Paris

Attentäter von „Charlie Hebdo“ standen auf US-Flugverbotsliste

Nach dem Anschlag auf die Satirezeitung “Charlie Hebdo“ sucht die Polizei nach den Tätern. Die Brüder sind den US-Behörden bekannt, stehen auf einer No-Flight-Liste. Einer von ihnen wurde im Jemen trainiert.

Die zwei Hauptverdächtigen des blutigen Anschlags auf die satire-Zeitung „Charlie Hebdo“ mit zwölf Toten sind am Donenrstag zuletzt in einer Region nordöstlich von Paris vermutet worden. In dem Gebiet zog die Polizei Eliteeinheiten zusammen. Die höchste Terrorwarnstufe wurde vom Großraum Paris auf die Region Picardie im Norden ausgedehnt. Landesweit suchen 88.000 Einsatzkräfte nach den Tätern.

Nachdem die beiden Hauptverdächtigen am Morgen in der Picardie gesichtet worden waren, wurden dort am Nachmittag Elite-Einheiten von Polizei (RAID) und Gendarmerie (GIGN) zusammengezogen. Diese seien im Umkreis von 15 bis 20 Kilometern um den Ort Crépy-en-Valois im Département Oise im Einsatz, hieß es. Schwer bewaffnete Sicherheitskräfte durchkämmten die Gegend und durchsuchten einzelne Häuser. Unterstützt wurde die Fahndung durch Hubschrauber. „Die Suche wird in der Nacht fortgesetzt“, verlautete am Abend aus Polizeikreisen.

In der Gegend hatten die beiden Verdächtigen zuvor ein von ihnen genutztes Auto aufgegeben. Der 32-jährige Chérif Kouachi und sein 34-jähriger Bruder Said waren am Morgen an einer Tankstelle bei der Gemeinde Villers-Cotterêts rund 80 Kilometer nordöstlich von Paris „eindeutig erkannt“ worden. „Die beiden Männer sind vermummt, mit Kalaschnikow und anscheinend mit Raketen-Werfern“ ausgerüstet, hieß es.

Ausweis in Fluchtauto entdeckt

Premierminister Manuel Valls sagte dem französischen Rundfunk, die beiden Hauptverdächtigen seien der Polizei bekannt. Chérif Kouachi war 2008 verurteilt worden, weil er geholfen hatte, für das Terrornetzwerk al-Qaida Kämpfer in den Irak zu schicken. Von der dreijährigen Haftstrafe wurden anderthalb auf Bewährung ausgesetzt. Die Ermittler waren den Brüdern nach dem Anschlag vom Mittwoch auf die Spur gekommen, weil der Personalausweis von Said in einem von den Angreifern zurückgelassenen Auto entdeckt wurde.

Zudem fanden sich in dem Wagen nach Informationen der Nachrichtenagentur AFP zehn Molotow-Cocktails und Dschihad-Flaggen. Die Ermittler gingen deshalb davon aus, dass die beiden 32 und 34 Jahre alten Brüder weitere Anschläge geplant hatten, zitierten Medien Polizeiquellen.

Ein möglicher Komplize, der 18-jährige Hamyd Mourad, stellte sich am späten Mittwochabend der Polizei. Es gab aber Zeugenaussagen, wonach er sich zum Tatzeitpunkt in seiner Schule befand. Nach Angaben von Innenminister Bernard Cazeneuve wurden bereits neun Verdächtige festgenommen. Aus Justizkreisen hieß es, es handele sich um Frauen und Männer, die den Attentätern nahe stünden.

„Tausende Polizisten, Gendarmen, Ermittler sind im Einsatz“, machte Premierminister Manuel Valls deutlich. „Die Priorität ist zunächst sie zu jagen, die Terroristen dingfest zu machen.“

Keine Hinweise auf bevorstehenden Terrorakt

Die beiden gesuchten Tatverdächtigen waren nach Angaben des Pariser Innenministers Bernard Cazeneuve überwacht worden. Dabei habe es allerdings keinerlei Hinweise auf einen bevorstehenden Terrorakt gegeben, gegen die Männer habe es auch kein juristisches Verfahren gegeben, sagte Cazeneuve dem Sender Europe 1. „Wir treffen hundertprozentig Vorsichtsmaßnahmen, ein Null-Risiko gibt es aber nicht“, fügte Cazeneuve an. Die derzeitige Risikolage könne auch zu anderen Gewalttaten führen, warnte der Innenminister.

