COURBET IN BASEL

Nie war Nacktheit anstrengender als hier

Gustave Courbet wird in einer großen Basler Ausstellung gefeiert. Sie zeigt, wie der grobianische Maler sich als Held, als Irrer, als Außenseiter malt. Und dann alle Schleier zerreißt.

Hamburg. Porträt des Künstlers als junger Mann. Dreiundzwanzig Jahre alt. Makelloses Selbstbewusstsein. Gelber Hut, schwarzer Umhang, schwarzer Hund. Die Rockschöße zurückgeschlagen, damit der Lichtfleck der karierten Hose schön zur Geltung kommt. Könnte in einem Nouvelle-Vague-Film spielen. Ist aber Gustave Courbet (1819 bis 1877), der Maler, der sich an einen Felsen lehnt und längst weiß, wie man die Welt mit Bildern erobert.Auf einem nicht weniger makellos selbstbewussten Eroberungsbild ist er zu Fuß unterwegs. Das Malgepäck auf dem Rücken, den Wanderstab in der Hand. Auf der Landstraße kommt ihm sein Gönner Alfred Bruyas mit Hund und Diener entgegen. Man reißt den Hut vom Kopf. Aber das Bild heißt nicht "Bonjour Monsieur Bruyas". Das Bild heißt "Bonjour Monsieur Courbet".

Alle Rollen werden ausprobiert

Und Monsieur hat das Zeug zum Bühnenstar. Er malt sich als Wahnsinnigen, als Verwundeten, malt sich als gefeierten Helden, als gesellschaftlichen Außenseiter. Er probiert all die Rollen aus, die zum Künstlerbild des bürgerlichen Zeitalters gehören werden. Ein Maler an der Schwelle zur künstlerischen Moderne, so stellt ihn die Basler Ausstellung vor.

Es war kein Mangel an Courbet-Ausstellungen in den vergangenen Jahrzehnten. Aber keine hatte das Skandalbild "L' Origine du monde – der Ursprung der Welt" im Aufgebot. Entsprechend stolz ist man in Basel auf die heikle Leihgabe aus dem Pariser Musée d' Orsay und steuert zügig von Saal zu Saal auf "den unverhüllten Schoß in extremer Nahsicht" zu.

Eine Fachkraft mit der Brustaufschrift "Ask me"

Ein Jahrhundert lang hatte er zu den geheimen Boudoir-Schätzen seiner Besitzer und Verwahrer gehört. Erst 1995 war er museumsöffentlich geworden. Und hier im Zielkabinett der Basler Ausstellung sitzt auch eine eigene Fachkraft mit der Brustaufschrift "Ask me". Aber was soll man den jungen Mann zum weiblichen Geschlecht fragen?