Kommentar

Warum wütende junge Männer für Terror so anfällig sind

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Hajo Schumacher

Warum kommt es zu solch schockierenden Tötungsexzessen wie in Paris? Weil junge Männer wütend und schmerzfrei sind - und die Gesellschaft keine Antworten für sie hat, vermutet Hajo Schumacher.

Was haben die kaltblütigen Polizistenmorde in New York mit den afrikanischen Terroristen von Boko Haram zu tun? Was haben IS-Killer, NSU-Mörder und die Attentäter vom Boston-Marathon gemeinsam? Wie hängen die Schulmassaker von Littleton und Winnenden mit den Morden in Paris zusammen? Sind tatsächlich religiöse Motive die Klammer für geradezu lustvolles öffentliches Töten in aller Welt?

Nein, die Gemeinsamkeit ist einfacher und komplexer zugleich: Es sind ausschließlich junge Männer, die in einer Mischung aus Blutrausch, Todessehnsucht und Sendungsbewusstsein jede Grenze überschreiten, die brutalste Gewalt als Selbstzweck zelebrieren, auch wenn oder gerade weil sie dafür sterben.

Paradox aber wahr: Mediale Aufmerksamkeit, auch angemessene Trauer und gerechte Empörung verstehen potentielle Täter eher als Ansporn denn als Abschreckung. Und noch eine Gemeinsamkeit: Eben diese Gruppe der wilden jungen Männer wird heute in allen Gesellschaften sträflich vernachlässigt.

Zu allen Zeiten und in allen Kulturen der Menschheit galt der heranwachsende Mann als Inbegriff von Kraft, aber auch von Kälte und von Killerinstinkt. Testosteron heißt das Teufelszeug, das jedem jungen Kerl eine Phase beschert, in der seine Zeugungskraft am stärksten ist aber eben auch sein blinder Furor. Wer kämpfte denn in Stalingrad und Verdun bis die Füße abfaulten? Wer prügelt sich im Stadion und hat Spaß, mit Raketen auf Menschen zu schießen? Wer säuft sich ins Koma? Wer bevölkert die Gefängnisse? Wer tätowiert sich empfindlichste Körperstellen?

Es sind die gleichen, die die Odyssee bestehen, Sauron besiegen und Drachen töten, die Wimbledon gewinnen oder das finale WM-Tor erzielen, auch jene, die durch halb Afrika rennen, um im Mittelmeer zu ersaufen oder im Stacheldraht zu enden. Junge Männer sind schmerzfrei an Leib und Seele, zu allem entschlossen, im besten wie im schlechtesten Sinne.

In archaischen Kulturen wurde die zerstörerische Urgewalt der Jungen mit Initiationsriten zu kanalisieren versucht. Mutproben waren zu bewältigen, oft Prüfungen auf Leben und Tod. Später übernahm die Armee mit dem System von blindem Befehl und Gehorsam die Rolle des Erziehers. Modernen Gesellschaften dagegen fehlen diese Mechanismen, die gleichzeitig für Triebabfuhr und wachsendes Verantwortungsgefühl für sich und andere sorgen.

Nicht aus jedem jungen Mann wird ein Killer oder Komasäufer. Aber keine andere Gruppe bringt bessere Voraussetzungen mit, um sich von radikalen Predigern und Parolen, von Storys über einsame Helden, von den Mythen des letzten großen Kampfes in stumpfe Tötungsmaschinen verwandeln zu lassen. Mögen viele Menschen gegen Hasstiraden und Scheißegal-Rap immun sein, gegen Ballerspiele und Folterfilme - junge Männer sind empfänglich dafür, erst recht, wenn sie in ihrem Leben vor allem Demütigung erlebt haben und keinerlei Perspektiven für ein stolzes Leben sehen. Was setzen wir dagegen? Kastanienmännchen?

Zu den Merkwürdigkeiten dieser Altersgruppe gehört es, dass sie von unseren überzivilisierten Wohlverhaltenskonventionen kaum zu erreichen sind. Gewalt, Schmerzen, Flüche und wüste Abenteuer, also Kernelemente der Initiation von Adoleszenten, sind in keinem pädagogischen Curriculum vorgesehen.

Stattdessen demonstriert die Gute-Gewissen-Gesellschaft für die Pressefreiheit, völlig zu recht übrigens, aber folgenlos. Denn nicht die Meinungsfreiheit ist in Gefahr, sondern Herzen und Hirne von Millionen junger Männer weltweit, deren dunkle Seite und ihren Missbrauch wir nicht länger ignorieren dürfen.