Havanna –

Diplomatische Pionierarbeit

Außenminister Frank-Walter Steinmeier betrittin Kuba Neuland und trifft Raúl Castro

Havanna –.  Zwischen zwei riesigen, opulenten Vasen geht es in den Salon „Roa Carcia“. Marmor bildet den Fußboden, an den Wänden wiederum Marmor, Leuchter, ein riesiger Spiegel. Kostbarkeiten finden sich hinter einer Glasvitrine. Repräsentativ geht es zu in diesem, dem alten Teil des Außenministeriums in Kubas Hauptstadt Havanna. Ein Kontrapunkt zu der anderen, „modernen“, heruntergekommeneren Seite des Komplexes.

Eben erst haben sich Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und sein kubanischer Kollege Bruno Rodríguez Parrilla im Foyer des „alten“ Außenministeriums die Hände gereicht – hinter ihnen die kubanische und die deutsche Fahne. Ein Novum in Havanna, noch nie war ein bundesdeutscher Außenminister hier. Nun sitzen die Amtskollegen an diesem Donnerstag mit ihren beiden Delegationen bei Wasser und kubanischer Cola, Keksen und Süßigkeiten zusammen.

Zunächst, so ist es üblich, ergreift der Gastgeber das Wort. Von der gemeinsamen Erklärung, die beide Männer später unterzeichnen werden, spricht Kubas Außenminister. Außerdem würdigt Rodríguez Steinmeiers „wichtige Aufgaben in den letzten Wochen“ – gemeint sind die Atomverhandlungen mit dem Iran, die hinter seinem Gast liegen.

Die kleinste deutsche Botschaft

Wegen eben dieser Gespräche in Wien hatte Steinmeier seine Reise nach Kuba zweimal verschieben müssen. Er bittet um Entschuldigung für diese Verzögerung. Mit seinem Besuch in Kuba betrete man „Neuland“. „Wir kommen mit großer Neugier“, sagt Steinmeier. Es gehe darum, die „Sprachlosigkeit, die es zwischen Ihrem und unseren Land gegeben hat, zu überwinden“.

Dieser bescheidene Wunsch bringt die Intention von Steinmeiers knapp zweitägigem Aufenthalt in Havanna auf den Punkt. Es geht nicht um weitreichende Abkommen, nicht um ausgeklügelte Verträge oder um milliardenschweren Handel. Nein, die Bundesrepublik Deutschland und Kuba fangen ziemlich bei null an. Bonn und Havanna waren sich seit der Revolution von 1959 stets fremd, was auch daran lag, dass das kubanische Regime mit Ost-Berlin eng verbunden war.

Investitionen und Handelsaustausch sind bis heute gering; gerade einmal 30 deutsche Unternehmen sind auf Kuba tätig. Die deutsche Botschaft in Havanna zählt, bislang, zu den kleinsten, die Berlin in der Welt unterhält. Steinmeier leistet, motiviert durch zaghafte Reformen der kommunistischen Führung, politische Pionierarbeit in Kuba.

Mit jener Reise bewegt sich die Bundesregierung diplomatisch, mal wieder, in der Mitte. Der französische Präsident François Hollande war im Frühling nach Havanna gereist. Auch die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini war schon da, außerdem die Außenminister von Italien und den Niederlanden. Nun also Steinmeier – bevor die USA ihre Botschaft nach Jahrzehnten der Eiszeit eröffnen.

An dem Gebäude an der Meerespromenade rauscht Steinmeiers Kolonne vorbei. US-Außenminister John Kerry, ist zu hören, verschiebe seinen Aufenthalt in Kuba, weil er sich – die Folge eines Fahrradunfalls – nicht ausgerechnet beim einstigen Erzfeind mit Krücken sehen lassen möchte.

Schon die Art und Weise, wie Steinmeiers Besuchsprogramm beginnt, offenbart, wie sehr Kuba für die Deutschen „Neuland“ ist. Derlei Reisen werden meist eröffnet durch ein Gespräch von Gastgeber und Gast, also unter Amtskollegen. In Havanna aber lässt sich Steinmeier erst einmal die Altstadt zeigen. Er ist das erste Mal in Kuba, die erste Parole, am Flughafengebäude, lautet: „Vaterland und Humanität“, in großen Lettern. Der deutsche Regierungsairbus parkt neben einer kubanischen Maschine, eine in die Jahre gekommene Antonow. Den Weg in die Stadt säumen einige Propagandaplakate und Fidel-Castro-Konterfeis.

In der Altstadt führt ein Mitarbeiter aus dem „Büro des Stadthistorikers“, der heute leider verhindert ist, den Minister zum Platz der Waffen, wo Händler Bücher von Fidel Castro und Che Guevara sowie anderen Nippes verkaufen. Hier war 1519 Havanna gegründet worden; seit 1982 zählt die Altstadt zum Unesco-Weltkulturerbe.

„Die Geschichte Havannas ist eng verbunden mit der Bucht und dem Meer“, sagt der Stadtführer, deutet auf die alte Festung, die heute das Schiffbaumuseum beherbergt. Steinmeier hat seine Krawatte im Auto gelassen, lässt sich das Jackett abnehmen. Sein Programm ist im wörtlichen Sinne schweißtreibend.

„Wir waren eine Nation, aber kein Staat“, sagt der Stadtführer, erläutert die Geschichte der Gebäude. Steinmeier fragt nach, will Näheres wissen und ist angetan von den Kenntnissen des Stadtführers. „Ich lese gerade einen spanischen Kriminalroman. Es geht um einen ehemaligen Polizisten ...“ Der Dolmetscher übersetzt, der Stadtführer ruft: „Mario Conde!“

Steinmeier will wiederkommen

Steinmeier bestätigt, lacht sein kehliges Lachen und findet noch ein paar Worte über jenen Detektiv. Jene Geschichte lässt der Autor Leonardo Padura in Havanna spielen. Steinmeier hat sich vielfältig auf Kuba vorbereitet; er benennt Verbindungen, Verbindliches, was anderswo kaum nötig wäre.

Die – vorsichtige – Privatisierungspolitik lässt sich Steinmeier anhand der kleinen Privatzimmer und Restaurants erläutern, das Kurzzeit-Wohnhaus von Alexander von Humboldt will er unbedingt sehen. Gefragt nach der Bedeutung seines Besuchs aber, zeigt sich Steinmeier alles andere als großspurig. „Erst seit einigen Monaten“ gebe es Veränderungen in Kuba, sagt er, verweist auf die bilaterale Vereinbarung, die er Stunden später mit seinem Amtskollegen unterschreiben wird. „Mechanismen des Austausches“ gelte es zu entwickeln, außerdem eine Repräsentanz der deutschen Wirtschaft in Kuba. Das klingt nach viel Arbeit. Aber Steinmeier ist überzeugt: „Ich bin nicht zum letzten Mal hier.“ Und zur Wiederkehr will ihn die kubanische Führung offenbar auch ermuntern: Am Donnerstagabend, nach deutscher Zeit schon nachts, empfing dann auch Präsident Raúl Castro den Außenminister.