Deutsche Konvertitin

Warum Steffi Farber aus der Dschihadistenszene ausstieg

Steffi Farber konvertierte zum Islam und geriet an ultraradikale Dschihadisten. Im Morgenpost-Interview erzählt sie, was sie an der Szene fasziniert hat - und wie sie ihr den Rücken kehrte.

Foto: dpa Picture-Alliance / Boris Roessler / picture alliance / dpa

Warum ziehen junge Menschen aus Deutschland in den sogenannten Heiligen Krieg? Mindestens 550 Islamisten aus Deutschland sind seit Ausbruch des Bürgerkriegs nach Syrien gereist, um dschihadistische Gruppen wie die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu unterstützen. Laut einer Studie des Verfassungsschutzes radikalisierten sie sich fast ausnahmslos in der Salafistenszene. Die Berliner Morgenpost und der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) trafen im Rahmen eines gemeinsamen Rechercheprojektes zur Salafistenszene eine heute 25 Jahre alte Frau, die in einer der radikalsten Gruppierungen der Szene aktiv war. Die deutsche Konvertitin ist als eine der ersten Aussteigerinnen bereit, über ihre Erfahrungen und die Gründe, die sie in die Szene lockten, zu berichten. Ihr Name wurde aus Sicherheitsgründen geändert.

Berliner Morgenpost: Frau Farber, Sie haben in der dschihadistischen Szene Menschen kennengelernt, die sich später der Terrormiliz Islamischer Staat angeschlossen haben. Einer von ihnen ist der aus Kreuzberg stammende Denis Cuspert, der früher als Gangster-Rapper „Deso Dogg“ bekannt war. In Syrien hat er Leichen geschändet und posierte mit dem abgeschlagenen Kopf eines angeblichen „Feindes“. Einige seiner Mitstreiter aus Deutschland haben als Selbstmordattentäter sich selbst und viele andere Menschen getötet. Wie können Menschen so grausam werden?

Steffi Farber: Das ist Manipulation. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Leute wie Denis Cuspert von sich aus auf die Idee kommen, Menschen umzubringen. Wenn ich mir seine Mimik in den Videos anschaue, dann sehe ich, dass andere ihm vorgeben, was er tun soll. Das ist nicht er selbst.

Was heißt das, er ist nicht er selbst?

Wenn man in dieser Szene drin ist, kann man nur noch in eine Richtung denken. Die Leute beeinflussen einen so sehr, dass man nicht mehr frei entscheiden kann. Man kümmert sich ja auch nicht mehr um sein Umfeld, sondern ist nur noch damit beschäftigt, gute Taten zu vollbringen.

Gute Taten? Denis Cuspert und seine Gefährten schwadronieren in Videos davon, dass sie gerne mal einem „Ungläubigen“ den Kopf abtrennen würden.

Aus deren Perspektive sind das wahrscheinlich gute Taten. Der Punkt ist, dass man nicht mehr klar denken kann und nur noch eine Sicht hat.

Wie sind Sie in die Szene gekommen?

Ich war in der neunten Klasse, und als ich in einer kleinen Pause auf die nächste Stunde gewartet habe, da hatte ich plötzlich die Eingebung „Islam“.

Einfach so?

Ja, das war wie ein Blitz. Mich hat das selbst überfordert. Jedenfalls hat mich dann ein Mädchen aus meiner Klasse zu sich nach Hause eingeladen, die war Muslimin, und ihr Vater war Imam. Die haben mich in eine Moschee mitgenommen. Als ich rausgegangen bin, ist so ein Mann mit rotem, langem Bart zu mir gekommen. Der hat mir ganz viel über den Islam erzählt, aber ich weiß nur noch, dass er meinte, dass Allah mich vor der Hölle retten will. Ich habe erst Monate später verstanden, dass das Pierre Vogel war.

Pierre Vogel ist der wahrscheinlich bekannteste salafistische Prediger Deutschlands. War er es, der Sie radikalisiert hat?

Nein. Ich habe ihn danach nie wieder getroffen. Als ich nach dem Besuch in der Moschee zurück nach Hause bin, habe ich aber trotzdem direkt die Schahada ausgesprochen, also das islamische Glaubensbekenntnis, dass es nur einen Gott gibt und dass Mohammed sein Gesandter ist.

Ist es so einfach, zum Islam überzutreten?

Ja. Man muss das nur mit einer klaren Absicht und mit reinem Herzen tun. Damit war ich Muslimin, und danach habe ich auch ein Kopftuch getragen.

Wie haben Sie sich danach gefühlt?

Ich hatte dann mit muslimischen Familien zu tun, und die haben mich aufgenommen wie ihre Tochter. Da gab es einen wirklichen Familienzusammenhalt, da waren die Eltern auch meistens zu Hause. Da wurde vernünftig gekocht und die Kinder hatten Respekt vor den Eltern. Das kannte ich von zu Hause nicht. In westlichen Ländern muss man ja immer arbeiten, und alle haben kaum Zeit für die Kinder.

