Suruç –

Der Anschlag hat das Land verändert

Attentat von Suruç taucht nur noch als Vorgeschichte der Angriffe auf den IS auf. Die 31 Opfer sind inzwischen beerdigt

Suruç.  Eine Woche ist der Anschlag von Suruç her. Eine Woche, nach der die Türkei, das kann man ohne Übertreibung sagen, ein anderes Land geworden ist. Die 31 Todesopfer sind inzwischen beerdigt; Suruç taucht nur noch als Vorgeschichte der jüngsten dramatischen Entwicklungen auf – 31 weitere Namen in der so endlos langen Liste von Menschen, die in der Geschichte der Türkischen Republik Opfer politisch motivierter Gewalt wurden.

Zum Beispiel die beiden jungen Menschen, die auf dem Foto zu sehen sind, das als ikonenhaftes Bild des Anschlags zu sehen ist? Ein rührendes, ein erschütterndes Bild, unmittelbar nach dem Anschlag aufgenommen. Zwei junge Frauen liegen mit Blutspritzern bedeckt regungslos auf dem Boden. Sie halten einander fest die Hände. Man weiß nicht, ob sie sich schon vorher an den Händen gefasst haben oder erst, nachdem die Wucht der Explosion sie zu Boden gerissen hat oder genau in diesem Moment.

Vielleicht wird Gökçe Çetin die 26-jährige Grundschullehrerin diese Geschichte eines Tages erzählen. Sie hat nämlich überlebt. Sie wurde nach Istanbul überführt, wo sie immer noch behandelt wird. Die andere Frau, die 20-jährige Studentin Hatice Ezgi Sadet, hat es nicht geschafft. Als sie vor zwei Jahren die Aufnahmeprüfung an der renommierten Mimar-Sinan-Universität im Fach Kunstgeschichte bestand, schrieb sie: „Ich werde arbeitslos sein. Ich bin glücklich.“

Vergangene Woche wurde Hatice Ezgi Sadet neben ihrer engen Freundin, der 23-jährigen Ünlü beerdigt. Die Philosophiestudentin hatte sich als Frau zur Kriegsdienstverweigerin erklärt und bereits eine kleine Karriere in den türkischen sozialen Medien hinter sich – als eine der Autorinnen einer Seite „Graue Wölfe Liverpool“, die die türkischen Ultranationalisten der Lächerlichkeit preisgab. Beide waren Aktivistinnen der prokurdisch-linken HDP und wurden nach getrennten Zeremonien – die eine in einem alevitischen Gotteshaus, die andere in einer sunnitischen Moschee – bestattet. Tausende nahmen an ihrer Beerdigung in Istanbul teil.

Ganz anders die Beerdigung des 32-jährigen Koray Çapoğlu. Er wurde in seiner Heimatprovinz Trabzon am östlichen Schwarzmeer bestattet. Auf Anordnung der Behörden wurde der Leichnam in den frühen Morgenstunden beerdigt. Spätestens seit dem Mord am armenisch-türkischen Publizisten Hrant Dink ist Trabzon als nationalistische Hochburg bekannt. Dessen Mörder stammte aus Trabzon, die Fans des örtlichen Klubs Trabzonspor – die einzige ernste anatolische Konkurrenz der großen Istanbuler Vereine – stilisierten die weiße Mütze des Dink-Mörders zu einem Modeaccessoire. Auch Çapoğlu war ein großer Fan von Trabzonspor. Doch er gehörte zur kleinen linken Minderheit unter den organisierten Fans. Wer häufiger Proteste in Istanbul besuchte, kannte den Drucker als den Mann mit der Trabzon-Fahne, mit der er kürzlich auch beim Prozess gegen Fans des Klubs Beşiktaş auftauchte.

Genauso einsam fand die Bestattung der 23-jährigen Publizistikstudentin Büşra Mete statt; mitten in der Nacht unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Allerdings dementierte die Familie Berichte, wonach sie von der Polizei dazu gedrängt worden sei. Sie hätten nicht gewollt, dass extremistische Gruppen die Trauer instrumentalisierten, sagte ein Onkel.

Überlebt hat hingegen ihr Freund Çağdaş Küçükbattal. Der 28-Jährige hatte zuvor als Fotograf für die kleine linke Nachrichtenagentur Etha gearbeitet, ehe er sich ganz der professionellen Politik verschrieb. Er kandierte für die HDP bei der Parlamentswahl, schaffte aber nicht den Sprung ins Parlament. Küçükbattal war schon einmal in den Medien: Nach dem 31. Mai, als sich die Proteste im Gezi-Park zu einem Aufstand ausweiteten. Von einer Tränengaspatrone im Auge getroffen wurde er ins Krankenhaus eingeliefert. Trotz mehrerer Operationen konnten die Ärzte sein rechtes Auge nicht retten.

Türkische Medien veröffentlichten nun ein Krankenhausfoto von damals: Ein grobkörniges, unscharfes Handybild im Neonlicht der Notaufnahme. Er liegt auf einer Bahre, seine Freundin Büşra Mete steht neben ihm; im schwarzen Top und Stirnband, in der Hand ihr Handy eingeklammert und ängstlich in die Kamera blickend. Nach dem Anschlag von Suruç wurde Küçükbattal erneut auf die Intensivstation gebracht. Und wieder kursierte ein Foto von ihm aus dem Krankenhausbett. Neben ihm steht diesmal niemand.

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