Politik

Ein Hoch auf die Mode

| Lesedauer: 4 Minuten

Die Großstädter sollten Events wie die Fashion Week mehr schätzen

Leyla Piedayesh hat die Nörgelei satt. Die Berliner Modedesignerin will die halbjährlich aufkommende, pünktlich zum Zeltaufbau keimende Kritik an der Modewoche der Hauptstadt nicht mehr verstehen. Ich auch nicht. Wo bleibt nur die internationale Prominenz, warum sind wir nicht London, Paris oder Mailand, ist das nicht nur ein reiner Modetreff voller Champagnerempfänge ohne Erkenntnisse – und warum muss dafür eigentlich immer die Straße des 17. Juni herhalten? Im Meckern sind wir wahrlich groß.

Was die Fashion Week der Hauptstadt bringt? 200.000 Besucher und eine zusätzliche Wirtschaftsleistung von 240.000 Euro. Darüber hinaus profitieren Hotellerie und Gastronomie, es kommen junge und kreative Menschen nach Berlin, sie bringen Leben, Farbe und Ideen. „Macht es die Stadt nicht bunter, fröhlicher?“, fragte am Freitag „Vogue“-Chefredakteurin Christiane Arp. „Meine Fashion Week-Premiere hat mir eindrucksvoll gezeigt, zu welch relevantem Wirtschaftsfaktor sich die Mode in Berlin entwickelt hat“, sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder.

Insgesamt stellten in Berlin in dieser Woche mehr als 3000 Marken ihre Kollektionen für den kommenden Frühling und Sommer vor – nach Angaben des Wirtschaftssenats so viele wie noch nie. Die Berlin Fashion Week gehört zu den wirtschaftsstärksten Veranstaltungen in der Hauptstadt. Und sie wächst. Auch ohne internationale Gäste.

Bemühten sich in der Vergangenheit Label und Sponsoren noch, Schauspieler aus Hollywood mit Gigant-Gagengarantie an den Berliner Catwalk zu zwingen, war das Zelt vor dem Brandenburger Tor dieses Mal entspannend Prominenz-befreit. Lediglich Eva Herzigova, Elle MacPherson und „Mercedes-Benz Fashion Week“-Gesicht Doutzen Kroes sorgten für Aufsehen. Zumindest haben diese bezahlten Besucher jedoch ihre Berechtigung, auf so einer Modewoche. Als Models. Und so wurde die Modewoche, was sie ist: Ein Branchentreff.

Was den Vergleich mit der Pariser, Mailänder, New Yorker oder Londoner Fashion Week angeht: Wir sind hier in Berlin. Die historische Ausgangssituation, erst seit rund 25 Jahren wieder eine vereinte Stadt sein zu dürfen und die zuvor herrschende Zwischenlösung mit Düsseldorf als Ersatz-Modemekka, ist eine andere. Was Berlin kann, wofür es sich auch selbst gern feiert, die Dinge selbst angepackt und reüssiert zu haben, das hat es auch in Sachen Mode geschafft. Innerhalb von 25 Jahren ist eine Fashion Week entstanden, die ihren eigenen Weg gesucht – und final gefunden hat. Erfolgsbilanzen auf den Messen wie der Panorama oder Premium, erstere gab am Freitag ihre mit Messechef Christian Göke beschlossene weitere Zusammenarbeit bis 2030 bekannt, letztere den Zukauf der Sportswear-Messe Bright, zählen. In Berlin geht es weniger um Glanz oder Glamour, es geht um die jungen Menschen, ihre Kreativität und neue Trends, um die Vernetzung von Mode mit Hightech, Start-ups und Nachhaltigkeit. Dafür ist die Berliner Fashion Week bekannt. Sowie für ihre lokal ansässigen Designer, die national – und international erfolgreich sind. Leyla Piedayesh von Lala Berlin, Marina Hoermanseder, Alexandra Fischer-Roehler und Johanna Kühl von Kaviar Gauche. Dazu kommen Augustin Teboul, Kilian Kerner, Bobby Kolade, Michael Sontag. Julian Zigerli kehrte nach drei Auftritten in Mailand ins angestammte Berlin zurück. „Wegen des frischen Geistes und der unkonventionellen Möglichkeiten“, wie er sagt.

Lassen wir uns das nicht nehmen. Auch wenn die zweiwöchige Sperrung der Straße des 17. Juni Umstände bedeutet. Eine Großstadt zu sein bedeutet auch, Großevents zu unterstützen. „Berlin muss aufpassen, nicht spießig zu werden“, sagte Tourismuschef Burkhard Kieker schon 2014. Sollte Berlin seine für die Stadt wichtigen Veranstaltungen mit den schönen Bildern vom Brandenburger Tor gefährden, werde es „eine ernsthafte Diskussion geben, ob Berlin noch eine hippe Trendstadt ist“.

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