Die Brüder sollen am Mittwoch schwarz vermummt die Redaktion des Magazins mitten in der Hauptstadt gestürmt und unter anderem mit einer Kalaschnikow um sich geschossen haben. Unter den zwölf Todesopfern waren acht Journalisten. Während des Anschlags riefen die Männer „Allah ist groß“, „Wir haben den Propheten gerächt“ und „Wir haben Charlie Hebdo getötet“. Zudem sollen sie behauptet haben, zur Terrororganisation al-Qaida zu gehören.

Beide standen auf der US-Flugverbotsliste. Das teilte ein ranghoher Anti-Terror-Beamter in Washington am Donnerstag mit. Ein anderer Gewährsmann sagte zudem, einer der beiden gesuchten Brüder, Said Kouachi, sei in den Jemen gereist. Ob der 34-Jährige mit der dort aktiven Terrorgruppe al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel kollaborierte, war zunächst unklar.

Ein Video, das von einem benachbarten Dach aufgenommen wurde, zeigt die Attentäter bei ihrer Flucht. Zudem sind Schüsse zu hören.

Das Magazin „L‘Obs“ postete ein Foto auf Twitter, dass die Attentäter zeigen soll:

Gleichzeitig erschütterte eine neue Schießerei die trauernde Nation: Ein Unbekannter feuerte im Süden von Paris um sich und traf eine Polizistin tödlich, ein Straßenkehrer wurde schwer verletzt. Der Täter floh.

Offen blieb zunächst, ob der neue Fall mit dem Angriff auf das Magazin zusammenhängt, bei dem am Mittwoch zwölf Menschen erschossen worden waren. Innenminister Bernard Cazeneuve warnte vor voreiligen Schlüssen.

Nationaler Trauertag in Frankreich

Der französische Staatspräsident François Hollande hatte für Donnerstag einen Tag der nationalen Trauer angeordnet. Er forderte die Franzosen auf, in dieser schweren Zeit zusammenzustehen. Die Sicherheitsmaßnahmen im Großraum Paris wurden massiv verschärft.

„Charlie Hebdo“ war mehrfach wegen Mohammed-Karikaturen in die Kritik geraten und angefeindet worden. Erst am Dienstag hatte die Zeitschrift eine Karikatur veröffentlicht, auf der ein islamistischer Terrorist mit einer umgehängten Kalaschnikow auf dem Rücken sagt: „Noch immer kein Attentat in Frankreich, aber man darf sich ja bis Ende Januar was wünschen.“

De Maizière warnt vor populistischen Brandstiftern

Bundesinnenminister Thomas de Maizière warnte vor populistischen Brandstiftern in Deutschland. „Terroristische Anschläge haben nichts mit dem Islam zu tun“, sagte der CDU-Politiker der „Süddeutschen Zeitung“. Attentate wie das von Paris richteten sich gegen die gesamte Gesellschaft und ihre Werteordnung. In Deutschland sahen Sicherheitskreise keine Anzeichen für erhöhte Terrorgefahr; es herrsche eine „abstrakt hohe“ Gefährdung.

Mehrere französische Blätter druckten am Donnerstag eine fast schwarze Seite Eins. Eine Reihe deutscher Zeitungen druckte Mohammed-Karikaturen und andere religionskritische „Charlie Hebdo“-Zeichnungen nach.

Angriffe auf muslimische Einrichtungen

In mehreren Gemeinden Frankreichs gab es Attacken auf muslimische Einrichtungen. Zwei Moscheen wurden in der Nacht beschossen, wie die Behörden mitteilten. Eine absichtlich ausgelöste Explosion ereignete sich nach Polizeiangaben am Donnerstagmorgen vor einem Kebab-Laden nahe einer Moschee im ostfranzösischen Villefranche-sur-Saône. Verletzt wurde bei den drei Angriffen niemand.

Angeschossene Polizistin gestorben

Am Donnerstagmorgen sorgte ein weiterer Angriff in Frankreich für Aufregung. Im Vorort Montrouge am Südrand von Paris schoss ein Mann in schusssicherer Weste mit einem Schnellfeuergewehr auf Polizisten, wie die Polizei mitteilte. Eine Beamtin und ein städtischer Angestellter wurden schwer verletzt, die Polizistin erlag kurz darauf ihren Verletzungen. Der Täter befand sich auf der Flucht. Von Seiten der Ermittler hieß es, es gebe derzeit keinen „eindeutigen Zusammenhang“ mit der offenbar islamistischen Attacke auf „Charlie Hebdo“.

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