Nahost

Israel fordert Bevölkerung in Gaza zur sofortigen Flucht auf

Die israelische Armee hat die Bewohner mehrerer Wohngebiete im Gazastreifen aufgerufen, ihre Häuser sofort zu verlassen. Die Botschaften wurden via Telefon oder SMS verbreitet - ein Hinweis auf einen massiven Angriff.

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Palästinensische Extremisten aus dem Gazastreifen sind am Montag durch einen Tunnel in ein israelisches Dorf eingedrungen und haben sich dort ein Feuergefecht mit Soldaten geliefert. Dabei wurden dem israelischen Fernsehen zufolge fünf Angreifer getötet. Die radikal-islamische Hamas sprach dagegen von zehn getöteten Soldaten.

Nach dem Angriff im Kibbuz Nahal Os forderte die israelische Armee die Bewohner in Gebieten um die nahe gelegene Stadt Gaza auf, ihre Wohnungen zu verlassen. Die Zivilisten sollten sich ins Zentrum von Gaza-Stadt begeben, hieß es in den Botschaften, die per Telefon oder SMS übermittelt wurden. Gewöhnlich folgen auf solche Warnungen Vergeltungsaktionen. Leuchtraketen der Armee erhellten den Abendhimmel, intensiver Beschuss war zu hören.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kündigte kurz darauf eine Fortsetzung der Offensive seines Militärs im Gazastreifen an. „Wir werden den Einsatz nicht beenden, bevor wir die Tunnel (der militanten Hamas) zerstört haben“, erklärte er in einer Fernsehansprache. „Die israelischen Bürger können nicht unter der Bedrohung durch Raketen und Tunnel leben – unter Todesdrohung von oben und von unten“, fügte er hinzu.

Bei einem Mörsergranaten-Angriff militanter Palästinenser waren am Vormittag mindestens vier Israelis getötet worden. Die Hamas übernahm die Verantwortung dafür. Es war der Angriff mit den meisten Opfern in Israel seit Beginn der Militäroffensive im Gazastreifen vor drei Wochen.

Blutige Zwischenfälle nach Fastenbrechen

Zwei Explosionen töteten in Gaza-Stadt zehn Menschen, unter ihnen viele Kinder, teilte der Leiter der Rettungsdienste in Gaza, Aschraf al-Kidra, mit. Palästinensische Stellen teilten mit, das Al-Schifa-Krankenhaus und das Schati-Flüchtlingslager seien von israelischen Raketen getroffen worden. Das israelische Militär bestritt dies entschieden. Es habe sich um Einschläge fehlgeleiteter Raketen gehandelt, die militante Palästinenser im Gazastreifen abgeschossen hätten.

Die blutigen Zwischenfälle ereigneten sich am Ende eines Tages, an dem die muslimische Bevölkerung von Gaza Eid al-Fitr, das Fest des Fastenbrechens im Anschluss an den Ramadan, beging. Bis dahin hatten Israel und die militanten Palästinenser eine gewisse Zurückhaltung bei ihren Angriffen geübt.

Israels Geheimdienstminister Juval Steinitz hatte zuvor eine Fortsetzung der israelischen Offensive im Gazastreifen angekündigt. „Wir werden in den kommenden Tagen weitermachen, bis wir alle Tunnel zerstört haben“, sagte er in Jerusalem. Wichtigstes längerfristiges Ziel sei eine Entmilitarisierung des Küstenstreifens am Mittelmeer.

Der internationale Druck zur Beendigung des Blutvergießens wird indes stärker. Nach US-Präsident Barack Obama forderte auch der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen eine „sofortige und bedingungslose humanitäre Waffenruhe“ zwischen Israel und der im Gazastreifen herrschenden Hamas. Die Konfliktparteien sollten die Kampfhandlungen einstellen, um Hilfe möglich zu machen, hieß es in einer Erklärung des UN-Gremiums. Der Rat sei „tief besorgt“ wegen der Verschärfung der Lage und des Todes von Zivilisten, hieß es in der Erklärung.

Auch führende westliche Nationen wollten ihre Bemühungen um eine Waffenruhe verstärken. Dazu müsse der Druck steigen, hieß es am Montag vonseiten der französischen Regierung in Paris.

Der UN-Vertreter der Autonomiebehörde, Rijad Mansur, wiederholte die Forderung nach einem „Schutz durch die Vereinten Nationen“ für die Palästinenser. Israels UN-Botschafter Ron Prosor sagte, die Hamas greife Schulen, Busse und Cafés an. „Der Terror ist vor unserer Haustür.“

Obama fordert bedingungslose Feuerpause

Israels Regierungschef Netanjahu bemängelte bei einem Telefonat mit UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, die Erklärung des Sicherheitsrates befasse sich nur „mit den Bedürfnissen einer mörderischen Terrororganisation, die israelische Zivilisten angreift, und nicht mit Israels Sicherheitsbedürfnissen“.

Auch US-Präsident Obama forderte bei einem Telefonat mit Netanjahu eine sofortige und bedingungslose humanitäre Feuerpause. Ziel müsse eine dauerhafte Waffenruhe sein. Obama verurteilte die Hamas-Angriffe scharf und bekräftigte das Recht Israels auf Selbstverteidigung. Er äußerte erneut wachsende Sorge über die Zahl der getöteten palästinensischen Zivilisten, über die israelischen Opfer und die humanitäre Lage in Gaza.

Rechtsorientierte israelische Politiker sprachen sich gegen eine rasche Waffenruhe aus. „Diese Offensive darf nicht mit Erfolgen für die Hamas enden“, sagte Seev Elkin von der regierenden Likud-Partei. „Es wäre Erpressung, wenn sie auf uns schießt und dafür bekommt, was sie will.“ Seine Parteifreundin Zipi Chotoveli sagte, Israel dürfe Obamas Aufruf nicht nachkommen. „Der US-Vorschlag dient nur den Interessen der Hamas.“

Geheimdienstminister Steinitz sagte: „Wir wollen eine echte umfassende Lösung, die wirkliche Erleichterung für die Menschen auf beiden Seiten bringt.“ Die Palästinenser hätten sich im Rahmen der Friedensabkommen mit Israel zu einer Entmilitarisierung verpflichtet. „Die Raketen sind das Kernproblem in Gaza.“ Auch die Menschen im Gazastreifen litten unter „diesem unnötigen Krieg“.

Seit Beginn der Offensive vor drei Wochen sind mehr als 1000 Palästinenser getötet und mehr als 6000 weitere verletzt worden. Auf israelischer Seite kamen insgesamt 50 Soldaten und Zivilisten um.