Politik

Es lebe der Unterschied

Die neue Studie zur Ost-West-Angleichung zeigt manche Überraschung

In gut zwei Monaten ist es so weit: Am 3. Oktober jährt sich die deutsche Einheit zum 25. Mal. Damals im Jahr 1990 wurde aus der Bundesrepublik Deutschland und der DDR wieder ein gemeinsamer Staat, nach mehr als vier Jahrzehnten. Inzwischen sind die Deutschen also ein Vierteljahrhundert wiedervereinigt. Aber sind wir auch zusammengewachsen, wie es damals die Politiker prophezeiten? Ist aus zwei deutschen Ländern wieder eins geworden?

Jeder, der in dieser Republik lebt, wird die Frage für sich beantworten. Und sicherlich sehr unterschiedlich, denn das zeigt eine neue Studie, die am Mittwoch veröffentlicht wurde: Die Lebensverhältnisse zwischen Ost und West haben sich in vielen Bereichen wie bei der Geburtenrate, den Umweltbedingungen oder der Bildung zwar angenähert oder sogar aufgelöst, bei vielen Themen aber sind die Differenzen noch sehr groß. Aus strukturellen Gründen könne die völlige Angleichung vielleicht auch nie vollzogen werden, so die Wissenschaftler.

Ich, geboren im Westen, in der Zeit bis zum Mauerfall mit sehr engen verwandtschaftlichen Kontakten und unzähligen Besuchen in der DDR aufgewachsen, seit Anfang der 90er-Jahre wohnhaft in einem ehemaligen Ost-Berliner Stadtteil, finde dieses Fazit nicht schlimm. Warum sollten die Menschen in Ost- und Westdeutschland alle gleich sein, gleich denken oder handeln? Eine Kultur, auch die deutsche, lebt doch von den Unterschieden. Von der Vielfalt – sei es bei der Gestaltung der Städte, des Wohnumfeldes, der Beziehungen. Ich möchte gar nicht, dass es auf Rügen oder dem Darß so zugeht wie auf Sylt oder Baltrum, ich finde es interessant, wie sich Dresden, Potsdam oder Erfurt entwickelt haben – und dass das Leben dort so anders verläuft als in den Me-tropolen Hamburg oder München. Wobei auch Hamburg und München nicht zu vergleichen sind.

Was mich jedoch erschreckt, sind die Vorurteile über den jeweils anderen, die sich offensichtlich manifestiert haben. Und da geht es nicht um die flapsige Bemerkung, dass sich alle Ost-Frauen die Haare bunt, gerne mehrfarbig färben. Mich irritiert, dass die ersten, wohl häufig auch schlimmen Erfahrungen aus den ersten Jahren nach dem Fall der Mauer immer noch weiterverbreitet werden: Wessis meinen, die Ossis seien Jammerossis, Ossis meinen, die Wessis seien arrogant und wüssten alles besser. Solche Vorurteile können nur noch existieren, wenn man den Kontakt zu dem anderen meidet, keine eigenen Erfahrungen sammelt. Wenn man in seiner Heimat verbleibt und nicht mal eine Reise nach Mecklenburg oder nach Bayern antritt, um die Menschen dort kennenzulernen.

Erschreckend ist auch die Erkenntnis der Forscher, dass Deutschland bei der Zuwanderung noch immer gespalten ist. Schlimmer noch, dass sich die Spaltung vertieft hat. Im Jahr 2012 habe sich die Willkommenskultur in Ost- und Westdeutschland kaum unterschieden, heute sagt nur noch jeder zweite Ostdeutsche, Zuwanderer seien willkommen, so die Wissenschaftler. Rechtsextreme Meinungen kommen dort öfter vor als in Westdeutschland. In den westdeutschen Bundesländern sind es immerhin zwei Drittel, die Migranten begrüßen.

Dieses Ergebnis muss Konsequenzen haben – für die Politiker, aber auch für die Gesellschaft in den Städten und Kommunen. Es muss mehr in Aufklärung investiert werden, die Jugendlichen müssen gefördert und beschäftigt werden, damit Rechtsextreme mit ihren einfachen Weltbild-Erklärungen gar nicht erst auf offene Ohren stoßen. Die Flüchtlinge, die ja auch in großer Zahl in den ostdeutschen Bundesländern untergebracht werden, müssen bei der Integration eng begleitet und geschützt werden, der Kontakt zu den Einheimischen muss moderiert werden. Anders wird es nicht funktionieren.

Die Unterschiede zwischen Ossis und Wessis – sie machen Deutschland bunt und spannend. Die Vorurteile, sie schaden uns allen.