Referendum

„No“ siegt - Schottland bleibt in Großbritannien

Bei dem Unabhängigkeitsreferendum hat eine klare Mehrheit gegen eine Abspaltung von Großbritannien gestimmt. Die Verlierer zeigten sich enttäuscht. Allerdings sollen die Schotten mehr Rechte bekommen.

Großbritannien bleibt groß: Die Mehrheit der Schotten hat sich in einem historischen Referendum nach langer Debatte gegen die Unabhängigkeit entschieden. 55,3 Prozent stimmten dafür, die mehr als 300 Jahre alte Union mit England zu erhalten.

Gleich nach der Verkündung des Ergebnisses am Freitagmorgen versprach in London Premierminister David Cameron dem nördlichen Landesteil mehr Rechte. Bis zuletzt war der Ausgang der Volksabstimmung im ölreichen Schottland offen gewesen. Viele Verlierer zeigten sich enttäuscht über das Ergebnis. Sie kündigten aber zugleich ihren Einsatz für ein besseres Schottland im Vereinigten Königreich an.

Die von Cameron angekündigten Verhandlungen über mehr Autonomiebefugnisse für die Schotten sollen noch im November beginnen. Bereits für Januar ist ein Gesetzentwurf geplant, der die neuen Regelungen festschreibt, kündigte Cameron am Regierungssitz in der Londoner Downing Street an.

Die Entscheidung war auch international mit großer Spannung erwartet worden. Ein „YES“ zur Unabhängigkeit hätte große Auswirkungen auf Finanzmärkte, die Europäische Union und die Nato gehabt. „Ich hoffe, dass Großbritannien vereint bleibt“, hatte US-Präsident Barack Obama auf Twitter geschrieben.

1,6 Millionen Schotten für Abspaltung - 2 Millionen dagegen

Mehr als 1,6 Millionen Schotten sprachen sich dem vorläufigen offiziellen Endergebnis zufolge für die Abspaltung aus, etwas mehr als 2 Millionen dagegen. Die Wahlbeteiligung lag mit rund 85 Prozent so hoch wie noch nie in Schottland. Allerdings war sie in den „YES“-Hochburgen niedriger als erwartet. „Das Volk hat gesprochen und das Resultat ist klar“, sagte Cameron am Morgen.

Schottlands Ministerpräsident Alex Salmond von der Nationalpartei SNP und seine Stellvertreterin Nicola Sturgeon räumten ihre Niederlage noch vor dem Ende der Auszählung aller Stimmen ein. Nur 4 der 32 Wahlbezirke hatten sich für die Unabhängigkeit ausgesprochen, darunter Schottlands größte Stadt Glasgow und die „YES“-Hochburg Dundee.

„Ich akzeptiere das Urteil des Volkes, dass es zu diesem Zeitpunkt keine Unabhängigkeit geben soll“, sagte Salmond vor Anhängern. „Danke Schottland für 1,6 Millionen Stimmen für die Unabhängigkeit.“ Der schottische Regierungschef bat alle Schotten, das Votum ebenfalls zu akzeptieren.

Neue Föderalismus-Debatte nach Referendum

Großbritanniens Premierminister Cameron war im Vorfeld aus seiner eigenen scharf kritisiert worden, er habe die Unabhängigkeitstendenzen in Schottland unterschätzt. Für den Fall der Abspaltung Schottlands hatte es bereits Rücktrittsforderungen gegeben.

Cameron kündigte am Freitagmorgen an, die Föderalismus-Debatte nun auch in England selbst führen zu wollen, dem mit Abstand größten der vier Landesteile Großbritanniens. „Genau wie Schottland separat im schottischen Parlament über seine Steuer- und Sozialangelegenheiten bestimmen wird, so sollten auch England genauso wie Wales und Nordirland in der Lage sein, über diese Dinge abzustimmen.“

Nordirlands Ministerpräsident Peter Robinson kündigte an, er wolle sich noch am Freitag mit seinem walisischen Amtskollegen Carwyn Jones über die Auswirkungen des schottischen Referendums auf die Dezentralisierung beraten.

Die oppositionelle Labour-Partei hatte ein eigenes Regionalparlament auch für England vorgeschlagen. Der größte britische Landesteil hat als einziger bisher keine eigene Volksvertretung. Die regierenden Konservativen favorisieren jedoch eine Ausnahmeregelung für Abgeordnete in Westminster, etwa dass schottische Abgeordnete über englische Gesetze im Unterhaus nicht mehr mitstimmen könnten. Das hätte bei der gegenwärtigen Konstellation erhebliche Nachteile für die in Schottland vergleichsweise starke Labour-Partei.

Britische Pfund steigt

Wie Salmond sprach sich auch sein Kontrahent im Wahlkampf, der Labour-Politiker Alistair Darling, für die Verlagerung weiterer Autonomierechte von London nach Edinburgh aus. „Keine Unabhängigkeit heißt nicht: kein Wandel“, sagte Darling. In Edinburgh und vielen anderen Städten Schottlands hatten sich Anhänger seiner „No“-Kampagne versammelt, um das Ergebnis zu feiern. Einige hatten die ganze Nacht vor den Fernsehbildschirmen ausgeharrt.

Die Märkte reagierten weitgehend positiv auf den Ausgang des schottischen Referendums. Es sei „der Unsicherheitsfaktor, der in den vergangenen Wochen vieles überlagert hat, vom Tisch“, schrieben die Analysten der DZ Bank. Das britische Pfund reagierte mit einem Kurssprung gegenüber Euro und US-Dollar. Auch der Dax legte im frühen Handel leicht zu.