War das in Ihrer eigenen Familie so?

Ich kann von Glück sagen, dass ich meine Großeltern hatte. Ansonsten war es schwierig. Meine Eltern haben sich getrennt, als ich vier war. Mein Vater ist dann mit einer anderen Frau zusammengezogen, und dann hatte ich praktisch keinen Kontakt mehr zu ihm. Ich will das jetzt nicht alles erzählen, aber eine glückliche Kindheit hatte ich nicht gerade.

Wenn Sie sich nach dem Übertritt zum Islam besser gefühlt haben, ist das ja gut. Aber wie sind Sie in die salafistische und sogar in die dschihadistische Szene reingeraten?

Ich war auf der Suche nach den Werten des Islams. Und dann habe ich mir ein Facebook-Account eingerichtet und dort immer mehr Muslime als Freunde eingeladen. Das waren ganz unterschiedliche Leute. Das war mir aber nicht bewusst. Ich wusste einfach nicht, dass es Radikalismus gibt. Und dann habe ich angefangen, dieselben Sachen zu posten wie diese Personen auch.

Was waren das für Sachen?

Dass man sich gegen die kuffar einsetzen muss, also gegen die „Ungläubigen“. Später dann, dass man in den Dschihad gehen soll oder zumindest aus Deutschland auswandern soll, weil man hier angeblich den Islam nicht vernünftig praktizieren kann. Es wurde immer radikaler, und dann ging es auch um den Märtyrertod.

Warum haben Sie denn da mitgemacht? War das Naivität?

Ja, ich bin da ganz unbewusst reingeraten und später habe ich das irgendwie bejaht. Das waren für mich Leute, die etwas für den Islam tun und die für eine Sache zusammenhalten. Und dann fängt die Manipulation an. Also wenn die zum Beispiel sagen, „Verlass deine Familie!“, dann kommt man auf die Idee, das wirklich zu machen.

Was waren das für Leute, die das gepostet haben?

Das waren Leute wie Denis Cuspert oder Mohamed Mahmoud.

Die beiden haben im Herbst 2011 die Dschihadistengruppe Millatu Ibrahim gegründet, die erst in Berlin und später in Solingen aktiv war und im Juni 2012 verboten wurde. Kannten Sie Cuspert und Mahmoud persönlich?

Am Anfang nicht, nur online. Im Februar 2012 hat Millatu Ibrahim ein Islamseminar organisiert, also ein Treffen mit gemeinsamem Beten und mit Vorträgen. Da bin ich hingefahren, weil ich mehr über den Islam erfahren wollte.

Ausgerechnet bei einer Veranstaltung von ultraradikalen Salafisten?

Für mich waren damals alle Muslime gleich. Ich hatte einfach keine Ahnung von unterschiedlichen Gruppierungen. Wenn mich damals jemand an die Hand genommen hätte, wäre das, glaube ich, alles nicht passiert. Aber wenn man neu ist in der Religion, dann können einem solche Leute alles Mögliche erzählen.

Was für Leute haben Sie bei dem Seminar getroffen?

Ich war ja in dem separaten Raum für Frauen, weil Männer und Frauen sich nicht mischen sollen. Das waren vor allem Konvertitinnen aus Deutschland und Österreich. Frauen mit Migrationshintergrund waren da eher wenige.

Wie haben Sie Denis Cuspert und Mohamed Mahmoud erlebt?

Sie sind sehr charismatisch und haben Autorität. Nach außen und in ihren Vorträgen sind sie auch aggressiv. Aber so im persönlichen Kontakt sind die viel ruhiger. Ich fand sie eigentlich sympathisch. Aber sobald sie in einer Gruppe sind oder wie jetzt in Syrien diese Terroristen um sich haben, werden sie in eine Richtung gelenkt.

Laut Verfassungsschutz hat Cuspert Kontakt zur Führung des IS. Mahmoud saß wegen der Verbreitung von Terrorpropaganda mehrere Jahre im Gefängnis. Sind das nicht selbst ideologische Akteure?

Doch, klar. Sie manipulieren. Aber sie sind eben auch von anderen Leuten manipuliert worden. Und das geben sie dann weiter. Die haben mich dermaßen in der Hand gehabt, dass ich nicht mehr frei denken konnte. Und ich persönlich glaube, dass es denen selbst genauso geht.

Was haben Sie bei dem Seminar erlebt?

Erst mal haben die einem dort ein noch mal stärkeres Gefühl von Zugehörigkeit gegeben. Ich wollte da auch dazugehören. Es war aber auch sehr autoritär und elitär. Die Frauen, die zum inneren Kern von Millatu Ibrahim gehörten, bedrängten mich die ganze Zeit, ich müsste mir einen Gesichtsschleier und Handschuhe anziehen, damit man von mir überhaupt nichts mehr sieht. Die waren auch sehr unfreundlich und haben mich verdächtigt, eine Spionin oder Journalistin zu sein. Die Frauen haben deswegen die Männer geholt, und dann kamen auch Denis Cuspert und Mohamed Mahmoud. Denis Cuspert hat mir aber geglaubt, dass ich keine Journalistin bin.

