Politik

Kämpferische Individualisten

| Lesedauer: 4 Minuten

Monica Lierhaus gibt nicht auf. Damit bereichert sie unsere Gesellschaft

Jeder Mensch ist anders, und jede Behinderung ist anders, ein eigenes seelisches Land. In dieses Land kann man nicht reisen, und es gibt von ihm keine Karte. Nur diejenigen, die die Beeinträchtigung haben, kennen seine ungefähren Umrisse, und wie sich das Leben dort anfühlt, wissen nur sie selber. Kleinste Alltagsdinge zu bewältigen, ist für die einen der Grund für stolzes Glück, an solchen Dingen zu scheitern, ist für andere der Anlass zu Trauer, und oft genug lernen Menschen mit Beeinträchtigungen beides kennen. Stimmungsschwankungen sind in solcher Lage eine große Macht.

Die Sportmoderatorin Monica Lierhaus ist in dieser Lage. Zum Glück ist die Genesung nach den Komplikationen ihrer Hirnoperation weit fortgeschritten. Lierhaus hat gesagt, sie bereue die Operation, die ihr zwar das Leben rettete, aber ihre Behinderung verursachte. Sie bereute am nächsten Tag diese Andeutung. Wer würde das nicht verstehen wollen? Es war eine Äußerung unter dem Eindruck des Nachhalls ihrer schwersten Jahre, es war ein Satz aus dem seelischen Augenblick heraus, und in einem plötzlich beeinträchtigten Leben gibt es viele solcher Augenblicke.

Sie entstehen, wenn Menschen ganz für sich eine beispiellose Lebensleistung erbringen. Diese persönliche Leistung eint alle, die sich kollektiv über den Kamm einer gedankenlosen Normalität geschoren sehen. Menschen wie Monica Lierhaus kämpfen im Verborgenen, aber ihre Persönlichkeit ist im Wortsinn einzigartig.

Kaum eine Beeinträchtigung gleicht der anderen. Für die einen ist sie geiringfügig, für andere allumfassend; für manche war sie immer schon da, für andere kam sie im besten Alter. Manche spüren sie gar nicht, weil sie Begabungen entwickelt haben, die ihr Leben auf andere Weise bereichern. Für andere wäre es die Erfüllung aller Wünsche, noch ein einziges Mal wie früher wieder das Gesicht oder den Nacken berühren zu können – wie vor der Lähmung, als eine solche unwillkürliche Bewegung der Abschluss eines flüchtigen unschuldigen Gedankens war.

Menschen mit Beeinträchtigungen sind zähe Individualisten. Sie machen Erfahrungen, die niemand macht, der im Alltag spontan entscheiden kann. Sie haben es heute schwerer als früher. Die Gegenwart interpretiert Selbstentfaltung vor allem als spontane persönliche Bewegungsfreiheit und meidet Gedankenwelten der Schicksalsfügung, Gottesfurcht und Gottesgnade, die durchaus tröstlich sind. Aber beeinträchtigte Menschen haben es heute auch leichter, denn allmählich nimmt die Gesellschaft sie als die kämpferischen Individualisten wahr, die sie sind, nicht nur wegen Monica Lierhaus, Wolfgang Schäuble oder Stephen Hawking. Lierhaus hat bewiesen, dass zehn Meter zu gehen, ohne zu stürzen, einem Marathonlauf gleichkommt.

Es ist womöglich kein allzu langer Weg mehr bis zu einer Normalität, in der es zum Beispiel unsinnig erscheint, dass Athleten einmal in Olympische Spiele, Paralympics und Special Olympics getrennt wurden. Denn der olympische Geist ist wie die Menschenrechte unteilbar. Wenn eine Prothesenstaffel inmitten prothesenloser Athleten physisch an bewundernswerte Grenzen geht, gilt der Applaus ihnen allen. Im Bundeskabinett wird ja auch kein Unterschied zwischen Ministern wie Sigmar Gabriel und solchen wie Wolfgang Schäuble gemacht, die für etliche Alltagsverrichtungen fünfmal mehr Zeit und noch mehr Geduld brauchen.

Der Kampf um den Alltag, den Beeinträchtigte und ihre Familien führen, ist in gewisser Hinsicht die Krönung der individuellen Selbstentfaltung, die die Demokratie erstrebt. Menschen in Normale und Nichtnormale einzuteilen, ist ein Relikt autokratischer Zeiten mit verordneten Normvorstellungen. Die Demokratie lebt vom Lebensmut, den Lierhaus und andere fassen. Und die Demokratie lässt solche Menschen sagen, wie schwer es manchmal ist, diesen Mut auch durchzuhalten.

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