Berlin –

Der Plan B des Bernd Lucke

Der AfD-Gründer wird vermutlich eine neue Partei gründen. Ungewiss ist, wie viele ihm folgen

Berlin –.  Mit Bernd Luckes Austritt hatten sie bei der Alternative für Deutschland (AfD) seit einer Weile gerechnet. Längst einkalkuliert ist auch die Gründung einer neuen Partei. „Es ist völlig klar, was er vorhat“, sagt Marcus Pretzell, AfD-Chef in Nordrhein-Westfalen. „Er ist schon lange zweigleisig gefahren“, unkt der Vertraute von Parteichefin Frauke Petry. Seit dem Parteitag in Essen am Wochenende sind die Verhältnisse geklärt. Lucke hat den Machtkampf um den Vorsitz gegen Petry verloren und will heute offiziell austreten. Viele werden dem Beispiel des AfD-Gründers folgen. Jörn Kruse, Parteichef in Hamburg, kündigte sein Ausscheiden bereits an.

Für Hans-Olaf Henkel, der bereits am Sonntag ausgetreten war, kommt Luckes Entscheidung nicht überraschend. „Ich habe Lucke nicht darin bestärkt – das war gar nicht nötig.“ Der Austritt sei konsequent, sagte Henkel. AfD-Vize Alexander Gauland sieht das genauso. „Die AfD ist nicht mehr seine Partei.“ Gauland sagt das aus einer anderen Perspektive als Henkel. Lucke habe in den „vergangenen Monaten alles falsch gemacht“, sagt er. „Er tut mir leid.“ Er sagt das ohne Hohn.

Jetzt also Plan B: Lucke hatte schon im Mai die Initiative „Weckruf 2015“ ins Leben gerufen. So vergewisserte er sich, wie viel Gefolgschaft und Rückhalt ihm geblieben waren. 4000 Mitglieder zählt „Weckruf“. Die Hälfte beteiligt sich gerade an der Befragung über die Gründung einer neuen Partei. Dafür stimmten bisher mehr als 75 Prozent. Am 19. Juli wollen sich die Leute von „Weckruf“ in Kassel treffen.

„Weckruf“ hat, einer Partei nicht unähnlich, eine eigene Satzung, dem Vernehmen nach auch bereits eine Internetseite für den Neustart reserviert. Luckes Lager hatte für den Fall vorgesorgt, dass er den Machtkampf verlieren würde. Er selbst behauptet nach wie vor, es sei „nichts entschieden“. Henkel, der wie Lucke für das eher seriöse, akademische Profil der AfD stand, überlegt, ob er bei einer neuen Partei dabei sein wird.

Luckes bisherige innerparteiliche Gegner wie NRW-Chef Pretzell fühlen sich bestätigt. Auch sie sammeln sich neu. Heute tagt der neue Vorstand in Berlin. Es ist ein kritischer Zeitpunkt. Gerade jetzt, wo sich die Griechenland-Krise dramatisch zuspitzt, muss die Partei der Euro-Skeptiker ungeachtet der Abgänge arbeitsfähig sein. Es spricht einiges dafür, dass Petry dem früheren Geschäftsführer Georg Pazderski die Organisation antragen wird. Er lebt im Ruhestand, wohnt in Berlin, ist Beisitzer im Vorstand und mit der Partei vertraut. Lucke hatte ihn seines Amtes enthoben. „Da muss einiges passieren“, meint Pretzell. Zuletzt habe Lucke die Strukturen in der Geschäftsstelle zerschlagen.

2000 Parteiaustritte erwartet

Fast 22.000 Mitglieder hat die AfD. Wie viele ihr den Rücken zukehren werden, ist offen. „Lassen Sie uns ein paar Tage Zeit“, wehrt Pretzell Nachfragen ab. Die Austrittswelle geht jetzt erst richtig los. Gauland schätzt, dass zehn Prozent der Mitglieder zu Lucke wechseln werden. Er hat jedoch keine Angst vor einem Exodus. „In Brandenburg gibt es das Problem de facto nicht“, sagt der Chef der AfD-Fraktion im Potsdamer Landtag.

In Berlin sieht die Sache schon anders aus. Eine Gruppe von AfD-Mitgliedern aus Marzahn-Hellersdorf hat bereits den Bruch mit der Partei verkündet. In der Erklärung heißt es: „Die AfD ist nicht mehr die Partei, für die wir uns begeistert und eingesetzt haben.“ Die Gruppe setzt auf einen Neuanfang mit Lucke. Auch Unternehmer haben genug von der Petry-Partei. Laut „Wirtschaftswoche“ wollen Hans Wall, Gründer der auf Außenwerbung spezialisierten Wall AG, und Nanofocus-Aufsichtsratschef Hans Hermann Schreier aus Oberhausen die Partei verlassen.

Bundesweit wird die AfD sicher einige Tausend Mitglieder verlieren. Darunter sind Karrieristen, die auf Lucke gesetzt haben und setzen, ebenso Querulanten, aber eben auch viele bürgerliche Wähler, die sich sorgen, dass die AfD nach rechts abdriftet. Um die ersten zwei Gruppen sei es nicht schade, aber die letzte Gruppe würde man gern halten, heißt es in der Partei. Klar scheint: Die AfD rückt ohne ihren Wirtschaftsflügel tatsächlich nach rechts. „Zwischen der AfD und der Union ist jetzt viel Platz für eine neue Partei“, sagt Henkel. Die AfD sei heute nur noch eine Protestpartei, sie „wird zu einem ostdeutschen Phänomen verkümmern“. Gegen diese Sicht wehrt sich Gauland. Er verweist auf Henkels Zitat, die AfD sei jetzt eine „NPD im Schafspelz“. „Das finde ich falsch und schäbig.“ Die AfD nehme keine Ex-Mitglieder der NPD oder DVU auf.

Chaos in der EU-Fraktion

Die Trennung vom Lucke-Lager wird im AfD-Alltag manches leichter machen. Zuletzt waren die Flügelkämpfe zur Belastung geworden. Chaotisch ist die Situation im EU-Parlament. Von sieben Abgeordneten wollen fünf die Partei verlassen. Die AfD wird künftig in Straßburg nur noch von Pretzell und Beatrix von Storch vertreten. In dem 74-köpfigen Zusammenschluss von Konservativen und Euro-Skeptikern, der EKR, werden sich drei deutsche Parteien tummeln: AfD, Familienpartei und fortan Luckes „Weckruf“-Freunde.

Das gefällt Gauland nicht. Er fordert Lucke und Henkel auf, ihre Mandate aufzugeben. „Das verlangen die Regeln des politischen Anstandes“, sagte Gauland und meint jeden, der sein Mandat in einem Parlament auf AfD-Ticket bekommen hat und jetzt austritt.

Henkel, den Gauland aus dem EU-Parlament drängen will, hat mit seiner alten Partei noch eine Rechnung offen. Die AfD schuldet ihm Geld. Henkel hatte ihr einen Kredit von einer Million Euro gewährt – als Starthilfe für die Wahlkämpfe. Zwei Drittel sind getilgt, am 1. September folgt die letzte Rate. Henkel bereut die Starthilfe heute: „Ich habe eine Mitschuld daran, dass die neue AfD finanziell gut dasteht. Daran trage ich schwer.“