25 Jahre nach dem Mauerfall sind Ost und West weitgehend zusammengewachsen. Doch es gibt noch Unterschiede

Das größte Geschenk der Einheit

Berlin.  Deutschland ist seit knapp 25 Jahren wiedervereint – nach mehr als vier Jahrzehnten der Trennung. Wo stehen wir jetzt, fragte sich Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts. Für die Vorstellung der Studie „So geht Einheit“ wählte er das Haus Deutscher Stiftungen in der Nähe des Checkpoint Charlie in Berlin – eines der Symbole des Kalten Krieges und der Teilung Deutschlands. Sein Fazit: „Die Unterschiede zwischen beiden Teilen Deutschlands sind noch erstaunlich groß.“ Die wichtigsten Ergebnisse der Studie:

Alter: Die DDR war vor dem Mauerfall ein junges Land. Es gab mehr Kinder, die Frauen bekamen früh Nachwuchs, und die Lebenserwartung war nicht so hoch wie im Westen. Mecklenburg-Vorpommern war die jüngste Region Deutschlands. Das hat sich deutlich geändert: Bereits 1994 hatte Ostdeutschland mit einer Geburtenrate von 0,77 Kindern pro Frau den niedrigsten gemessenen Wert aller Zeiten. Zu diesem „Geburtenloch“ kam noch eine Abwanderung von etwa zwei Millionen Menschen in den Westen, meist die gut ausgebildeten, jungen und kreativen, die keinen Job im Osten fanden. Heute ist der Anteil der Menschen, die älter als 59 Jahre sind, im Osten deutlich höher als im Westen – und der Anteil der unter 20-Jährigen deutlich niedriger.

Vorurteile: In Deutschland sind immer noch fast die Hälfte der Menschen der Ansicht, dass Ost- und Westdeutsche unterschiedlich sind. Unter den Ostdeutschen sind es sogar 71 Prozent – von denen wiederum glaubt gut ein Drittel, dass Westdeutsche arrogant sind. Die Menschen im Westen haben ein weniger konkretes Bild von Landsleuten im Osten, vermuten sie jedoch teilweise als anspruchsvoll und unzufrieden. Sowohl West- als auch Ostdeutsche halten sich selbst für fleißig und den jeweils anderen für besserwisserisch. Das liegt Klingholz zufolge vor allem daran, dass diese Menschen selten jemandem aus dem ehemals anderen Teil des Landes begegnen. In der Studie heißt es: „Wo sich die Menschen gründlicher kennenlernen konnten, sehen sowohl Ost- als auch Westdeutsche die Klischeebilder des ,Besser-Wessis‘ und des ,Jammer-Ossis‘ im persönlichen Umgang nicht bestätigt.“ Das gute Zeichen: Bei den jüngeren Menschen sind Vorurteile deutlich weniger ausgeprägt. Und 2012 fühlten sich nur noch 20 Prozent der Westdeutschen fremd im Osten. 2000 lag der Anteil noch bei 30 Prozent.

Wirtschaft:Die DDR hatte eine Strukturschwäche. Bereits drei Jahre nach der Einheit mussten 4000 von 14.000 Betrieben, die die Treuhand verwaltet hatte, schließen. Auch mehr als 25 Jahre nach dem Mauerfall stellt die Studie fest: Die Unterschiede bleiben. Keiner der 30 Konzerne im Deutschen Aktienindex Dax hat seinen Hauptsitz im Osten. Dort gibt es vor allem kleine und mittlere Unternehmen. Um die Lücke zu schließen, müsste mehr als eine Billion Euro investiert werden, wie die Unternehmensberatung Roland Berger ausgerechnet hat. Auf der Liste der 20 prosperierendsten Städte steht nur eine ostdeutsche: Jena in Thüringen.

