Krim-Krise

Berliner Kreml-Experte Rahr - „Putin will es dem Westen zeigen“

Der Berliner Russland-Experte Alexander Rahr kritisiert in der Krim-Krise den russischen Präsidenten. Rahr befürchtet einen Bruderkrieg in Osteuropa. Doch er sieht auch eine Schuld des Westens.

Alexander Rahr, 55, ist Forschungsdirektor beim Deutsch-Russischen Forum in Berlin und gilt als einer der profiliertesten Russland-Kenner in Deutschland. In den vergangen Jahren wurde ihm gelegentlich zu viel Nähe zu Moskau vorgeworfen. Doch im Interview mit der Berliner Morgenpost kritisiert er Wladimir Putin scharf.

Berliner Morgenpost: Herr Rahr, Sie kennen den russischen Präsidenten Putin seit Langem, haben eine Biografie über ihn geschrieben – und Sie haben dem ehemaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher geholfen, den Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski aus der russischen Haft zu holen. Sie wissen, wie Putin tickt – was will er überhaupt mit der Krim?

Alexander Rahr: Ich verstehe die Ratio von Putin in dieser Frage nicht. Er gefährdet die Beziehungen zum Westen – und er braucht den Westen für die Modernisierung Russlands. Putin war sehr euphorisch in Bezug auf die Eurasische Union. Er hat jetzt wahrscheinlich das Gefühl, dass ihm durch einen Staatsstreich die Ukraine vor der Nase weggeschnappt wurde.

Aber ist Putins Politik nicht viel zu riskant – es muss nur aus Versehen ein Schuss fallen und wir haben Krieg in Europa?

Das ist absolut richtig. Ich glaube, dass er dem Westen zeigen will, dass es eine rote Linie gibt. Putin hat in der Vergangenheit mehrfach gesagt: Die Ukraine kann nicht in die Nato.

Gernot Erler, der Russland-Experte der SPD, hat gesagt, er sei erschüttert. Ich höre das bei Ihnen auch raus …

Ja natürlich. Ernsthaft. Ich kenne die Zusammenhänge hinter den Kulissen nicht. Aber ich sehe, dass zwei Völker, die miteinander verwandt sind, kurz davor sind, in einen Bruderkrieg zu ziehen. Und das erinnert mich an die furchtbaren Geschichten auf dem Balkan zwischen Serben und Kroaten.

Der damalige Kreml-Chef Nikita Chruschtschow schenkte die Krim in den 50er-Jahren den Ukrainern, damals gehörte die Ukraine aber zur Sowjetunion. Holt sich Putin nun zurück, was ihm ohnehin gehört?

So sieht er das. Aber wir leben im 21. Jahrhundert – und so einfach geht das nicht. Es gibt Loslösungsbestrebungen in Europa, etwa in Spanien, und die Schotten wollen sich von Großbritannien trennen. Aber einer Abspaltung durch eine Kriegshandlung gehört nicht in unser Jahrhundert. Am Ende könnte eine Föderation eine Lösung sein. Die Ostukraine würde mit Russland Handel treiben, die Westukraine mit der EU. Eine Prognose ist schwierig, aber ich glaube: Einen Krieg wird es nicht geben.

Ist das, was auf der Krim passiert, nicht ein geopolitisches Spielchen, das in die Zeiten von Metternich oder Bismarck gehört? Anders formuliert: Was interessieren diese Territorialspiele eigentlich in unseren Tagen, in denen die USA eine Superspionagebehörde wie die NSA hat?

Wir waren ein bisschen zu vorlaut und zu selbstsicher, als wir Europäer nach dem Ende des Kalten Krieges gesagt haben, dies sei das Ende der Geschichte. Aber Einflusssphären und Geopolitik gibt es noch. Wir selber haben klassische Geopolitik in der Ukraine betrieben. Die Ukraine ist ein Spielball der Weltpolitik geworden – wie im 19. Jahrhundert. Da trifft uns, also den Westen, auch eine Schuld. Wir wollten die Russen raushalten und die Ukraine über die EU in den Westen holen.

Unkontrollierbare Krisen oder Kriege – man muss nur an den Einmarsch der Sowjets in Afghanistan denken – sind oft der Anfang vom Ende einer Großmacht. Wie sicher sitzt der russische Präsident eigentlich noch im Sattel?

Für seine Ukraine-Politik bekommt Putin zu Hause Zustimmung. Viele Russen sagen, die Amerikaner haben den Kalten Krieg gegen uns wieder angefangen. Putin zieht jetzt die rote Linie, demonstriert Macht – deshalb wird er geschätzt. Sobald die ersten Schüsse fallen, sobald es Tote zwischen Brudervölkern gibt, wird er zu Hause massive Probleme bekommen.