Kommentar

Warum die Festung Europa ihre Tore weiter öffnen muss

Der lange vorhergesagte Sturm auf die „Festung Europa“ hat begonnen. Immer mehr Flüchtlinge wagen die Fahrt übers Mittelmeer, oft in Lebensgefahr. Lösen kann das nur Europa, meint Jochim Stoltenberg.

Foto: Sascha Jonack / dpa

Nun scheint er angelaufen zu sein, der befürchtete und auch prognostizierte Sturm auf die „Festung Europa“. Krisen und Kriege im Nahen Osten, Elend und Perspektivlosigkeit auf dem afrikanischen Kontinent treiben immer mehr Menschen zur Flucht über das Mittelmeer. Für diese letzte Hoffnung auf ein sicheres, besseres Leben müssen sie ihren Schleppern hohe Dollar-Beträge zahlen ohne die Gewissheit, lebend das Ziel ihrer Sehnsüchte zu erreichen.

Die Europäer dürfen und wollen es sich nicht so einfach machen wie die südostasiatischen Staaten mit den Bootsflüchtlingen vor deren Küsten. Dennoch stecken die Europäer in einem Dilemma. Was immer sie tun, ist mit neuen Problemen verbunden. Nichtstun aber verschlimmert alles nur weiter. Allein Deutschland hat im vergangenen Jahr 200.000 Flüchtlinge aufgenommen, in diesem Jahr werden es eher mehr.

Über wie viele Jahre wird das realistisch sein, ohne die proklamierte Willkommenskultur ernsthaft zu gefährden? Natürlich müssen die Flüchtlinge auf See gerettet werden. Doch das erleichtert leider auch das Geschäft der Menschenschmuggler. Ihre „Seelenverkäufer“ nach der Rettung der Passagiere zu versenken, wäre immerhin ein schwaches Signal. Wirklich abschreckend wären allein robuste Militärmandate, um den Menschenhändlern in Küstennähe und vor Ort insbesondere in Libyen das Handwerk zu legen. Aber auch das ist ziemlich illusorisch angesichts der anarchistischen Verhältnisse in Libyen.

Es gilt, die Lage in Afrikas ärmsten Ländern zu verbessern

Erforderliche Vereinbarungen mit der UNO und Libyen für solche Militäraktionen sind undenkbar, wenn sich nicht einmal die EU auf eine gerechtere Verteilung der Flüchtlinge nach einer Quotenregelung einigen kann. Dennoch bleibt den Europäern nichts anderes übrig, als die Tore ihrer Festung kontrolliert weiter zu öffnen. Das allerdings wird nach westlichen Wertvorstellungen nur gelingen, wenn in einem langfristigen Entwicklungsprogramm die menschlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse in den ärmsten Ländern Afrikas verbessert werden. Allein ein Ende der Perspektivlosigkeit in ihrer Heimat bewahrt die Flüchtlinge davor, dass skrupellose Ausbeuter ihre letzte Hoffnung werden.