Und in religiöser Hinsicht?

Die legen den Koran so aus, wie es ihnen passt, und stellen Koranverse, die mehrdeutig sind, über die Grundsäulen der Religion. Heute kann ich zum Glück reflektiert darüber nachdenken, aber wenn man keine Ahnung hat, merkt man das nicht. Die sagen, wir haben den richtigen Weg und alle anderen liegen falsch. Und sie sagen, es ist auch egal, wenn uns alle bekämpfen, denn am Ende gewinnt Allah sowieso und statt einer Demokratie haben wir dann einen islamischen Staat. Mit Religion hatte das alles nichts mehr zu tun, das war nur noch Ideologie. Irgendwie ist es auch einfach nur Kult, so ein bisschen wie bei einer Fußballmannschaft, wenn man als Fan alles gut findet und alles mitmacht.

Welche Rolle hatten nach Ihren Erfahrungen die Frauen von Millatu Ibrahim?

Die meisten von ihnen hatten Männer, die entweder Prediger waren oder Freunde der Prediger. Die Frauen sind vor allem dafür da, Videos im Internet zu verbreiten und Blogs zu schreiben. Sie organisieren und machen die Drecksarbeit. Eine Gleichberechtigung ist das nicht, aber die Frauen haben so viel in der Hand, dass die wirklich von unten heraus viele Dinge lenken können. Ansonsten sind sie natürlich ganz klar für die Erziehung der Kinder zuständig, sie sollen kochen, den Haushalt führen und dem Mann dienen.

Warum lassen sie das mit sich machen?

Das erscheint für viele offenbar annehmbar, und sie haben ja auch ein bisschen was zu sagen, weil sie die ganze Arbeit machen. Ich habe gesagt, ich mache mein Ding und lasse mich nicht unterdrücken.

Wie sind Sie aus der Szene ausgestiegen?

Ich wollte ja eigentlich dazugehören. Aber die Frauen von Millatu Ibrahim waren auch nach dem Seminar sehr feindselig zu mir. Sie haben mich auch als Freunde aus ihren Facebook-Accounts gelöscht.

Wären Sie tiefer in die Szene hineingeraten, wenn die Frauen netter gewesen wären?

Auf jeden Fall. Zwischendurch haben die mir ja sogar angeboten, die Zweitfrau eines Mannes im Ausland zu werden. Das habe ich schon damals abgelehnt. Aber ja, ich bin mir sicher, dass ich tiefer reingeraten wäre. Als die Frauen mich abgelehnt haben, habe ich mir nach dem Seminar gründlich Gedanken gemacht und gemerkt, dass das, was Millatu Ibrahim predigt, nichts mit den Grundwerten des Islam zu tun hat. Ich bin immer noch Muslimin, aber mit Leuten, die in Richtung Salafismus gehen, habe ich nichts mehr zu tun. Die Muslime, die ich jetzt kenne, halten sich von dieser Szene fern und finden das abschreckend. Die sind sehr liberal und ich selbst bin jetzt auch so.

Haben Ihre Familie und Ihre Freunde Ihnen beim Ausstieg geholfen?

Nein, das habe ich allein durchgezogen. Die meisten waren sowieso sehr gegen meinen Übertritt zum Islam. Meine Freunde haben sich abgespalten, meine Schwester hat mich deswegen sogar mal geschlagen, und meine Mutter hat mich Moslemschlampe genannt. Diese ganzen Beleidigungen und Diskriminierungen haben aber für mich wie ein Verstärker gewirkt, und ich habe mich dann auch von denen abgespalten. Wenn man einer Ideologie folgt und Gegenwehr bekommt und sich unverstanden fühlt, dann wirkt das eher negativ und man pusht sich weiter nach oben. Und wenn man dann merkt, dass man mit seiner dawa (arab. für Missionierung/Einladung zum Islam) überhaupt keinen Erfolg hat, dann führt das zu Wut und daraus entsteht Hass. Und dann sagen einige eben, gut, dann wandere ich eben aus.

Haben Sie Vorstellungen für Ihre Zukunft?

Ich würde gerne präventiv arbeiten, um zu verhindern, dass noch mehr Leute in diese Ideologie abdriften. Diese Leute gehören nicht ins Gefängnis, sondern sie brauchen Hilfe. Ich habe da eher Mitgefühl.

Einen Beitrag zur Rolle von Frauen in der Dschihadistenszene mit Ausschnitten aus dem Interview mit der Aussteigerin können Sie am heutigen Mittwoch um 9.45 Uhr und 11.45 Uhr im RBB-Inforadio hören.

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