Alexander Gerst

Dank Opa bekommt „@Astro_Alex“ das Bundesverdienstkreuz

Bundespräsident Joachim Gauck verleiht dem Astronauten Alexander Gerst das Bundesverdienstkreuz. „@Astro_Alex“ – so sein Name bei Twitter – arbeitete 168 Tage auf der Raumstation ISS.

Alexander Gerst hält es für einen Scherz seiner Kollegen. Zwei Wochen nach der Rückkehr des Wissenschaftsastronauten von der Internationalen Raumstation, ISS, liegt ein Brief des Bundespräsidialamtes im Briefkasten seiner Kölner Wohnung. Eine Einladung zur Verleihung des Verdienstkreuzes 1. Klasse. An ihn? Ein paar Telefonate und Mails später ist klar: Kein Scherz, Verdienstkreuz an ihn!

Am Dienstag um die Mittagszeit steht Dr. Alexander Gerst, 38, gebürtig aus Künzelsau in Baden-Württemberg, tatsächlich in Schloss Bellevue. Bundespräsident Joachim Gauck verliest die protokollarischen Worte und heftet ihm das Verdienstkreuz ans Revers. Gauck geht in seiner Rede auf die Faszination ein, die für viele vom All und der Raumfahrt ausgehen.

Er spricht von der „Sehnsucht nach einer Unendlichkeit, die alles Irdische, alle Erdenschwere hinter sich lässt“. Kosmos, erläutert er, bedeute im Griechischen nicht nur Weltall, sondern auch Ordnung „und im Übrigen auch noch Schmuck. Weltall, Ordnung, Schmuck, also: Schönheit – große Begriffe, auch Inbegriffe menschlicher Sehnsucht.“

Im All arbeiten Raumfahrer aus Ost und West kameradschaftlich zusammen

Raumfahrt, insbesondere die bemannte, bedeuten auch Prestige, weshalb nicht nur die traditionellen Raumfahrtnationen USA und Russland, sondern auch die Schwellenländer Indien und China ihre Projekte für bemannte Raumflüge unterhalten.

Prestigeträchtig ist die Raumfahrt seit den Tagen des ersten sowjetischen Raumfahrers Juri Gagarin. Seine Erdumrundung, die erste eines Menschen am 12. April 1961, versetzte die führende Industrienation USA in eine Schockstarre. Bis US-Präsident John F. Kennedy den Wettlauf zum Mond ausrief – und die USA diesen gewannen. Seit den Mondlandungen von 1969 bis 1972 hat die bemannte Raumfahrt zwar etwas an Glanz verloren und ist fast schon zum Alltag geworden. Dennoch: Ruhm und Ehre verspricht sie immer noch.

Der Bundespräsident hebt die global-politische Dimension hervor. Nach der ersten Mondlandung „titelte eine große deutsche Zeitung: ‚Der Mond ist ein Ami!‘ Diese Nationalisierung haben die großen internationalen Projekte und die Raumstationen längst hinter sich gelassen“, sagt Gauck. „Und das ist gut so, und das sollte unbedingt so bleiben.“ Wir wissen, unter anderem von Gerst, dass da oben auf der ISS russische Kosmonauten und westliche Astronauten ungeachtet aller neuen Blockbildungen zum Trotz freundschaftlich zusammenarbeiten.

Erst 543 Menschen haben die Erde verlassen und sind ins All geflogen

Viele Menschen sind vom Job Astronaut nach wie vor fasziniert. Eine alltägliche Karriere ist das noch lange nicht. Gerade einmal 543 Menschen haben die Erde verlassen, um im Orbit zu schweben und zum Mond zu rasen. 543 von mehr als sieben Milliarden Erdenbürgern.

„@Astro_Alex“, wie Gersts Name bei Twitter lautet, hat dort mehr als 200.000 Follower. Raumfahrer werden als Helden wahrgenommen. Sie stoßen in unbekannte, lebensfeindliche Regionen vor, die zuvor keiner betreten hat. Sie sind moderne Entdecker, Forscher und Abenteurer in der Tradition eines Christoph Kolumbus oder James Cook. Joachim Gauck lobt Gersts Aktivitäten als Blogger, bei Facebook und Twitter, mit denen er andere an seinen Erfahrungen teilhaben lässt.

Das Verdienstkreuz ist für ein „großartiges Team“

Man merkt, Gerst ist aufgeregt. Kurz vor dem Termin schreibt er bei Twitter: „Gleich bei Bundespraesident #Gauck. Gebe zu bin etwas aufgeregt. Auf einen Weltraumausstieg fühle ich mich irgendwie besser vorbereitet! ;-)“ Es ist eine sympathische Scheu, da blitzt noch etwas Jugendlichkeit durch. Der Raumreisende ist trotz seiner Medienpräsenz, trotz der Blitzlichtgewitter geerdet und bewegt von der Ehrerbietung des höchsten Repräsentanten unseres Staates.

