Berlin –

Das Kreuz mit dem Kreuz

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Buero Berlin

18 Millionen Deutsche gehen einmal im Jahr wegen Rückenschmerzen zum Arzt. Die Kassen kostet das rund sieben Millarden Euro im Jahr

Berlin –. Christoph Straub hat Rückenschmerzen. Erst eine kleine Verletzung, dann kein Sport – schon zieht es im Kreuz. „Ich habe Glück, weil meine Schmerzen nicht schlimmer werden“, sagt er. Straub ist Chef der Barmer GEK. Und er erzählt zu Beginn der Pressekonferenz von seinen Rückenproblemen, um zu verdeutlichen, wie alltäglich dieses Leiden ist. Der Krankenkassenchef spricht von einer Volkskrankheit.

Zu den Zahlen: 85 Prozent der Menschen in Deutschland haben einmal im Leben Rückenschmerzen. 15 Prozent der Krankschreibungen gehen auf dieses Leiden zurück. 18 Prozent der Menschen, die früher in Rente gehen, tun dies wegen Problemen mit dem Kreuz. Frauen leiden häufiger an lumbalen Rückenschmerzen, also an Schmerzen im unteren Rücken. Betroffen sind meist Menschen, die sich im Beruf und in der Freizeit extrem viel oder extrem wenig bewegen.

Teuerste Erkrankung

Straub spricht von indirekten Kosten von sieben Milliarden Euro pro Jahr - damit gehören die Kreuzschmerzen zu den teuersten Erkrankungen. 18 Millionen Menschen gehen wegen dieser Erkrankung einmal im Jahr zum Arzt. Und immer mehr Menschen suchen Hilfe im Krankenhaus. Zwischen 2006 und 2014 ist die Zahl der jährlichen Krankenhausfälle von 282.000 auf 415.000 gestiegen. Das geht aus dem am Dienstag in Berlin vorgestellten Krankenhausreport der Barmer hervor.

„Offenbar landen auch Patienten im Krankenhaus, denen dort nicht wirklich geholfen werden kann“, sagt Straub. Ein Drittel der Patienten bekommt im Krankenhaus eine Schmerztherapie mit Spritzen, ein Drittel wird an der Wirbelsäule operiert – und bei einem Drittel werden überwiegend Kernspintomographien oder Röntgenaufnahmen gemacht. Doch dafür sind eigentlich nicht die Kliniken zuständig, sondern die niedergelassenen Ärzte. „Für diese etwa 140.000 Patienten kann man von einer Fehlversorgung sprechen, die es dringend zu beseitigen gilt“, sagt Straub. Hier geht es auch um Geld: Diese Untersuchungen kosten in Krankenhäusern mehr. Straub fordert eine gute und fachübergreifende Versorgung durch niedergelassene Ärzte. Hausärzte, Orthopäden sowie Physio- und Sporttherapeuten sollten besser zusammenarbeiten.

Jahrelanger Leidensweg

Rückenschmerzen sind hartnäckig. Das weiß auch Eva Maria Bitzer, Professorin in Freiburg und Mitautorin der Studie. „Es gibt kein Zaubermittel für diese Patienten – das ist leider auch klar“, sagt Bitzer. Und so bewegen sich viele Menschen mit diesen Leiden jahrelang durch Praxen und Physiotherapien, ohne dass ihnen geholfen werden kann. Eine Operation wird da manchmal als Ausweg angeboten. Die Zahlen steigen: Zwischen 2006 und 2014 gab es in Deutschland eine Steigerung der Bandscheibenoperationen um 12,2 Prozent. Die Zahl der Wirbelsäulenversteifungen stieg sogar um 83,1 Prozent.

Doch glücklich sind die wenigsten Patienten mit der Behandlung im Krankenhaus. Nur jeder Zweite ist nach einer Operation mit dem Ergebnis zufrieden. Nach einer Schmerztherapie sind es sogar nur ein Viertel der Behandelten. Insgesamt ist etwa nur ein Drittel nach der Behandlung in einer Klinik schmerzfrei. Bitzer nennt diese Zahlen „ernüchternd“. Sie fordert von den Ärzten: Patienten müssen vor der Behandlung oder der Operation darüber aufgeklärt werden, dass danach nicht automatisch Schmerzfreiheit erwartet werden kann. Bitzer rät deshalb auch: „Normale Rückenschmerzen am besten ignorieren.“ Einfach hinnehmen wie einen Mückenstich. Zum Arzt sollte jeder, der Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Lähmungserscheinungen spürt.

Am wichtigsten ist es, dass Schmerzen nicht chronisch werden. Sonst werden Menschen mit Rückenleiden über die Jahre oft zu Schmerzpatienten. Christoph Straub, der Krankenkassenchef mit den Rückenschmerzen, hat deshalb noch einen Tipp, wenn es im Kreuz zum ersten Mal zieht: bewegen statt schonen.