Ukraine

Erste Särge überführt - Die Niederlande empfangen ihre Toten

Zwei Militärmaschinen haben die ersten Leichen der Opfer von Flug MH17 in die Niederlande gebracht. Separatisten bestreiten weiter den Abschuss, in der Ostukraine wurden nun Militärjets getroffen.

Foto: SERGEY BOBOK / AFP

Wie in Zeitlupe schwebt das Transportflugzeug vom Typ Hercules am Mittwochnachmittag um 15.50 Uhr auf dem Flughafen in Eindhoven ein. Kurz danach folgt eine australische Transportmaschine. An Bord: Insgesamt 40 Särge mit Opfern der Tragödie von Malaysia Airlines, Flug MH17. Nach der Landung der beiden Maschinen spielt ein Trompeter auf dem Rollfeld von Eindhoven den letzten Gruß. Das ist das Signal für eine landesweite Schweigeminute. Von Groningen bis Maastricht steht das öffentliche Leben weitgehend still. Züge und Busse stoppen, der Luftraum wird für rund 15 Minuten gesperrt. In Geschäften und Supermärkten wird die Arbeit eingestellt. Anschließend läuten im ganzen Land die Kirchenglocken. Ein Land empfängt seine Toten.

Die Maschinen mit den ersten Särgen waren am Mittag in Charkow gestartet. Das niederländische Königspaar, König Willem-Alexander und Königin Máxima, Regierungschef Mark Rutte und zahlreiche Angehörige warteten bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen Eindhoven. In einer langen Kolonne fuhren die 40 Leichenwagen mit einer Polizeieskorte anschließend zur Kaserne in Hilversum unweit von Amsterdam. Dort sollen die Opfer identifiziert werden. Insgesamt werden 75 Gerichtsmediziner täglich daran arbeiten. Bis zum Freitag sollen alle geborgenen Leichen vom Absturzort in der Ostukraine in die Niederlande gebracht werden.

Fast zwei Drittel der Insassen von Flug MH17 waren Niederländer. Aber auch alle anderen Toten sollten erst dorthin gebracht werden. Die Identifizierung einiger der Leichen könne sehr rasch geschehen, bei anderen „Wochen oder sogar Monate“ dauern, erklärte der niederländische Regierungschef Mark Rutte. Der Verbleib zahlreicher Opfer war sechs Tage nach dem Absturz aber noch ungeklärt.

Zwei Kampfjets abgeschossen

Noch während die Leichen der Opfer von MH17 aus der Ostukraine ausgeflogen wurden, schossen die Separatisten etwa 80 Kilometer östlich von Donezk zwei ukrainische Maschinen vom Typ Suchoi SU-25 ab. Die Raketen wurden nach Angaben der Regierung in Kiew von russischem Territorium aus abgefeuert. Die Kampfflieger seien in einer Höhe von 5200 Metern unterwegs gewesen. Die Piloten der Kampfjets konnten sich nach Angaben von Militärsprecher Wladislaw Selesnow mit dem Schleudersitz retten. Die Aufständischen hatten in den vergangenen Wochen mehrere Militärflugzeuge abgeschossen, auch Kampfjets. Die Ukraine und die westlichen Länder verdächtigen die Separatisten, auch die Boeing der Malaysian Airlines mit einer Boden-Luft-Rakete zerstört zu haben.

Flugschreiber nicht manipuliert

Der Flugschreiber aus dem Cockpit der abgestürzten Boeing von Malaysia Airline ist nach Angaben des niederländischen Sicherheitsrates nicht manipuliert worden. Das habe eine gründliche Untersuchung des Stimmrekorders ergeben, teilte der Rat am Mittwochabend in Den Haag mit. „Der Cockpit Rekorder war beschädigt, aber die Speicher waren intakt.“ Internationale Spezialisten in Großbritannien hätten die Aufzeichnungen heruntergeladen, um sie zu analysieren. Die Arbeit am Flugdatenrekorder beginnt am Donnerstag. Ergebnisse erwartet der Rat in einigen Wochen.

Vor dem Abflug aus Charkow nahmen ausländische und ukrainische Vertreter in einer kurzen Zeremonie Abschied von den Toten. Ukrainische Soldaten in Paradeuniform trugen die Särge zu den Flugzeugen. Die Leichen waren am Dienstag in einem Sonderzug aus dem Rebellengebiet nach Charkow gebracht worden, das von der Kiewer Regierung kontrolliert wird.

Unklarheit herrschte jedoch darüber, wie viele Opfer in diesen Kühlwaggons waren. An der Absturzstelle müsse die Suche fortgesetzt werden, zitierte der britische Sender BBC den Forensiker Jan Tuinder. Höchstens 200 von den 282 bisher entdeckten Leichen seien aus der Absturzgegend abtransportiert worden, sagte Tuinder. Nach Angaben der Separatisten wie der Kiewer Regierung sind 282 Leichen und 87 Leichenteile geborgen worden. Die Rebellen schlossen aber am Mittwoch nicht aus, dass 16 Leichen noch nicht gefunden worden seien. Für diesen Fall stehe ein weiterer Kühlwaggon bereit. Vertreter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und malaysische Experten untersuchten auch am Mittwoch die Unglücksstelle. Moskau kritisierte, dass die ukrainische Luftwaffe Angriffe nahe der Stelle fliege.

Abschuss „aus Versehen“?

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warf der russischen Führung und den Separatisten weiter mangelnde Kooperation vor. Der Kreml zeige wenig Interesse an umfassender Aufklärung des Flugzeugabsturzes, erklärte Vize-Regierungssprecher Georg Streiter in Berlin für die Kanzlerin, die derzeit im Urlaub ist. Russland wirke nicht ausreichend mäßigend auf die bewaffneten prorussischen Gruppen ein. Diese würden zum Teil von Mitarbeitern des russischen Geheimdienstes geführt. Die EU wird am Donnerstag über weitere Sanktionen gegen Russland beraten.

Der US-Geheimdienst hat nach Regierungsangaben bislang keine Beweise für eine direkte Beteiligung Russlands an dem mutmaßlichen Abschuss. Doch habe Moskau erst die „Bedingungen“ für den Abschuss „geschaffen“, indem es die Aufständischen bewaffnet habe. Bisherigen Erkenntnissen zufolge sei die Malaysia-Airlines-Maschine von den Separatisten mit einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden, sagten US-Geheimdienstler. Die Rebellen hätten aber wahrscheinlich nicht beabsichtigt, die in 10.000 Meter Höhe fliegende Zivilmaschine abzuschießen.