60 Jahre Yad Vashem

Gauck betont Verantwortung der Deutschen für Israel

Würdevolle Feierstunde in der Deutschen Oper Berlin: Bundespräsident Joachim Gauck fordert zum 60-jährigen Bestehen der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Völkermorde weltweit zu bekämpfen.

Foto: JOERG KRAUTHOEFER / JöRG KRAUTHöFER

Wann immer Bundespräsident Joachim Gauck Yad Vashem betrat, überfiel ihn ein Entsetzen. Über das, „was uns häufig nur in nüchternen Zahlen oder verallgemeinernden Darstellungen begegnet“, wie er sagte. „Sechs Millionen Juden wurden von den Nazis umgebracht, irgendwo verscharrt, in Massengräbern entsorgt, in Krematorien und Gruben verbrannt. Sie sollten nicht leben – nicht einmal in der Erinnerung.“

Jene kreisrunde „Halle der Namen“ mit der Kuppel, von der Joachim Gauck am Dienstagabend in der Tischlerei der Deutschen Oper sprach, ist gefüllt mit Hunderten von Fotos. Von Frauen, Männern und Kindern, Alten und Jungen, orthodoxen, säkularen, getauften und assimilierten Juden – Menschen, die ermordet wurden, allein, weil sie Juden waren.

Ermordeten der Anonymität entrissen

Der Bundespräsident war der Hauptredner beim zentralen Festakt zum sechzigjährigen Bestehen der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, organisiert vom Freundeskreis von Yad Vashem in Deutschland, dem Direktorium Yad Vashem und eben der Deutschen Oper. Gauck bezeichnete es „wunderbar und großartig“, „dass dieser Festakt heute hier in Berlin stattfindet“ und begrüßte zunächst jene im Publikum, die persönlich den Holocaust überlebt haben – darunter auch Inge Deutschkron.

Gauck nannte es das besondere Verdienst von Yad Vashem, „die meisten Ermordeten der Anonymität entrissen zu haben“: „Vier Millionen haben ihre Namen zurückerhalten, ihre Gesichter, ihre Biografien, ihre Identität als menschliche Wesen.“ Das gelinge mit überlieferten Zetteln, Briefen, Tagebüchern, Memoiren, den „erschütternden Berichten über Hunger, Ängste, Erniedrigungen, Verzweiflung, aber auch von seltenen Momenten der Solidarität und der Liebe“.

Tatsächlich ist das Wachhalten der Erinnerung bis heute die wichtigste Aufgabe dieser international einzigartigen und hoch modernen Stätte des Gedenkens und Archivierens, des Bildens und Forschens. Ein bisschen Trost an diesem Ort der Trauer stiftet das Denkmal, das in Yad Vashem den „Gerechten unter den Völkern“ gesetzt wird: Seit fünf Jahrzehnten erhalten nichtjüdische Menschen diese weltweit einzigartige Auszeichnung – ein offizieller Ehrentitel, der von Yad Vashem im Auftrag des Staates Israel an jene verliehen wird, die in der Zeit der NS-Diktatur ihr Leben zur Rettung von Juden riskiert haben. Im Garten erinnern Plaketten an sie, früher wurden dort zu Ehren der inzwischen mehr als 24.000 Männer und Frauen aus 47 Ländern auch Bäume gepflanzt. Und bis heute geht die Suche nach Rettern weiter, die damals getan haben, was für sie – aber nicht für andere – selbstverständlich war.

An Gerechten ein Beispiel nehmen

„Mich haben die Geschichten dieser mutigen Menschen immer auf besondere Weise bewegt“, sagte Gauck. „Zeigen sie uns doch: Der Mensch hat selbst unter den Bedingungen von Unterdrückung und Todesdrohung eine Wahl. Er kann das Gute tun, manchmal durch Unterlassung, manchmal durch aktive Hilfe.“ Die zentrale Botschaft des Bundespräsidenten an diesem würdevollen Abend in der Deutschen Oper ist aber eine politische. „Die Judenvernichtung ist zum Symbol für das Böse schlechthin geworden“, sagt er: „So blicken wir alle zurück, um der Zukunft eine Ausrichtung zu geben: Solche schrecklichen Verbrechen dürfen wir nicht mehr zulassen.“

Und dann weitet der Bundespräsident den Blick in eine Welt, in der das Versprechen, Völkermord und Verfolgung nie wieder zuzulassen, schon mehrfach seit 1945 gebrochen wurde. Erinnert an Ruanda, an Srebrenica, nennt die gegenwärtige grausame Gewalt in der Zentralafrikanischen Republik. „Ob internationale Kräfte imstande sind, ihr Einhalt zu gebieten, ist längst nicht sicher.“ Sein Appell: „Wir sollten handeln, wie es einst die ‚Gerechten‘ taten.“ Jetzt und in Zukunft, immer wieder, sei alles Menschenmögliche zu tun, „um der Gewalt, der Vertreibung, der Verfolgung ein Ende zu setzen und Menschen zu schützen, die entwürdigt, entrechtet und ermordet werden“, sagte er.

Ob Gauck damit an seine Grundsatzrede aus dem Januar anknüpfen wollte, als er gesagt hatte, er wünsche sich ein Deutschland, das mehr Verantwortung zur Lösung internationaler Konflikte übernehme, wenn es sein müsse, auch mit Militäreinsätzen? Yad Vashem, so sagte er in der Deutschen Oper auch noch, rufe uns die Kostbarkeit des Lebens und die Kostbarkeit menschlicher Zivilisation ins Gedächtnis. Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD), Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) und Altbundespräsident Horst Köhler spendeten ihm – wie der ganze Saal – Beifall.