Religionen

Bethlehem ist die Stadt der drei Weihnachten

In Bethlehem werden nicht an Heiligabend und am 25. und 26. Dezember gefeiert. Weihnachten ist für die palästinensischen Bewohner eine Saison von zwei Monaten. Sie steht für die Hoffnung auf Frieden.

Foto: Alexandra Kilian

Die „Muslimin“ hat sie gezwungen. Diesen Weihnachtsbaum aufzustellen, mitten ins Büro, noch vor dem ersten Dezember. „Jetzt hätte es auch noch gereicht“, sagt Miriam Azizih. „Die ganzen Nadeln hätten wir uns sparen können.“ Mit den Händen in die Hüfte gestemmt steht sie vor dem rot-gold behangenen, meterhohen Grün an der Seite ihres Schreibtisches im Erdgeschoss des „Peace-Centers“ in Bethlehem und deutet mit dem Finger auf den Boden.

Demonstrativ schaut sie zu ihrer Kollegin, die am zweiten Schreibtisch des Raumes sitzt, hinüber. „Du bist doch die Christin“, sagt Manhal Assaf. Sie ist die Muslimin, von der ihre Kollegin gesprochen hat. „Schlimm genug, dass ich Dich überhaupt daran erinnern muss, den Baum aufzustellen“, sagt sie. Sie bleibt sitzen, schaut nur kurz von ihrem Ipad zu ihrer Kollegin, die den Finger nach wie vor gen Boden richtet. Miriam Azizih senkt ihn vor sich hin murrend, geht zu ihrem Platz zurück. „Zwei Monate nadelt der jetzt alles voll hier“, sagt sie.

Die 56-Jährige Azizih arbeitet mit Manhal Assaf und weiteren Kollegen im „Peace-Center“. Einem kulturellen Treffpunkt am Manger Square gegenüber der Geburtskirche, der Theateraufführungen, Diskussionsrunden, Touristeninformation und ein kleines Stadtmuseum vereint. Azizih ist christlichen, Assaf muslimischen Glaubens. Die Weihnachtsbäume stehen im „Peace-Center“, so wie im Rest der Stadt länger als üblich.

Der Weihnachtsschmuck wird erst Ende Januar abgenommen

Vor dem ersten Advent wird Bethlehem mit Weihnachtsschmuck, von der Weihnachtsmarktbude über die Tausende Lampen fassende festliche Straßenbeleuchtung bis hin zu der Riesentanne auf dem Manger Square überhäuft. Erst in der letzten Januarwoche wird die Dekoration abgenommen. „Wir feiern hier nicht ein einzelnes Weihnachtsfest – in der heiligen Stadt Bethlehem findet eine Weihnachtssaison statt“, so Rula Ma’ayah, palästinensische Ministerin für Tourismus.

Bethlehem liegt an der südlichen Grenze zu Jerusalem im Westjordanland in den palästinensischen Autonomiegebieten. Im Distrikt von Bethlehem mit den Vororten Beit Sahour und Beit Jala leben 180.000 Menschen, in Bethlehem City rund 30.000 Einwohner. Laut den Evangelisten Matthäus und Lukas ist Jesus Christus hier nach der Ankunft von Maria und Joseph aus Nazareth im Stall einer Herberge zur Welt gekommen, vor rund 2014 Jahren. Für Christen aus aller Welt ein heiliger Ort.

Der mit einem goldenen Stern in der Geburtsgrotte gekennzeichnete Platz ist der Höhepunkt vieler Touristen und Pilger bei der Besichtigung der Kirche. Nur über das Datum der Geburt sind sich die verschiedenen Kirchen nicht ganz einig. Die römisch-katholische Kirche glaubt an die Geburt Jesu Christi am 25. Dezember, nach Gregorianischem Kalender. Die griechisch-orthodoxe datiert sie auf den 6. Januar, nach altem Julianischem Kalender. Die armenisch-orthodoxen Christen feiern die Geburt des Christuskindes wiederum am 18. Januar. Und in Bethlehem dürfen alle ihr Fest gleichermaßen würdigen.

