Politik

Freude schöner Ferienlager

| Lesedauer: 4 Minuten

Warum es keinen Grund zur Trauer gibt, wenn der Nachwuchs ins Urlaubscamp fährt

Wir sind eine entspannte Familie. Freiräume sind wichtig, damit sich Eltern ihren Fähigkeiten gemäß entwickeln können. Kinder sind ja gut entwickelt, vor allem beim Bedienen elektronischer Geräte. Erwachsene dagegen bilden sich zurück und verlernen Kulturfertigkeiten wie Trödeln, Vergessen, Taubstellen, zielloses Starren oder Liegen- und Loslassen.

Ach ja, das Loslassen. Monatelang hatten wir uns auf diesen ersten Freitag der Ferien vorbereitet, da uns unser kleiner Sonnenschein, leider, leider, verlassen würde. 14 Tage Spiel- und Sportcamp im Mecklenburgischen, zwei satte Autostunden Sicherheitsabstand – unsere Gebete wurden erhört. Einziges Problem: Worüber sollten die Chefin und ich die ganze Zeit reden?

Wir hatten Hans akribisch vorbereitet, um den Abschiedsschmerz zu mildern. Die Chefin hatte ein kleines Quiz ausgearbeitet. Frage 1: Warum steckt im Kulturbeutel ein Stück Seife? A) Um damit in der Dusche zu kicken? B) Zum täglichen Reinigen des gesamten Körpers? C) Was ist ein Kulturbeutel? Hans grübelte. B fiel schon mal aus, weil er in der Schule gelernt hat, dass Wasser knapp ist und nicht für Nebensächlichkeiten verschwendet werden sollte. A, das merkte der kleine Schlauberger sofort, beinhaltete einen Fallstrick. Denn um in der Dusche mit Seife zu kicken, muss man ja erst mal in die Dusche gehen. Folglich entschied sich das Kind für C. Da geben wir mal einen halben Punkt, dachte ich, immerhin war er ehrlich gewesen.

Noch ein Versuch: Was geschieht mit Popeln? A) Die schnäuzt man ohne Getöse in ein Taschentuch. B) Zu kleinen harten Kügelchen rollen und dem Betreuer in den Hagenbuttentee schnipsen. C) Aufessen. Da A ein Taschentuch voraussetzte und C von den Eltern schon mehrfach verboten worden war, blieb nur B, was aber wenig überzeugend klang. „Keine Antwort ist richtig“, stellte unser Wunderkind fest. Diesmal würde ich einen ganzen Punkt vergeben, weil er zumindest die zwei falschen Antworten nicht gegeben hat. Wir brachen die Schulung ab. „Und was ist, wenn ich Heimweh bekomme?“, jammerte der Kleine. „Ausgeschlossen“, antwortete ich, „Heimweh ist verboten.“

Der junge Mann quittierte weitere Erziehungsversuche mit Taubstellen und ziellosem Starren bei stark gedrosselter Hirndatenübertragungsrate, obgleich wir noch ein sehr schönes Thema anschneiden wollten. Briefescheiben. Denn die Betreuer hatten striktes Handyverbot verhängt und stattdessen Papier und Umschläge angefordert. Ist doch toll, wenn Zehnjährige aus lauter Liebe ein nettes Bild und ein paar heitere Verse hintupfen. „Da freuen sich Mama und Papa ganz doll“, bettelte ich. Nach einer Viertelstunde Adresse-Üben regten wir an, dass Hans die Briefe, so er sie überhaupt schreiben würde, einfach mit nach Hause bringt. Es sei denn, bei der Post arbeiten Hieroglyphenexperten.

Am Treffpunkt wunderten wir uns, wo die anderen Kinder wohl ihr Kopfkissen, die Kuscheldecke, Stofftiere, Bücher, den Helm, Knieschoner, die Reiseapotheke und vor allem die Essensvorräte untergebracht hatten. Und das gerahmte Hochzeitsfoto von den Eltern. Wir hatten Probleme gehabt, das Nötigste in drei Rollkoffern und einer Kühltruhe unterzubringen.

Unser Sohn hielt merklich Distanz zu uns. Ja, so zeigen sie in dem Alter halt ihre Zuneigung. Zum Abschied hob Hans die Hand denn auch sehr rasch und knapp über Hüfthöhe, als er in den Bus kletterte. Auch okay, ich hatte sowieso gerade keine Hand frei. Im linken Arm hielt ich die unter Heulkrämpfen zuckende Chefin, mit der Rechten filmte ich. Ich hob ein Bein zum Abschied. Der Bus fuhr ab.

Augenblicklich versiegten die Tränen. Wir fielen wildfremden Eltern um den Hals, führten Freudentänze auf, Champagnerkorken knallten. Alle schalteten die Handys aus. Das Leben mit Kindern ist großartig, deswegen teilen wir diese tolle Erfahrung mit den Betreuern. Mal sehen, was für ein Wesen wir in zwei Wochen zurückbekommen.

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