Konsum: Die Menschen in Deutschland mögen Markenprodukte. Doch die Westdeutschen bevorzugen andere als die Ostdeutschen. Zwar trinken beide gern Beck’s-Bier. Doch Radeberger, im Osten die Nummer zwei, steht im Westen nur auf Platz acht. Populäre Ost-Marken wie Vita Cola oder der Joghurt Leckermäulchen sind im Westen wenig beliebt. Andere wie Rotkäppchen Sekt oder Bautz’ner Senf haben auch viele Käufer im Westen. Die Menschen in Ost und West geben etwa 35 Prozent ihres Gehalts fürs Wohnen aus – und jeweils 15 Prozent für Mobilität beziehungsweise Lebensmittel.

Gesundheit:Die Ostdeutschen leben länger. Die Studie spricht hier „vom größten Geschenk, das die Wiedervereinigung den Ostdeutschen beschert hat“. Wer heute als Junge auf dem Gebiet der ehemaligen DDR geboren wird, lebt etwa sechs Jahre länger als jene, die kurz vor der Wende zur Welt gekommen sind. Bei Mädchen sind es etwa vier bis fünf Jahre mehr. Die Lebenserwartung hat sich in Ost und West 25 Jahre nach der Einheit weitgehend angeglichen. Das liegt an einer gesünderen Lebensweise und an der besseren medizinischen Versorgung für ältere Menschen. Anfang der 90er-Jahre lebten West-Männer durchschnittlich noch 3,2 Jahre länger als Männer aus dem Osten. Bei Frauen lag der Vorsprung bei 2,3 Jahren.

Arbeit: Die Arbeitslosenquote ist im Osten immer noch höher als im Westen. Doch der Osten holt seit 2005 auf, die Schere schließt sich langsam. Das liegt unter anderem daran, dass die Arbeitslosigkeit im Osten sinkt, weil die Bevölkerung schrumpft. Außerdem ziehen vor allem junge und gut ausgebildete Menschen oft für einen Arbeitsplatz in den Westen. Und während die Zahl der Erwerbstätigen zwischen 2005 und 2013 im Westen um acht Prozent zulegte, waren es im Osten nur rund drei Prozent. Das marode Wirtschaftssystem der DDR ist hier immer noch für Spätfolgen verantwortlich.

Autos: Die Studie stellt einen Vergleich zwischen BMW und Skoda an. Das Ergebnis erstaunt wenig: In den fünf östlichen Bundesländern ohne Berlin fahren mehr Menschen Skoda als BMW. In den alten Bundesländern liegt BMW klar vor Skoda. Insgesamt fahren Westdeutsche fast doppelt so häufig BMW wie Ostdeutsche. Vor allem in Mecklenburg-Vorpommern, aber auch in den übrigen Ost-Bundesländern werden preiswerte japanische und koreanische Marken wie Hyundai, Mazda, Mitsubishi und Nissan gekauft.

Frauen: 73 Prozent der Frauen in Deutschland gingen im vergangenen Jahr arbeiten. Das war zu DDR-Zeiten anders: 1989 waren 78 Prozent der Frauen im erwerbsfähigen Alter berufstätig – in der Bundesrepublik sahen sich 1988 noch etwa 40 Prozent der Frauen im erwerbstätigen Alter als „Hausfrauen“. Diesen Begriff gab es in der DDR nicht. Es galt das Leitbild der „werktätigen Mutter“, die arbeitet und sich um Kinder und Haushalt kümmert. Der Staat unterstützte die Frauen unter anderem mit Betreuungsangeboten. Der Westen hat sich in den vergangenen Jahren vom „Hausfrauen“-Modell wegbewegt – und sich dem der DDR angenähert, heißt es in der Studie. Das Betreuungsangebot für Kleinkinder ist allerdings im Westen immer noch nicht so gut wie im Osten. In den alten Ländern geht nur gut jedes vierte Kind unter drei Jahren in die Kita, im Osten mehr als jedes zweite Kind.