Alle Bewohner feiern miteinander – gleich welchen Glaubens sie sind

Das Programmheft zur Weihnachtszeit ist vier DIN-A4-Seiten lang. Gottesdienste, Konzerte, Ausstellungen – vom 15. Dezember bis zum 19. Januar. Der Weihnachtsmarkt öffnet vom ersten Advent bis Ende Januar. „Wir alle feiern einfach alle Weihnachtsfeste zusammen“, sagt Miriam Azizih, römisch-katholisch, aus dem „Peace-Center“. Sowohl die an allen drei Tagen übliche Zeremonie, der Gang des jeweiligen Patriarchen in die Geburtskirche, begleitet von Trommlern und Kirchenvertretern als auch die Messe danach verfolge man gemeinsam.

Und bei dem anschließenden Fest auf dem Manger Square seien erst recht alle beieinander. „Natürlich feiern wir mit!“, sagt Manhal Assaf. „Die Muslime sind meist die ersten auf dem Platz, bereit für die Party.“ „Auch in den Schulen wird aller drei Feste gedacht“, sagt ihre Kollegin Miriam Azizih. Obwohl der 6. und 7. Januar das größte Fest für die Einwohner und der 25. Dezember eher das Fest der Touristen sei, wie sie anmerkt.

Elias Giacaman steht in seinem Souvenirgeschäft gegenüber des „Peace-Centers“ und hat nur kurz Zeit für ein Gespräch. „Ich muss arbeiten“, sagt er, mit Blick auf die Menschen, die die Tür zu seinem Laden mit Holzschnitzereien, Schmuck, Postkarten und Steinfiguren aufstoßen. Auch Chanukkiot, die neunkerzigen Leuchter für das jüdische Weihnachtsfest Chanukka, verkauft er. „Weil sie ein Zeichen von Religion und Glaube sind, nicht von Israel“, sagt der 32-jährige Palästinenser und römisch-katholische Christ.

Es leben weit mehr Muslime als Christen in der Stadt

Mit den Muslimen im Ort verstehe man sich grundsätzlich sehr gut, über das Verhältnis mit den Juden im Nachbarland möchte er nicht sprechen. Seine Weihnachtszeit beginnt am 20. Dezember, wenn die Touristen in die Stadt kommen. Dann sei das Geschäft über den 24., 25. und 26. Dezember am stärksten. „Den 7. und 18. Januar merkt man als Händler dann kaum“, sagt Elias Giacaman.

Die griechisch-orthodoxen Christen stellen die Mehrheit der Christen Bethlehems. Gefolgt von den römisch-katholischen. Die Minderheit bilden mit Abstand und mit weniger als 1000 Anhängern die armenisch- und syrisch-orthodoxen Christen. Der Anteil der Muslime überwiegt den aller Christen um ein Vielfaches. „Viele von uns Christen emigrieren“, sagt Elias Giacaman, Souvenirverkäufer, schon sein Großvater sei der Einzige unter acht Geschwistern gewesen, der in Bethlehem geblieben sei. Der Rest sei um 1920 nach Chile, Mexiko, Honduras und Kolumbien gegangen.

Nicht, weil das Verhältnis mit den Muslimen schwierig gewesen sei, sondern weil man in besseren Verhältnissen habe leben wollen. „Die Menschen wollten sicherer leben“, sagt Elias Giacaman. „Und wollen es noch.“ Der Anteil der Christen an der Bevölkerung in Bethlehem ist nach Erstem Weltkrieg, erster und zweiter Intifada und den Auswirkungen des Oslo-Abkommens zwischen den USA und Israel unter 20 Prozent gefallen. Die Tausende Gläubige, die Weihnachten Bethlehem bevölkern und das Bild einer christlichen Stadt prägen, welches sie schon lang nicht mehr ist, pilgern in die heilige Stadt, zur Geburtskirche und zur Milchgrotte – und reisen wieder ab. Bethlehem besuchen: ja. Dort leben: zu unsicher.

Die Geburtskirche ist Weltkulturerbe geworden. Jetzt gibt es leichter Geld für Sanierungen

Besonders zur Weihnachtszeit ist Bethlehem für Besucher begehrt, alle 3800 Zimmer der rund 50 Hotels sind in diesem Jahr belegt. Seit Ernennung der Stern-Straße inklusive der Geburtskirche zum Unesco-Weltkulturerbe im Jahr 2012 sind es nach dem Touristenrückgang in den vergangenen Jahrzehnten wieder mehr Besucher geworden. Der neue Titel erleichterte zudem die Suche nach Geldgebern für notwendige Sanierungen und Renovierungen. Allein die Restauration der Geburtskirche soll 15 bis 17 Millionen US-Dollar kosten. Die Gerüste stehen schon. Bei der heutigen Fernseh-Übertragung der Christmette um 22.30 Uhr in alle Teile der Welt werden sie zu sehen sein.

