Politik

Der Verrat des Westens

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Deniz Yücel

Wenn 31 Bürger durch einen Terroranschlag ermordet werden, ist das Grund für eine militärische Reaktion. Doch Trauer um die Opfer von Suruç und Mitgefühl für die Angehörigen hat das AKP-Regime in der Türkei nicht gezeigt, stattdessen gab es Tränengas gegen Demonstranten und Schuldzuweisungen an die Opfer. 31 Tote sind der Führung in Ankara egal. Sie sind nur nützlich, um die Türkei als Terroropfer erscheinen zu lassen. Und das klappt. Derart wohlwollende Reaktionen hat das Regime schon lange nicht mehr erhalten: Endlich gehe die Türkei gegen den „Islamischen Staat“ vor. Erkauft haben sich die USA die Beihilfe mit dem Verrat an jenen, die den IS am effektivsten bekämpft haben: den Kurden.

So dürften dem Krieg gegen die PKK bald Schritte gegen die mit ihr verbündete syrisch-kurdische PYD folgen. Dabei hatte sie dem IS nicht nur militärische Schlagkraft entgegenzusetzen, sondern auch ein säkulares und demokratisches Gesellschaftsmodell. Es gibt nicht viele Kräfte in Syrien, für die dies zutrifft. Nun lässt der Westen sie zugunsten einer Regierung fallen, die oft bewiesen hat, was sie will. Der IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi ist ein blutrünstiger Operettenkalif. Der wahre Kalif aber heißt Recep Tayyip Erdoğan.

Der türkische Präsident verfolgt noch etwas anderes: Neuwahlen. Krieg und Terror dürften der AKP nutzen, um nationalistische Stimmen von der MHP zurückzuholen und die prokurdisch-linke HDP unter die Zehn-Prozent-Hürde zu drücken. Es läuft gut für Erdoğan. So gut, dass kaum jemand fragt, weshalb sich der IS nicht zum Anschlag in Suruç bekannt hat. Oder ob staatliche Stellen darüber informiert waren. Wenn man sich an die Planspiele des ehemaligen Geheimdienstchefs erinnert, mit „vier Mann und acht Raketen“ einen Kriegsgrund zu inszenieren, ist diese Frage nicht abwegig.

Aber selbst wenn Erdoğan nur die Ereignisse ausnutzt, ist es töricht zu glauben, man könnte diese Eskalation nach einer Neuwahl einfach beenden. Die Türkei torkelt Chaos und Diktatur entgegen. Und jene, die die AKP in die Schranken zu weisen schienen, die Kurden, drohen verloren zu gehen – in der Türkei wie in Syrien.

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