Der Bundespräsident meint: Der hat das verdient. „Sie, Herr Gerst, haben es unter Tausenden geschafft – und das allein ist schon ein Grund, stolz zu sein. Und sie haben dann harte Trainingsphasen hinter sich gebracht, sie haben geistig und körperlich Topform erreicht. Dass Sie nebenbei noch perfekt Russisch gelernt haben, gehörte auch dazu.“ Gauck vergisst nicht zu erwähnen, dass Gerst sich schon zuvor Meriten als Geophysiker und Vulkanologe erworben hat.

Der Geehrte ist noch immer etwas verwundert. „Ich habe nicht gedacht, dass ich etwas Großartiges vollbracht habe. Jeder in dieser Situation hätte da oben dasselbe geleistet.“ Sympathisch auch, wie er auf das große Team verweist: „Die ISS ist die komplexeste Maschine der Welt. Mehr als 100.000 Menschen haben daran gearbeitet. Tausende Menschen bei der Europäischen Raumfahrtorganisation haben mit Herzblut die Voraussetzungen geschaffen. Ich nehme diese Auszeichnung an im Namen dieses großartigen Teams.“

Gerst bekam viel Unterstützung von der Familie

Laut denkt er darüber nach, wem oder was er das zu verdanken hat. Es ist ein Bekenntnis zu einer freiheitlichen und offenen Gesellschaft und zu einem Staat, der seinen Bürgern Bildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten eröffnet, auch wenn sie nicht aus begüterten Familien stammen. „Ich bin glücklich in einem Land zu leben, das eine freie Berufswahl garantiert.“

Es ist auch ein Dank an eine fördernde Familie, die dem jungen Alexander keine Option verbaut. Er hätte auch Handwerker oder Lokomotivführer werden können. Oder eben Geophysiker und schließlich Astronaut. Seine Familie ließ ihn gewähren und bestärkte ihn darin, dass gut sei, was auch immer er anstrebe.

Eine Familie, die ihm klarmachte, alles erreichen zu können. Die seine Neugier förderte und sein Staunen wohlwollend zur Kenntnis nahm, als er 1995 mit großen Augen vor dem Fernseher sitzt. Da bewunderte er seinen jetzigen Chef, den Wissenschaftsastronauten Thomas Reiter, beim Arbeiten in der russischen Raumstation Mir.

Der Opa ist Schuld: Der entfachte das Interesse für das All

Reiter ist heute Direktor für bemannte Raumfahrt bei der Raumfahrtagentur Esa und an diesem Dienstag ebenso in Bellevue anwesend wie Jean-Jacques Dordain, Esa-Generaldirektor, Johann-Dietrich Wörner, Direktor des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und ab Juli 2015 Dodains Nachfolger.

Der ehemalige Wissenschaftsastronaut Reinhold Ewald ist da und aus Potsdam der Geoforscher Sebastian Heimann vom Deutschen Geoforschungszentrum, mit dem Gerst zusammenarbeitete. Außerdem Gaucks Lebensgefährtin Daniela Schadt und als Vertreterin der Bundesregierung Brigitte Zypries (SPD), Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und in dieser Funktion zuständig für Luft- und Raumfahrt.

Beim Festakt sind aber auch Gersts Lebensgefährtin Laura Winterling und die „mitverantwortliche“ Familie: seine Eltern und seine Großmutter. Nicht mehr dabei konnte Gersts Großvater sein. Der hatte dem jungen Alexander die Faszination für den Weltraum geschenkt. Als Funkamateur hatte der Opa ein Funksignal zum Mond geschickt und den Erdtrabanten als Reflektor benutzt – das Signal kam mondwendend zurück zu den beiden Gersts und Alexander war begeistert.

Auch der Bundespräsident bekommt ein Geschenk

Es ist heute nicht nur Gersts Blick hinaus ins Universum, sondern auch der Blick zurück zur Erde, der auf große Resonanz stößt. Die Fragilität und Isolation unseres Heimatplaneten berührt die Menschen. Und es ist wohl eine bleibende Erfahrung für Astronauten, die Erde als Ganzes zu sehen. Vielleicht ist sie nur so wirklich zu verstehen. „Blue dot“ nannte Gerst seine Mission: blauer Punkt. „Blue dot“ ist der Ausdruck, „der jemandem eingefallen ist, als man zum ersten Mal im Bild unsere blaue Erde als den kostbaren, belebten Punkt vor der Schwärze des Weltalls sehen konnte“, sagt Gauck.

Alexander Gerst bedankt sich beim Bundespräsidenten für die Auszeichnung. Aber auch er hat etwas für Gauck mitgebracht. Am Ende enthüllt er einen Bilderrahmen mit einer Collage: Fotos von Gerst mit dem ISS-Team, Fotos der Erde, eine deutsche Flagge, das Logo der Esa. Gauck ist überrascht und, wie man sieht, ehrlich erfreut.

Jetzt bedankt sich der Bundespräsident beim Astronauten.