Friedlich, fast rhythmisch fegt der Mann in Schwarz den Boden in der Mitte der Geburtskirche. Mit der rechten Hand schwingt er den Besen über die Steine, mit der linken hält er die Kehrschaufel am langen Stiel. Links von ihm, im linken Seitenflügel des Gotteshauses, betet ein anderer Mann, ebenfalls in schwarzer Tracht, auf einem Stuhl vor dem Altar. „Noch sind sie friedlich“, sagt Said Al Tammari, der hinter dem niedrigen Eingang der Kirche auf Touristen wartet.

Der Reiseleiter blickt Richtung Geistliche und erinnert an den Streit der armenisch-orthodoxen Priester, denen zwei Seitenaltäre links in der Kirche gehören, mit den griechisch-orthodoxen Priestern, die den Hauptaltar und die rechten Seitenaltäre besitzen, vor zwei Jahren. Damals war es im Zuge der Vorbereitungen für das griechisch-orthodoxe Weihnachtsfest zu Handgreiflichkeiten inklusive Besenstiel-Kämpfen gekommen.

Bethlehem ist durch eine Grenze von Jerusalem getrennt

Die Frage, wer wo putzen darf, musste letztlich von der Polizei geklärt werden. „Da ist die Stimmung zwischen uns Muslimen und den Christen hier im Ort entspannter“, sagt Said Al Tammari – und lacht. Auch er erzählt, dass die Muslime Weihnachten gern mit den Christen zusammen feiern. Alle drei, wenn möglich. „Wir haben doch kein Weihnachten – deswegen ist es nett, das der Christen hier zu haben.“ Und Bethlehem sei friedlich, im Gegensatz zum Rest Palästinas, sagt Said Al Tammari. Die Situation der Stadt sei aus anderen Gründen schwer.

Nur 48 Reiseleiter aus Palästina haben die Genehmigung, Touristengruppen auf israelisches Gebiet zu führen. Israelische Reiseleiter dürfen uneingeschränkt nach Bethlehem fahren. Die Stadt ist durch den israelisch-palästinensischen Konflikt von Jerusalem getrennt worden. Von der Stadt, mit der sie traditionell enge wirtschaftliche, religiöse und ökonomische Beziehungen unterhielten. Viele Palästinenser haben ihre Arbeit verloren, sie können durch die Grenzkontrolle der Israelis nicht mehr an ihre ehemaligen Arbeitsstätten pendeln oder das Land, welches sie dort besaßen, bewirtschaften.

Die Arbeitslosenquote in Bethlehem liegt bei 24 Prozent. Das ist die höchste im Autonomiegebiet. Hinzu kommt die ständige Angst, die die Schüsse der israelischen Grenzsoldaten auf Steine werfende palästinensische Kinder an der Mauer hervorrufen, das Anwachsen der israelischen Siedlungen, die das palästinensische Gebiet um Bethlehem begrenzen und die Verkehrswege in Richtung Ramallah und anderer Städte im eigenen Land abschneiden. Aggressive Reaktionen wie das Lynchen von Israelis durch palästinensische Jugendliche – oder jüngst der von Libanesen erschossene israelische Soldat an der Grenze im Norden Israels sind die Folge von der anderen Seite. Ein ständiger Kampf.

Die trennende Mauer ist mehrere Meter hoch und 759 Kilometer lang

Wer aus Israel in die Geburtsstadt Jesu Christi reisen möchte, sieht, in welcher Situation sie steckt. Mit dem Bus Nummer 21 geht es vom Damascus-Gate der Altstadt in Jerusalem über die Hebron-Road Richtung Bethlehem. Gut sieben Schekel kostet die Fahrt, 1,40 Euro, mehrfach wird noch in Ost-Jerusalem, dem arabischen Teil der Stadt, gehalten. Moslems und Christen steigen ein, ein Kopftuch kennzeichnet viele. Nach Tourist sieht keiner aus, nach Pilger auch nicht.

