London -

Großbritanniens Angst vor dem Terror in Tunesien

| Lesedauer: 5 Minuten
S. Bolzen, A. Hackensberger Und Martina Meister

Die britische Regierung fürchtet einen weiteren Anschlag in Nordafrika und warnt Urlauber

London -.  Die britische Regierung hat eine dringende Reisewarnung für Tunesien ausgegeben. Bis zum Wochenende sollen rund 3000 britische Touristen, die derzeit in dem nordafrikanischen Land Pauschalurlaub machen, ausgeflogen werden. Ende Juni waren bei einem Terroranschlag im Badeort Sousse 38 Menschen ums Leben gekommen, 30 von ihnen Briten. Außenminister Philip Hammond wählte auffallend klare Worte, um die massive Evakuierung britischer Touristen zu rechtfertigen. „Seit den Anschlägen in Sousse haben sich das Bedrohungsbild wie auch die Erkenntnisse der Geheimdienste erheblich erweitert. Dies bringt uns zu der Ansicht, dass weitere Attentate sehr wahrscheinlich sind“, so Hammond.

Im selben Atemzug übte er, wenn auch diplomatisch, scharfe Kritik an Tunesien. „Zudem haben wir jetzt unsere Einschätzung der Sicherheitsmaßnahmen in den Touristengegenden abgeschlossen. Zwar arbeiten wir weiterhin mit den tunesischen Behörden zusammen, um diese Maßnahmen zu verstärken. Doch unserer Einschätzung nach ist mehr Arbeit nötig, um Touristen vor der Terrorbedrohung zu schützen.“

Entsetzen in Tunis

Die tunesische Seite reagierte auf Londons Maßnahme entsetzt und verärgert. „Das ist genau das, was die Terroristen wollen“, warnte Nabil Ammar, der tunesische Botschafter in Großbritannien. Viele Menschen würden ihre Arbeit verlieren und stünden auf der Straße. Tunesiens Premierminister Habib Essid drohte sogar mit einem „Nachspiel“. Großbritannien könne als souveräner Staat entscheiden, was immer es möchte. „Aber auch wir sind souverän und müssen und werden Position beziehen“, sagte Essid dem Parlament in Tunis.

Rund 2000 Briten verbringen derzeit ihren Urlaub mit dem Unternehmen Thomas Cook in Tunesien. Der Reiseveranstalter hat Sonderflüge eingesetzt, um die Urlauber auszufliegen, die sofort nach Hause wollen. Am Freitagmorgen reisten bereits Hunderte Touristen ab. Insgesamt sollen sich im Moment mehr als 3000 britische Urlauber in Tunesien aufhalten. Das Land ist auch bei deutschen Touristen beliebt. Nach Angaben des tunesischen Fremdenverkehrsamts in Deutschland reisten im Juni rund 36.000 Deutsche in Tunesien ein. Allein in der letzten Juniwoche waren es fast 9000. Das Auswärtige Amt rät derzeit nicht grundsätzlich von Reisen ab. Man solle aber „im ganzen Land besondere Vorsicht walten lassen“. Allerdings solle man bestimmte Landesteile meiden, wie beispielsweise die Gebirgsregion nahe der algerischen Grenze oder die tunesische Wüste.

Aber hat das nordafrikanische Reiseland nach den beiden Anschlägen im Bardo-Museum und am Strand von Sousse tatsächlich genug für die Sicherheit ihrer Feriengäste getan? Vor einer Woche wurde der Ausnahmezustand ausgerufen. Polizei und Militär sind wie versprochen präsenter in Tourismusorten und vor Hotels. Über 80 Moscheen, die keine offizielle Genehmigung haben, sollen geschlossen werden.

In den Augen des britischen Außenministeriums ist das alles nicht genug, wie Außenminister Hammond erkennen lässt. Nach den 38 Toten von Sousse gibt es kein Vertrauen mehr in die tunesischen Sicherheitsbehörden. Über 30 Minuten hatte es gedauert, bis die Polizei am Tatort war. Wahrscheinlich hätten viele Menschen gerettet werden können, wenn die Sicherheitskräfte rechtzeitig eingetroffen wären.

Fraglich aber ist, ob selbst die umfassendsten Sicherheitsmaßnahmen Anschläge wie in Sousse verhindern könnten. Der Todesschütze Seifiddine Rezgui gehörte zwar einer radikalen Gruppe an, war aber letztlich ein Einzeltäter. Im Jargon von Sicherheitsexperten spricht man von „einsamen Wölfen“. Wie die tunesischen Behörden herausfanden, wurde Rezgui im Umfeld von Ansra al-Scharia radikalisiert. Diese sunnitisch-extremistische Organisation wurde im August 2013 verboten, hat aber in Tunesien immer noch Anhänger. Nach der tunesischen Jasmin-Revolution 2011 konnte sie zwei Jahre lang ungestört ein breites Netzwerk aufbauen. Gedeckt wurde sie dabei von der islamistischen Regierungspartei Ennahda.

Erst nach der Ermordung von zwei Oppositionspolitikern 2013 und landesweiten Demonstrationen musste diese dem Druck der Öffentlichkeit nachgeben und Ansar al-Scharia verbieten.

Die Evakuierung britischer Touristen mag im ersten Moment überzogen wirken. Aber in Tunesien besteht weiterhin ein hohes Sicherheitsrisiko für Europäer. Für die junge tunesische Demokratie ist das ein harter Schlag. Der Tourismus macht in Tunesien über sieben Prozent des Bruttoinlandproduktes aus. 473.000 Menschen sind direkt oder indirekt in der Branche beschäftigt. Das sind knapp 14 Prozent der aktiven Bevölkerung. „Die große Gewinnerin der Revolution ist die Demokratie, die große Verliererin leider die Wirtschaft“, sagte die charismatische Tourismusministerin Amel Karboul, als sie im Februar aus dem Amt der Übergangsregierung schied. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt noch auf das „Branding der Marke Tunesien“ gesetzt. Doch an der haftet jetzt das Blut ausländischer Touristen.

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