Kommentar

Erst Macht, dann Inhalte - 70 Jahre CDU

Hajo Schumacher gratuliert der CDU zum 70. Geburtstag. Die Partei nötige Respekt ab, meint er, doch es kommen schwierigere Zeiten.

Man muss kein Fan dieser Partei sein, aber mit der CDU verhält es sich wie mit dem FC Bayern: Die Bilanz nötigt einem Respekt ab. 70 Jahre im politischen Geschäft, mit Adenauer, Kohl und Frau Merkel drei ziemlich große Kanzler hervorgebracht, und diese Bundesrepublik insgesamt fast über zwei Drittel ihres Bestehens regiert.

Mag der Kanzler vieler gerade Berliner Herzen immer noch und zu Recht Willy Brandt sein – wenn es um Erlangen, Erhalten und Ausbauen von Macht ging, waren die Christdemokraten der Sozialdemokratie stets voraus. Ihr Programm hieß immer: Stabilität um jeden Preis, Sicherheit zuerst, keine Experimente.

Anders als die SPD war und ist die CDU keine Programm-, sondern Pragmatismuspartei, die Ideologien nur solange gebraucht, wie sie Mehrheiten versprechen. Angela Merkel darf sich da durchaus in einer Linie mit ihren berühmten Vorgängern sehen. Adenauer propagierte die Westbindung, weil sie nutzte; Merkel schaffte die Wehrpflicht ab, weil es in einer veränderten Weltlage nutzt, vielleicht. Kohl war Fan der Atomkraft, weil sie der Industrie und damit der Stabilität im Lande nutzte. Merkel nahm kühn die Kurve zur Energiewende, die sie aus Richtung schwarz-grün nützlich fand. Merkel-CDU und Kohl-CDU – das sind zwei verschiedene Parteien. Aber beide regieren. Weil sie zuerst Macht wollen, und dann die Inhalte.

Aber es gibt auch Schwierigkeiten. Denn an den Rändern, links wie rechts, bröckelt die Popularität. In deutschen Großstädten, ob Berlin oder Hamburg, Köln oder Frankfurt, ist die CDU durchgehend marginalisiert. Den einen ist die CDU zu träge, etwa in Fragen der Schwulenehe, den anderen zu forsch, etwa bei der Einwanderung. Auf der anderen Seite mangelt es an wert- und nationalkonservativen Schlachtrössern wie einst Lummer oder Schönbohm. Die Vorsitzende Merkel hatte stets ästhetische Probleme mit dem konservativen West-Macho, der gleichwohl eine Säule der CDU war und vermutlich immer noch ist. Bei allem Respekt für erfolgreich absolvierte 70 Jahre: Die nächsten werden schwieriger. Vor allem dann, wenn Übermutti Merkel den Laden nicht mehr zusammenhält.