Politik

Buschbohnen, Stadtmarathon und Zukunftsangst

Die Generation 50 plus ist so jung und gelassen wie noch nie. Doch ich habe da meine Zweifel

Die Generation 50 plus lebt nicht nur bewusster und gesünder als Jüngere, sondern auch gelassener, hat eine Studie des Insa-Instituts festgestellt. Dass Letzteres hinkommt, sehen Sie schon daran, wie gelassen ich hier diesen Text beginne. Die Studie wollte das Lebensgefühl und die Werte der Älteren ermitteln. Wichtigstes Ergebnis: Sie fühlen sich gar nicht „älter“, sondern mehrheitlich viel jünger, als sie sind. Überraschend ist dieses Ergebnis eigentlich nicht. Es geht immerhin um die geburtenstarken Jahrgänge ab Ende der 40er- bis Mitte der 60er-Jahre, die als Babyboomer oder Achtundsechziger bekannt sind.

Sie haben keinen Krieg erlebt und mussten nicht mit schwieligen Händen das Wirtschaftswunder aufbauen. Sie wuchsen mit Jimi Hendrix auf, demonstrierten gegen den Paragrafen 218 und Mittelstreckenraketen, probierten alles aus, produzierten ein kolossales Beziehungsdurcheinander, erlebten den Kalten Krieg und die Wiedervereinigung. Mir fällt dazu immer der taxifahrende Vater vom Kommissar Thiel im „Tatort“ Münster ein, ein älterer Herr mit Pferdeschwanz, der zu Hause liebevoll seine Marihuana-Pflanzen pflegt.

Seit Jahren bevölkern berühmte Babyboomer unsere Abendprogramme – Iris Berben (Jahrgang 1950) etwa oder Otto Waalkes, Klaus Meine von den Scorpions, Joschka Fischer, Gregor Gysi, Jürgen von der Lippe (alle Jahrgang 1948). Die wirken tatsächlich gelassen, bis auf Gysi, der kann sich so schön aufregen. Viele Unsicherheiten hat man ja auch abgelegt, wenn man ein halbes Jahrhundert oder älter ist. Mit Anfang 20 gibt man sich gern so cool und abgeklärt wie Manuel Neuer, ist aber noch völlig überfordert, wenn die Nachbarin nachts um drei Schlagzeug übt, der Vermieter über das Fahrrad im Flur meckert oder man den ersten Arbeitsvertrag aushandeln soll. Mit 50 plus hat man längst ein paar passende Textbausteine für die Nachbarin parat, säuselt dem Vermieter eine Klinke ans Ohr und ist schon so lange im Beruf, dass man bei jüngeren Kollegen als urzeitlicher Quastenflosser gilt.

Aber ist 50 plus wirklich eine gelassene Generation? Ich habe da meine Zweifel. Für die Schlecker-Frauen gilt das sicherlich nicht. Gerade die Babyboomer haben doch in zwei Dekaden erlebt, wie die Säulen des Mittelstands sich veränderten und manche ganz wegbrachen. Die Ein-Verdiener-Familie ist ein auslaufendes Modell, heute sind schon zwei Einkommen nötig, um ein Haus oder das Studium der Kinder zu finanzieren. Wenn man einer Gallup-Umfrage von 2013 glauben darf, hat heute „jeder dritte Arbeitnehmer über 50 innerlich gekündigt“: Gerade die Älteren fühlten sich im Job kaum noch gefördert und so gefragt wie alte Röhrenradios. Die Karrierejahre sind vorbei, aber kommt noch was? Auf dem Arbeitsmarkt sind über 50-Jährige heute kaum vermittelbar – im Jobcenter fühlen sie sich abgestellt wie im Parkhaus. Denn gerade die Babyboomer sind im Vergleich zur Kriegsgeneration länger jung gewesen und altern langsamer. Natürlich gibt es das zufriedene, gelassene Paar über 50, das lieber Buschbohnen als Eisbein isst, um noch den Stadtmarathon zu schaffen, und sich auf den Safariurlaub in Kenia freut.

Mindestens ebenso viele Babyboomer fragen sich heute ganz und gar nicht gelassen, nach wie vielen Praktika ihre Kinder wohl endlich einen festen Job bekommen. Oder wie sie die Pflege ihrer eigenen alten Eltern bezahlen sollen. Die Jahrgänge 50 plus sind eine Sandwich-Generation.

Sie leben nicht nur mit den früher gewonnenen Freiheiten, sondern ­beschäftigen sich auch mit den kommenden Zwängen ihrer Zukunft. Es ist schwer, in Umfragen „die“ Befindlichkeit einer ganzen Generation zu ermitteln. Bei den über 50-Jährigen funktioniert es fast nie: Da zerfasert das Bild völlig. Ich kenne Babyboomer, die sich vor der Altersarmut fürchten, und andere, die ihren Enkeln „Born To Be Wild“ vorsingen.