Ein Symbol jüdischen Glaubens? Findet sich nicht unter den Reisenden. Vorbei geht es an Cremeton-Hochhäusern Richtung Grenze, die Dürre des Sommers hat ihre Spuren hinterlassen, kaum Grün steckt in den Fugen des Sandsteins. Aus totem Beton ist die Mauer geschaffen, die kurz vor dem Checkpoint beginnt, die Region in zwei Länder zu teilen. Mehrere Meter hoch, 759 Kilometer lang.

Dann kommt der Kontrollpunkt. Ein Schild davor warnt: „The entrance for Israeli Citizen is forbidden, dangerous to your lives and is against law.“ Keiner der Reisenden schaut auf. Auch die sechs Kontrollhäuschen, vor denen je drei Soldaten warten, die Maschinenpistolen, die sie in ihren Händen tragen, scheinen keinen Blickes wert. Als die Männer mit den Waffen in den Bus steigen und von vorn nach hinten Ausweise und Menschen kontrollieren, schaut so mancher nicht einmal auf, reicht lediglich wortlos den Pass Richtung Gang.

Die Bürgermeisterin Bethlehems sieht die Stadt als friedvolles Beispiel

„Wir brauchen spezielle Erlaubnisse, wenn wir als Palästinenser nach Israel reisen wollen“, sagt Said Al Tammari. Limitiert gebe es für die Einwohner jährlich eine Anzahl an Lizenzen, nach Jerusalem zu reisen. In die Stadt, die früher zu ihnen gehörte, in denen Familie und Nachbarn leben. „Natürlich habe ich jüdische Freunde, die ich gern öfter sehen würde“, sagt Said Al Tammari. „Früher konnte man sich noch besuchen.“

Selbst die Bürgermeisterin Bethlehems, die im Jahr 2012 gewählte Christin Vera Baboun, muss nach einem Ausflug nach Jerusalem um spätestens 19 Uhr zurück auf palästinensischem Gebiet sein. „Besonders in diesen Zeiten, in denen unsere kleine Stadt durch die israelische Expansion immer kleiner wird, muss die Botschaft Jesu Christi in unseren Herzen spürbar sein“, sagt sie. Sie hat die Weihnachtssaison 2013/2014 zu einer Zeit der Hoffnung erklärt, in der die „Botschaft von Liebe, Gerechtigkeit und dem gelebten Frieden aus Palästina“ in die Welt transportiert werden soll.

Besonders dieses Jahr seien die Weihnachtsfeierlichkeiten ein Anlass, für die Zeit zu beten, in der Ungerechtigkeit beendet und ein freier und unabhängiger Staat Palästina gegründet wird. „Wir haben doch bewiesen, dass wir mit anderen Religionen, mit unseren Nachbarn, mit den Moslems friedlich leben können“, sagt Vera Baboun. „Das muss doch als gutes Beispiel gelten.“ Politik statt Weihnacht.

Auch muslimische Kinder wollen einen Weihnachtsbaum – und Geschenke

Manhal Assaf, die Muslimin aus dem „Peace-Center“, sagt, dass in Bethlehem die verschiedenen Religionen friedlich miteinander leben. „Und eigentlich wollen alle auch nur eins: Frieden.“ Der Streit mit der Kollegin vorhin – das sei doch nur Spaß gewesen. Gemeinsam mit Miriam Azizih würde sie sich schon längst auf die Weihnachtszeit mit all seinen Festen in Bethlehem freuen. Weil sie so vieles vergessen lassen.

„Außerdem habe ich doch einen Sohn“, sagt Manhal Assaf. „Und der würde mir was erzählen, wenn wir nicht auch einen Baum hätten und es jede Menge Geschenke geben würde, nur, weil wir Moslems sind!“ Auch Manhal Assaf hat einen Wunsch in diesem Jahr. Dass ihr Bruder, Mohanned Assaf, Ende Dezember wiederkehren möge.

Er hat einen Monat auf dem Weihnachtsmarkt Unter den Linden gearbeitet. Manhal Assaf schaut auf ihr Ipad. Ein Foto zeigt ihren Bruder vor dem Brandenburger Tor. Es gefalle ihm gut in der deutschen Hauptstadt, sagt Manhal Assaf. Sie gönnt es ihm, sagt sie. So lange er rechtzeitig zurück nach Hause komme, um zumindest die anderen beiden Feste mit der Familie in Bethlehem, die am 6. und 18. Januar, zu feiern. Zu der Zusage habe sie ihn noch vor seiner Abreise gezwungen.