Alkohol: Bier wird in Ost und West gern getrunken, wenn auch nicht mehr so viel wie früher. Traditionell wird im Westen mehr Wein getrunken als im Osten – die Anbaugebiete liegen vor allem im Südwesten. In den neuen Bundesländern hat sich das Schnapstrinken gehalten, vor allem bei älteren Menschen. In der Mangelwirtschaft der DDR gab es meist Schnaps, sonst konnte er relativ leicht selbst gebrannt werden. Von 1950 bis 1989 stieg der Schnapskonsum in der DDR von 1,3 Litern auf mehr als 15 Liter pro Einwohner und Jahr. Die Folge: 1990 gab es im Osten deutlich mehr alkoholbedingte Sterbefälle. Heute haben wir ein ähnliches Bild. Relativ gesehen sterben die meisten Menschen durch Alkoholmissbrauch in den neuen Bundesländern. Hinzu kommt: Ostdeutsche Jugendliche rauchen häufiger als westdeutsche. Jedoch nimmt die Attraktivität von Tabak im ganzen Land ab.

Religion: Der Marxismus-Leninismus verdammte Religionen als „Opium fürs Volk“. Davon ist auch im heutigen Ostdeutschland viel zu spüren: Mehr als drei Viertel der Menschen gehören keiner Religion an. Weniger Menschen sind Mitglieder einer Kirche als zur Zeit des Mauerfalls. Parallel dazu nahm der Rückzug des Christentums im Westen seit den 80er-Jahren an Fahrt auf. Der Mitgliedereinbruch hat viele Ursachen. So lassen zum Beispiel weniger Eltern ihre Kinder taufen.

Verdienst: Die Menschen im Westen verdienen immer noch mehr als die im Osten. Doch seit der Einheit geht es bergauf. Die Studie spricht hier von einer „mühsamen Annäherung“. 1991 lagen die Ostdeutschen im Schnitt bei nur 58 Prozent des deutschen Durchschnittseinkommens. Heute liegen sie im Osten bei 86 Prozent. Das Bruttomonatsgehalt liegt in den Ostländern im Schnitt bei 2800 Euro. Von den 500 reichsten Deutschen wohnen nur 20 östlich der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze – davon allein 14 in Berlin, zumeist im Westteil der Stadt. Allerdings sind die Ostdeutschen heute wesentlich wohlhabender als die Menschen in den anderen Staaten des ehemaligen Ostblocks.

Migranten: In den ostdeutschen Flächenländern liegt der Anteil der Migranten an der Bevölkerung bei unter fünf Prozent. In den Ballungsräumen Berlin, Hamburg und Bremen sowie in den westdeutschen Flächenstaaten Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Hessen sind es deutlich mehr als 25 Prozent. Das hat auch damit zu tun, dass Menschen dort hinziehen, wo es eine Chance auf einen Arbeitsplatz gibt. Obwohl es relativ wenig Ausländer im Osten gibt, sind hier extremistische Meinungen deutlich stärker ausgeprägt. Es gibt auch Unterschiede in der Willkommenskultur: 2015 sagte nur jeder zweite Ostdeutsche, dass Zuwanderer willkommen seien. Im Westen sagten dies zwei Drittel der Menschen.

Politik: Die Linke hat den Sprung in den Westen geschafft. Die Partei, Zusammenschluss der ostdeutschen PDS und der westdeutschen Splitterpartei WASG, kam bei der Bundestagswahl 2013 in allen westdeutschen Bundesländern über die Fünf-Prozent-Hürde – außer in Baden-Württemberg und Bayern. Dennoch hat die Linke ihre mit Abstand stärkste Anhängerschaft in Ostdeutschland. In den fünf Flächenländern lag die Partei bei mehr als 20 Prozent, in Berlin bei 18,5 Prozent. Im Osten ist die Linke eine Volkspartei. Seit dem vergangenen Jahr stellt sie auch erstmals einen Ministerpräsidenten: Bodo Ramelow regiert Thüringen mit einer rot-roten Koalition.