Kommentar

Der Integrationsgipfel zur Ausbildung war überfällig

Merkel hat zum Integrationsgipfel zur besseren Ausbildung jugendlicher Migranten geladen. Das war längst überfällig, denn kein Land darf sich eine verlorene Teilgeneration leisten, meint Jochim Stoltenberg.

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Ob wir es wollen oder nicht, die Realität gibt eine klare Antwort: Deutschland ist Einwanderungsland. Und eine gute Nachricht dazu kam am Montag von der OECD, der Organisation der Industriestaaten für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Mit dem Boom der Einwanderung nach Deutschland habe auch die Qualifikation der Zuwanderer zugenommen; 2013 kamen rund 430.000 dauerhafte Zuwanderer ins Land, mehr nur noch in die USA. Leider liefert die OECD die schlechte Botschaft gleich mit, eine allerdings, die schon lange Sorgen macht: Unter den Jugendlichen mit Migrationshintergrund gibt es einen hohen Anteil, die nur schlecht lesen und schreiben können und es auch deshalb schwer haben, einen Ausbildungsplatz oder Job zu finden. Es war also überfällig, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Integrationsgipfel mit Schwerpunkt Chancen für jugendliche Migranten ins Kanzleramt lud.

Aufgrund der demographischen Entwicklung im Lande, also der aus dem Lot geratenen Alterspyramide, können wir nur dank Zuwanderung von außen unseren Wohlstand wahren. Die Wirtschaft etwa kann ihren Fachkräftebedarf schon längst nicht mehr mit heimischen Arbeitnehmern decken. Aber der seit Jahren bekannte Zuwanderungstrend sowohl aus dem EU-Raum wie aus den Krisenländern des mittleren Ostens und Nordafrikas hat noch immer nicht zu einer strategisch abgestimmten Einwanderungspolitik geführt.

Wie ein später Mahnruf

Die muss darin bestehen, möglichst früh zu entscheiden, wer rechtlich die Chance hat, bei uns Aufnahme zu finden. Das gerade verabschiedete Gesetz zur Abschiebung in sichere Herkunftsländer erleichtert eine solche Auswahl. Im Umkehrschluss muss den Bleibenden verbindliche Sprachhilfe und berufliche Aus- und Weiterbildung garantiert werden. Syrische Flüchtlinge etwa gelten in der Regel als gut ausgebildet, ihnen gelingt deshalb leichter der Weg in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft.

Längst überfällig auch, sich intensiver und notfalls auch mit partiellem Druck jenen Jugendlichen mit Migrationshintergrund zuzuwenden, die schulisch wie ausbildungsmäßig auf der Strecke geblieben sind. Kein Land darf sich eine verlorene Teilgeneration leisten. Merkels Gipfel kommt insofern einem späten Mahnruf gleich. Erhören müssen ihn insbesondere die Bildungspolitiker, die Wirtschaft, aber auch die Jugendlichen selbst. Sie müssen willens sein, auch selbst an ihrer Zukunft mitzuarbeiten.