Politik

D-Day für die Eurozone

Dass man die gemeinsame Währung vor den Griechen retten muss, ist Konsens. Die taktischen Fähigkeiten der Bundeskanzlerin werden daran gemessen, noch mehr aber ihre Führungskraft in europäischen Regeln und Machtstrukturen, die dafür nicht eingerichtet sind.

Dass man umgekehrt die Griechen vor Europa retten muss, haben Tsipras, Varoufakis & Co. zur Entscheidungsfrage gemacht – und gewonnen. Ihr Vabanque hat sich ausgezahlt. Es wird, wenn es dabei bleibt, Schule machen. Denn das Geschäftsmodell ist so einfach wie korrumpierend für Wähler und Gewählte in ganz Europa: Schulden machen bis zum Anschlag und dann das Volk entscheiden lassen, ob es dafür zahlen will – oder doch eher nicht. Sie wollen, wie die Briten sagen, den Kuchen essen und ihn behalten, also die Transfers der EU einschließlich Regionalfonds, Strukturfonds und jede Menge Kredite konsumieren, aber das Kleingedruckte, das die Geldgeber in Brüssel, Berlin und Washington geduldig anmahnen, nicht befolgen – wenn sie es denn überhaupt könnten. Die Frage ist offen, ob die Anbeter der griechischen Regierung zuerst Griechenland und dann Europa in Richtung lateinamerikanischer Revolutionen steuern, oder ob sie ihr Land aus der Vormoderne Richtung Europa herausführen wollen. Letzteres ist nicht ein Verwaltungsakt, sondern eine Generationenaufgabe.

Die Währungsunion ist unvermindert ein Experiment in Ungleichzeitigkeit mit lebenden Figuren. Die Maastricht-Kriterien sollten Einheit herbeizwingen. Eine Währung aber, die nicht auf Gold gegründet ist, beruht auf Verträgen und Vertrauen – und sonst nichts. Wenn beides in den Wind geschlagen wird, geht zuerst die Währung verloren, danach das Vertrauen in das europäische Projekt, die Notenbank, die Regierung und die Demokratie. Vielen Europäern, am meisten den in Gelddingen empfindlichen Deutschen, wird die anhaltende Rettungspolitik der Institutionen (EZB, IMF, Kommission), die in Athen nicht einmal ihren Namen nennen dürfen, unheimlich.

Europa kann an der Währungsfrage zerbrechen. Doch kann das nicht heißen, fortgesetzt schlechtem Geld gutes nachzuwerfen. Führung heißt heute, Europa gegen Weichmacher und Währungsverderber zu retten.