NSU-Prozess

„Bei Frau Zschäpe muss man mit dem Schlimmsten rechnen“

| Lesedauer: 3 Minuten
Miguel Sanches
Rechtsanwälten Mehmet Daimagüler (l.) vertritt im NSU-Prozess die Opferseite

Rechtsanwälten Mehmet Daimagüler (l.) vertritt im NSU-Prozess die Opferseite

Foto: Matthias Balk / dpa

Der Berliner Anwalt Mehmet Daimagüler vertritt im NSU-Prozess die Opfer-Seite. Ein Gespräch über die jüngsten Entwicklungen im Prozess.

Berlin. Gegen ihren Willen dürfen die Pflichtverteidiger von Beate Zschäpe im NSU-Prozess nicht aufhören. Im Gespräch mit der Berliner Morgenpost berichtet Opferanwalt Mehmet Daimagüler darüber, wie es nun weitergeht. Seine Sorge ist, dass das Verfahren platzt und neu aufgerollt werden muss – für seine Mandanten schlicht unerträglich.

Berliner Morgenpost: Herr Daimagüler, sind Sie erleichtert darüber, dass Beate Zschäpe an ihren Verteidigern festhalten muss?

Mehmet Daimagüler: Ich bin froh, dass wir weitermachen können und nicht mehr Zeit verlieren. Jeder Verhandlungstag ist für meine Mandanten schwer. Sie haben viele Fragen, die nicht oder nur teils beantwortet worden sind: Warum musste unser Vater oder unser Bruder sterben? Welche Helfershelfer hatte der NSU? Welche Rolle spielte der Verfassungsschutz?

Kann der Prozess noch platzen?

Bei einer Angeklagten wie Frau Zschäpe muss man mit dem Schlimmsten rechnen. Wir haben ja gehört, dass sie Probleme mit ihrem Verteidiger Heer hat. Jetzt soll der abgelöst werden. Ich glaube, dass ein Damoklesschwert über uns schwebt und wir den Punkt erreichen können, wo ich konstatieren muss, es ist ein Vertrauensbruch eingetreten, der sich nicht reparieren lässt.

Zschäpe hat selbst die Sitzordnung beanstandet ...

... ein unwürdiges Niveau. Da frage ich mich, ob allen Beteiligten klar ist, wo wir stehen. Im Mordprozess.

Trotzdem: Verraten solche Verfahrensfragen in Wahrheit nicht eine Strategie zur Prozessverzögerung.

Ja, ich glaube, dass Zschäpe eine Frau ist, die nicht aus einer Laune heraus handelt, sondern sehr durchdacht, ja manipulativ.

Wird sie an ihren Pflichtverteidigern vorbei beraten?

Ich würde es anders sehen. Auf der einen Seite ist ihr neuer Verteidiger, auf der anderen Seite sind die alten, mit denen Zschäpe nicht redet. Von wem ihr neuer Anwalt unterstützt wird, das wissen wir nicht.

Wird das Verfahren unfair, wenn Frau Zschäpe Verteidiger hat, die nicht ihr Vertrauen besitzen?

Das wäre dann der Fall, wenn es einen totalen Vertrauensbruch gäbe, wenn er belegt wäre und das Gericht trotzdem keinem Austausch zustimmen würde. Nur hat eben noch keiner diesen Vertrauensbruch begründet. Zuletzt haben die Verteidiger Zschäpe selber um Entlassung gebeten. Sie konnten das nicht begründen, weil sie dann gegen die anwaltliche Schweigepflicht verstoßen hätten. Ich habe Frau Zschäpe gebeten, die Anwälte in diesem Punkt von der Schweigepflicht zu entbinden, damit sie reden können und der Senat gegebenenfalls zustimmen kann. Aber sie hat darauf nicht reagiert.

Gibt es da einen Zielkonflikt?

Für die Anwälte gibt es tatsächlich diesen Zielkonflikt. Die wollen auf der einen Seite entbunden werden, auf der anderen Seite können sie es nicht begründen. Um das Ganze noch ein bisschen komplizierter zu machen: Ich glaube, dass der Antrag der Zschäpe-Anwälte ein Stück weit auch für die Galerie gestellt worden ist. Sie haben nicht ernsthaft damit gerechnet, entlassen zu werden.

Was dann?

Hier ging es auch um ein Signal an Frau Zschäpe. Die Anwälte wollten demons­trieren, dass sie nicht ihre Handlanger sind, sondern eigenständige Verfahrensbeteiligte. Nennen Sie es anwaltlichen Selbsterhaltungstrieb.

Haben Sie noch die Hoffnung, dass Frau Zschäpe aussagt?

Ich schließe nicht aus, dass sie aussagt, denn sie wird mit ihrer Schweigestrategie am Ende schweigend verurteilt. Aber wenn sie aussagt, wird sie nicht die volle Wahrheit sagen.

Sie wird mit der Wahrheit taktisch umgehen?

Davon gehe ich aus. Einer der Zeugen hat sie als bauernschlau bezeichnet. Das passt.

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