Kanzler-Umfrage

Die seltsame Sehnsucht der Deutschen nach Helmut Schmidt

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Alexander Kohnen

Foto: mk / picture alliance / UPI

Als Bundeskanzler wurde er geachtet. Beliebt war er damals nicht. Die Deutschen halten Helmut Schmidt heute für bedeutender als Konrad Adenauer oder Helmut Kohl. Warum ist das so?

Helmut Schmidt sah gut aus, und er konnte gut reden. Er war ein anständiger Politiker, detailbesessen, manchmal mutig, hochintelligent, oft selbstverliebt. Und natürlich ein Krisenmanager, ein Mann, der entschieden gegen den RAF-Terror vorging, der das Drama in Mogadischu beendete, der die Probleme der Weltwirtschaft im Blick hatte, der den Nato-Doppelbeschluss erfand. Er wurde geachtet. Beliebt war er nicht.

Seine Bilanz war gut, aber nicht herausragend. Bei den Bundestagswahlen 1976 und 1980 bekam seine SPD weniger Stimmen als die CDU/CSU. Die protestierenden jungen Menschen mochten ihn nicht, gründeten oder wählten schließlich die Grünen, auch weil Schmidt nicht in der Lage war, die Umweltbewegung in die SPD einzubinden. Als Schmidt schließlich 1982 durch ein konstruktives Misstrauensvotum gestürzt wurde, war das auch okay. Traurig waren nur wenige.

Null Prozent stimmen für Kurt Georg Kiesinger

Heute sieht das ganz anders aus: Die Deutschen glauben, dass Schmidt der bedeutendste Kanzler der Nachkriegszeit ist. Das ist das Ergebnis einer Forsa-Umfrage für den „Stern“. 25 Prozent sind dieser Meinung. Dann folgen Konrad Adenauer (CDU, 23 Prozent), Willy Brandt (SPD, 18 Prozent) und Helmut Kohl (CDU, 17 Prozent). Sechs Prozent nannten Angela Merkel (CDU), drei Prozent Gerhard Schröder (SPD), noch schlechter sind nur Ludwig Erhard (für CDU, zwei Prozent) und Kurt Georg Kiesinger (CDU, null Prozent).

Ein seltsames Ergebnis. Es ist wohl so, dass sich die Deutschen durch die seit Jahren andauernden Schmidt-Festspiele kirre machen lassen. Helmut Schmidt wird in TV-Porträts gelobt, in Interviews mit großen Tages- und Wochenzeitungen wird ihm gehuldigt. Seine Bücher stehen monatelang auf den Bestsellerlisten. Wenn er sich lange vor der Bundestagswahl für einen bestimmten SPD-Kanzlerkandidaten ausspricht, bringt der „Spiegel“ das als Titel. All das verwischt die historische Wahrnehmung.

Helmut Schmidts Mentholzigaretten sind praktisch Kultobjekt

Wir erfahren auch immer mehr über den Privatmenschen. Wenn die EU die Mentholzigarette verbieten will, sind die Deutschen besorgt, ob Schmidt noch ausreichend mit seiner Marke Reyno versorgt ist – und freuen sich, wenn Peer Steinbrück enthüllt, dass der bald 95-Jährige 200 Stangen seiner Lieblingsmarke auf Lager hat. Schmidt ist beliebter als je zuvor. Auch deshalb wird er von den Deutschen für politisch bedeutsam gehalten – auch wenn er keine große historische Leistung vollbracht hat.

Wer sich ein bisschen mit der Geschichte der Bundesrepublik befasst hat, der hat meistens eine feste Reihenfolge im Kopf, oft geht die so: Adenauer, Kohl und Brandt. (Wer eher Sympathien für die SPD hat, sieht vielleicht Brandt weiter vorn.) Ohne Adenauer wäre Deutschland wohl nicht das, was es heute ist. Er gründete die Bonner Republik, als strikter Antikommunist sorgte er für die feste Westbindung und die Versöhnung mit dem ehemaligen Erbfeind Frankreich. Er richtete die Westdeutschen nach dem Krieg wieder auf.

Kohl ist der Vater der deutschen Einheit und der europäischen Einigung. Seine Leistung steht für sich. Brandt war der Versöhner, der sich im Warschauer Getto hinkniete. Seine Ostpolitik war einer der Gründe, warum es später zur Einheit kommen konnte.

Er hat alles gesehen – und kann zu allem etwas sagen

Um den vierten Platz konkurrieren dann Schmidt, Schröder und Merkel. Schröder wird vielleicht in ein paar Jahren anders wahrgenommen als heute, bedeutender. Er war der erste Kanzler seit 1949, der gravierende Einschnitte in der Sozialpolitik vornahm – und das als SPD-Politiker (Agenda 2010). Und: Er war der erste Kanzler, der den USA die Gefolgschaft verweigerte (Irak-Krieg). Ob einem das gefällt oder nicht: Damit hat er zwei Zäsuren gesetzt – und den Handlungsspielraum für seine Nachfolger wesentlich vergrößert. Merkel pflegt einen Stil, der dem von Schröder diametral entgegengesetzt ist. Die Deutschen sind froh, dass sie die endlose, existenzielle Finanz- und Schuldenkrise so managt, wie sie es nun mal tut. Das hat die Bundestagswahl bewiesen, ihr Ergebnis war mit 41,5 Prozent deutlich besser als 2005 oder 2009.

Das Phänomen Schmidt hat wohl auch zu tun mit der Sehnsucht der Deutschen nach einem weisen Mann, der alles kennt, alles schon gesehen hat, zu allem etwas sagen kann. Helmut Schmidt ist unser Gandalf.

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