Prozess

Auschwitz-Angeklagter gesteht moralische Mitschuld

Ein 93 Jahre alter früherer SS-Mann hat im Auschwitz-Prozess ein Geständnis abgelegt. Er bitte um Vergebung. Der Mann steht wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen vor Gericht.

Foto: Ronny Hartmann / dpa

Mit einem persönlichen Schuldeingeständnis des Angeklagten hat am Dienstag in Lüneburg der Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Täter Oskar G. wegen seiner früheren Tätigkeit als SS-Buchhalter im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau begonnen. Durch seine Arbeit dort habe er sich „moralisch mitschuldig gemacht“ an der Ermordung von Millionen Menschen, sagte der 93-Jährige in einer langen persönlichen Erklärung. „Diese moralische Schuld bekenne ich auch hier, mit Reue und Demut vor den Opfern.“

Juristisch schuldig bekannte der Angeklagte sich nicht. „Ich bitte um Vergebung. Über die Frage der strafrechtlichen Schuld müssen Sie entscheiden“, sagte er an die Richter gewandt. G. muss sich wegen Beihilfe zum Mord an mindestens 300.000 Menschen verantworten, weil er während der sogenannten Ungarn-Aktion im Frühsommer 1944 Dienst in Auschwitz-Birkenau hatte. Damals waren binnen weniger Wochen weit mehr als 400.000 Juden aus Ungarn in das Todeslager verschleppt und die meisten von ihnen sofort getötet worden.

Die Staatsanwaltschaft wirft G. vor, als Buchhalter in der Lagerverwaltung das den Opfern abgenommene Bargeld sortiert und später nach Berlin weitergeleitet zu haben, obwohl er wusste, dass Auschwitz-Birkenau der massenhaften Ermordung von Menschen während des Holocausts diente. Außerdem soll er bei mehreren Gelegenheiten das von den Opfern auf der berüchtigten sogenannten Rampe zurückgelassene Gepäck bewacht haben.

Durch seine Tätigkeit habe G. das fortlaufende Tatgeschehen unterstützt und einen „zumindest untergeordneten Beitrag“ dazu geleistet, sagte Staatsanwalt Jens Lehmann bei der Verlesung der Anklage. Der „reibungslose Ablauf“ der Menschenvernichtung sei nur möglich gewesen durch die „zuverlässige Arbeit“ der Bediensteten in den Vernichtungslagern. Das hätten die Organisatoren des Holocausts gewusst und sich daher darauf verlassen.