Kriegsende

„Der 8. Mai war kein Tag der Selbstbefreiung“

Der Bundestag hat in einer Feierstunde des Kriegsendes vor 70 Jahren gedacht. Bundespräsident Gauck legte auf dem russischen Soldatenfriedhof einen Kranz nieder.

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Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hat 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs Deutschlands Nachbarstaaten für die Versöhnung nach 1945 gedankt.

„Diese Bereitschaft unserer Nachbarn zur Versöhnung ist historisch ebenso beispiellos wie die Katastrophe, die ihr vorausgegangen war“, sagte Lammert am Freitag bei einer gemeinsamen Sitzung von Bundestag und Bundesrat in Berlin.

Der Fall der Deutschen habe politisch, ökonomisch und moralisch nicht tiefer sein können. Umso erstaunlicher sei es, „dass unser Land trotz der Schuld aufgefangen wurde“.

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Der 8. Mai 1945 sei für den ganzen Kontinent ein Tag der Befreiung gewesen, aber „kein Tag der deutschen Selbstbefreiung“, sagte Lammert. Die Gedanken und der Respekt gälten heute vor allem denjenigen, „die unter unvorstellbaren Verlusten die nationalsozialistische Terrorherrschaft beendet haben“. Dies gelte für die westlichen Allierten und für die Rote Armee. Lammert dankte in diesem Zusammenhang Bundespräsident Joachim Gauck, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) für ihre „demonstrativen Besuche, Gesten und Reden“ in diesen Tagen.

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Lammert erinnerte im Bundestag auch an die Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker vor 30 Jahren, als dieser den 8. Mai als „Tag der Befreiung“ bezeichnet hatte. Von Weizsäcker habe damals „keineswegs eine allgemein vorhandene Einsicht formuliert, aber eine veränderte Wahrnehmung zum Ausdruck gebracht, die inzwischen von einer breiten Mehrheit der Deutschen geteilt wird“, sagte der Bundestagspräsident.

Winkler: „Keinen Schlussstrich ziehen“

Der Historiker Heinrich-August Winkler hat zum 70. Jahrestag des Kriegsendes gemahnt, sich den dunklen Seiten der deutschen Vergangenheit zu stellen. „Abgeschlossen ist die deutsche Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte nicht und sie wird es auch niemals sein“, sagte Winkler in der Gedenkstunde. „Unter eine solche Geschichte lässt sich kein Schlussstrich ziehen.“

Winkler wies darauf hin, dass viele in Deutschland lange vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten auf Distanz zum System der westlichen Demokratien gewesen seien. Stattdessen habe es „die Verherrlichung eines starken, auf das Militär gestützten Staates“ gegeben. Dies habe zwar nicht allein zum Aufstieg der Nationalsozialisten geführt, diesen aber ermöglicht. Erst mit dem Sieg der Alliierten und damit dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes habe es jene „tiefe Zäsur“ gegeben, die zur Westintegration Deutschlands geführt habe.

Gerade aktuelle Ausbrüche von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zeigten jedoch, dass diese neue, demokratische Ausrichtung Deutschlands gefährdet bleibe, das Auftreten Ewiggestriger und neuer Anhänger der NS-Ideologie zeige, dass der alte Mythos „von beklemmender Aktualität“ sei. Die Lehre aus der deutschen Geschichte und der „einzigartigen Monströsität des Holocaust“ müsse sein, „unter allen Umständen die Unantastbarkeit der Würde jedes einzelnen Menschen zu achten“.

Europäische Friedensordnung in Frage gestellt

Aktuelle Gefahren sieht Winkler auch für die europäische Friedensordnung, auf die sich gerade nach dem Ende des Kalten Krieges viele Hoffnungen gerichtet hätten. Diese Ordnung habe Russland mit „der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim radikal in Frage gestellt“. Bei allem Bemühen um den Dialog mit Russland dürfe in den Staaten Osteuropas nie wieder der Eindruck entstehen, es werde „zwischen Moskau und Berlin irgendetwas über ihre Köpfe hinweg entschieden“. Diese Staaten seien im Zweiten Weltkrieg nicht nur Opfer der deutschen, sondern einer „deutsch-sowjetischen Doppelaggression“ geworden.

Gauck erinnert an gefallene sowjetische Soldaten

Bundespräsident Gauck gedachte der Opfer unter den sowjetischen Soldaten. In Erinnerung an die Millionen Kriegstoten legte Gauck am Freitag im brandenburgischen Lebus auf dem russischen Soldatenfriedhof einen Kranz nieder. Dabei würdigte er die Verdienste der Roten Armee. „Ich verneige mich vor ihrem Leid und dem Leid und der Leistung derer, die gegen Hitler-Deutschland gekämpft und Deutschland befreit haben“, sagte Gauck.

Die Kriegsgräberstätte im Landkreis Märkisch-Oderland nördlich von Frankfurt (Oder) ist der zentrale sowjetische Soldatenfriedhof Brandenburgs. Bislang haben dort mehr als 4800 Gefallene ihre letzte Ruhestätte gefunden. „Ihr Schicksal mahnt uns, mit all unserer Kraft für Verständigung, Frieden und Versöhnung einzutreten. Es mahnt uns, unserer gemeinsamen Verantwortung für die Würde und das Leben der Menschen gerecht zu werden, in Europa und in der Welt“, betonte der Bundespräsident.