einen wegen der beteiligten deutschen Persönlichkeiten, zum anderen wegen des wirtschaftlichen Erfolgs Deutschlands. „Aber sie verstehen einfach etwas von ihrem Fach“, sagte Stubb. „Sie gehen bestens vorbereitet in die Verhandlungen – und entschlossen, sich an die Regeln zu halten, auf die wir uns geeinigt haben.“

Deutschland sei lange der „zögernde, unwillige Hegemon“ in Europa gewesen. Die besonderen Umstände der griechischen Krise hätten nun dafür gesorgt, dass Deutschland ein bisschen weniger zögernd und ein bisschen mehr Hegemon sei. Eine besondere Rolle komme Angela Merkel zu. Die Kanzlerin tauche in den Treffen des Europäischen Rats stets tief und hochkonzentriert in die Details der Probleme ein und nutze ihren „einzigartigen Einfluss“, um Europa zusammenzubinden. Professor Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, sagte, Merkels Auftreten sei „unglaublich bescheiden und maßvoll“. Sie verliere auch niemals ein böses Wort über Griechenland. Auch entgegen der vorherrschenden Stimmung in Deutschland habe sie eine Einigung ohne einen Grexit erzielen können. Es ist doch beruhigend, einmal von anderen zu hören, dass wir nicht von brachial auftretenden Politikern im Ausland vertreten werden.

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