Brandanschlag

Wieder Tröglitz - Feuer in Flüchtlingsheim war Brandstiftung

Tröglitz war bekannt geworden, als der Bürgermeister wegen rechtsextremer Anfeindungen zurückgetreten war. Nun hat es im zukünftigen Asylheim gebrannt. Das Feuer war vorsätzlich gelegt worden.

„Tröglitz ist nicht braun“, hatte Markus Nierth noch Anfang März in der Sendung von Markus Lanz beteuert. Da hatte Nierth gerade sein Amt als ehrenamtlicher Bürgermeister des kleinen Ortes in Sachsen-Anhalt niedergelegt. Weil die rechtsextreme NPD vor seinem Haus gegen ein geplantes Asylbewerberhaus demonstriert hatte. Weil er sich nicht ausreichend geschützt fühlte. Weil er seine Frau und seine sieben Kinder dieser Situation nicht länger aussetzen wollte.

Dennoch stellte sich Nierth hinter seine Stadt: Die NPD habe gezielt die Sorgen einzelner der gut 2700 Einwohner instrumentalisiert und Demonstrationsteilnehmer aus anderen Orten „herangekarrt“. Durch die Vorgänge sei dem Ort „eine braune Last“ hinzugefügt worden. „Das gefällt mir gar nicht“, hatte Nierth in der Runde bei Lanz gesagt.

Nun steht Nierth wieder in der Öffentlichkeit. Fassungslos. Weil es in eben dieser Flüchtlingsunterkunft gebrannt hat. In der Nacht zum Sonnabend war gegen 2 Uhr der Brand im Dachgeschoss des Hauses in der Ernst-Thälmann-Straße ausgebrochen. Zu dem Zeitpunkt hatten sich nach Angaben der Polizei zwei deutsche Bewohner in dem Gebäude aufgehalten, die aber nicht verletzt wurden. Es sei Sachschaden entstanden.

„Ich bin fassungslos, traurig und wütend zugleich“, sagte der 46-Jährige in einer ersten Reaktion dem „Tagesspiegel“. Er gehe von Brandstiftung aus. Da sei die braune Saat so weit aufgegangen, „dass man nun lieber Häuser niederbrennt, in denen Familien eine neue Bleibe finden sollten“. Selbst Familien aus Kriegsgebieten werde „von kranken, bösen Gehirnen“ frei stehender Wohnraum nicht gegönnt. Von diesen Ereignissen werde sich Tröglitz „wohl nie erholen“. Dies sei „eine bleibende Schande für Tröglitz, die uns nun mit Mölln und Hoyerswerda in eine Reihe bringt und noch viele unabsehbare Folgen haben wird“, sagte Nierth mit Blick auf frühere Übergriffe auf andere Asylbewerberunterkünfte.

„Es ist definitiv besonders schwere Brandstiftung“

Nierths Verdacht auf eine vorsätzliche Tat bestätigte sich schnell. „Es ist definitiv besonders schwere Brandstiftung“, sagte Staatsanwalt Jörg Wilkmann am Sonnabendmittag in Halle. Es handle sich um eine gemeingefährliche Straftat schlimmster Art. Ob Fremdenhass das Motiv war, blieb unklar. Die Ermittler halten einen politischen Hintergrund aber für naheliegend. Unbekannte seien in das Haus eingebrochen und hätten dort Feuer gelegt. „Dabei wurde mit großer Wahrscheinlichkeit auch Brandbeschleuniger verwendet.“ Der ausgebaute Dachstuhl wurde durch das Feuer zerstört. Er war völlig verkohlt, die Fensterscheiben zersprungen. 40 Flüchtlinge sollen im Mai dort vorerst ein Zuhause finden, wie Landrat Götz Ulrich (CDU) gegenüber „Spiegel Online“ bekräftigte. „Wir dürfen jetzt nicht einknicken und zurückziehen.“

Noch seien die Ermittler ganz am Anfang, sagte die Präsidentin der Polizeidirektion Halle, Christiane Bergmann. Aber: „In Anbetracht des Gesamtgeschehens in Tröglitz ermittelt der polizeiliche Staatsschutz, weil wir eine politisch motivierte Tat auf keinen Fall ausschließen können.“

Zwei Wohnungen für Flüchtlinge

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sprach von einer abscheulichen Tat, die unverzüglich aufgeklärt werden müsse. „Die Täter gehören hinter Schloss und Riegel“, sagte er. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) rief die Bürger dazu auf, Position zu beziehen gegen Rechtsextremismus. „Wer Unterkünfte von Flüchtlingen anzündet, handelt feige und abscheulich“, sagte er. Brennende Flüchtlingsheime seien beschämend, betonte der Minister. „Wo immer Rechtsextreme Stimmung machen gegen Ausländer, müssen wir gemeinsam dagegenhalten. Und deutlich machen: Menschen, die gerade alles verloren haben und sich Hilfe suchend zu uns flüchten, sind bei uns willkommen“, so Maas. Von einem „gemeinen Verbrechen“ sprach auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU): „Wir weichen keinen Schritt zurück.“

Anfang März war Nierth auch zurückgetreten, weil er sich nicht ausreichend vom Landkreis und weiteren übergeordneten Behörden unterstützt fühlte. Nun ist die Unterstützung da. Bei einer spontanen Demonstration gegen die Rechtsextremen, zu der Nierth am späten Sonnabendnachmittag aufgerufen hatte, beteiligten sich rund 300 Menschen. Redner aus Politik, von Vereinen und Kirchen warben für ein Zeichen gegen Hass und Ausgrenzung. Reiner Haseloff sagte bei der Kundgebung auf dem Friedensplatz, man werde alles tun, um die Verbrecher hinter Gitter zu bringen.

Der bekennende Christ Nierth ist längst einen Schritt weiter: „Ich habe noch zwei Wohnungen, die ich bereits als Unterkünfte angeboten habe“, sagte Nierth der Deutschen Presse-Agentur. Er wünsche sich, dass auch andere Tröglitzer Unterkünfte zur Verfügung stellten. „Die Braunen dürfen über unseren Ort nicht siegen“, sagte er.