Urteil

Eigene Kinder 3713 Mal missbraucht - fast acht Jahre Haft

Ein Vater muss nach tausendfachem Missbrauch für sieben Jahre und zehn Monate hinter Gitter. Der Fall sei „monströs“, hieß es. Die Töchter und den Sohn habe er von klein auf systematisch missbraucht.

Die beiden Töchter sitzen auf der hinteren Bank im Saal 806 des Moabiter Kriminalgerichts. Beide hatten sich dafür ausgesprochen, dass Carsten B. für seine Taten bestraft wird. Beide wollten aber nicht, dass er ins Gefängnis muss. Eine Moabiter Strafkammer hat am Mittwoch anders entschieden und verurteilte den 42-Jährigen wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und Schutzbefohlenen zu sieben Jahren und zehn Monaten Haft.

Fast 15 Jahre lang hatte Carsten B. seine drei Kinder – zwei Töchter und einen Sohn – sexuell missbraucht. Zunächst in der Wohnung der Familie im Stadtteil Marzahn. Und seit dem Jahr 2008, als er sich von seiner Lebensgefährtin trennte und er die Kinder nur noch an den Wochenenden sehen konnte, in seiner nicht weit entfernten eigenen Wohnung. „Es waren sexuelle Handlungen in nahezu allen Varianten“, sagte Richterin Iris Berger bei ihrer Urteilsbegründung. Sie sprach von einem „menschlich-moralischen Abgrund“ und einem „monströsen Strafumfang“. Nie zuvor habe sich die Kammer mit einem derartigen Fall beschäftigen müssen. „Der Angeklagte ist kein Kranker, der wahnsinnige Taten begeht“, sagte die Richterin. „Bei ihm hat sich tief eine menschliche Verwahrlosung manifestiert.“

Das Opfer tröstet den Täter

Das wurde so auch vom Staatsanwalt eingeschätzt, der für Carsten B. eine Freiheitsstrafe von acht Jahren und vier Monaten beantragte. Es sei, wie vom Gesetz vorgesehen, eine Gesamtstrafe, sagte er. Bei der Summierung der Strafen für die einzelnen Taten sei er auf 6561 Jahre und sechs Monate gekommen. „Er hat den Kindern etwas ganz Entscheidendes genommen“, sagte der Ankläger. „Er hat ihnen die Chance genommen, eine eigene Sexualität zu entwickeln.“ Und es sei symptomatisch für die Haltung des Angeklagten, dass er sich in einer Prozesspause auch noch von seiner ältesten Tochter habe trösten lassen – „von der Tochter, die er sexuell missbrauchte“. Das zeige die innere Zerrissenheit der Kinder, die den Vater einerseits verurteilen, ihm andererseits immer noch nahe sein wollen.

Carsten B. hatte die Vorwürfe vor Gericht eingeräumt und dabei sogar noch Taten zugegeben, die im Anklagesatz noch gar nicht aufgelistet waren. Das betraf vor allem den sexuellen Missbrauch seines Sohnes. Die Frage von Richterin Berger, wie es zu den Taten kam, beantwortete der IT-Systemelektroniker mit: „Es war die Erregung, sie nackt zu sehen, sie zu berühren.“ Auch habe es mit seiner Lebensgefährtin kein erfülltes Liebesleben mehr gegeben.

Ein psychiatrischer Gutachter sagte, dass es bei Carsten B. mit 23 Jahren die ersten pädosexuellen Fantasien gegeben habe. Als Ausgangspunkt habe ihm der Angeklagte ein FKK-Magazin namens „Sonnenfreunde“ genannt. Die nackten Mädchen, die er dort auf Fotos gesehen habe, hätten ihn eine bislang unbekannte Lust spüren lassen. Das habe nach Aussage des Angeklagten dessen moralischer Einstellung eigentlich widersprochen. Im Jahr 2000 habe er selber noch den eigenen Bruder angezeigt, weil er den Verdacht hatte, dass sich dieser an seiner Stieftochter vergreife. Zu dieser Zeit hatte der angeblich so moralische Carsten B. schon seit zwei Jahren die älteste Tochter missbraucht.

Der Psychiater beschrieb den Angeklagten als zurückhaltenden Menschen, der konfliktscheu sei und nur ein geringes Selbstwertgefühl habe. Er sei aber kein Pädophiler, sondern eher als ein sogenannter „Konstellationstäter“ einzuschätzen – ein Mann, der einfach nur die Gelegenheit nutzt, die sich ihm bietet. In seinem Fall waren es die eigenen Kinder und die offenbar absolut arglose Lebensgefährtin. Sie saß nicht selten im Nebenzimmer am Computer oder vor dem Fernseher, währenddessen er eines der Kinder missbrauchte. Vielleicht habe ihm das auch eine Art Kick gegeben, mutmaßte der Gutachter. „Er hat bei seinen Handlungen alle moralischen Bedenken verdrängt.“

Tochter erzählte alles der Mutter

Begonnen hatte der sexuelle Missbrauch 1998, als die älteste Tochter drei Jahre alt war. Auch bei den anderen beiden Kindern begann etwa in diesem Alter der sexuelle Missbrauch. Bei der zweitältesten Tochter kam es zu regelmäßigem ungeschützten Geschlechtsverkehr. Als sie 14 Jahre alt war, befürchtete sie, schwanger zu sein. Sie kam damit zu ihm. Völlig verunsichert. „Ich musste ihr versprechen, dass sie nie wieder solche Angst haben muss“, sagte der Angeklagte. Diese Tochter war es dann auch, die 2012 der Mutter alles erzählte und für Ermittlungen sorgte. Die beiden Töchter sind inzwischen 19 und 17 Jahre, der Junge ist elf Jahre alt.

Der Psychiater sprach von „Scham und Reue“, die er bei Carsten B. während der Begutachtung und auch vor Gericht „deutlich gespürt“ habe. Gleichzeitig habe es bei dem Angeklagten aber auch eine Tendenz gegeben, die Schuld auch bei den Kindern zu suchen. Es habe ihnen ja auch Spaß gemacht, hatte er gesagt. Und sie seien ja auch immer wieder zu ihm ins Schlafzimmer gekommen oder hätten mit ihm in der Badewanne gebadet.

Richterin Berger griff das noch einmal in ihrer Urteilsbegründung auf. Es sei ein Irrtum, zu glauben, den eigenen Kindern sexuell partnerschaftlich begegnen zu können. „Sie haben Ihre Kinder zu Ihren Zwecken eingesetzt“, sagte sie zum Angeklagten. „Sie haben sie zu Ihren Sexgespielen regelrecht abgerichtet.“ Zugute gehalten wurde Carsten B. am Ende sein Geständnis. Ansonsten wäre die Strafe eine ganz andere gewesen, sagte Richterin Iris Berger.

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