Räumung

In Afghanistan hat der Abzug der Bundeswehr begonnen

In Faisabad wird das erste größere Lager geräumt, nachdem die Bundeswehr Anfang Juli ihren operativen Auftrag dort beendet hatte.

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Der Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan läuft auf vollen Touren. Das Feldlager in Faisabad in der Provinz Badachschan mit zuletzt noch 240 Soldaten ist das erste größere Camp, das die Bundeswehr aufgibt, nachdem sie Anfang Juli ihren operativen Auftrag hier beendet hatte. Der alpine Charakter der Region mit fehlenden Asphaltstraßen macht den Umzug schwer. Zugleich steht die Bundeswehr unter Zeitdruck: Sie muss weg sein, ehe Schlamm und Erdrutsche im Winter viele Wege unpassierbar machen.

Knapp 800 Tonnen Material packen die deutschen Soldaten seither in 450 Seecontainer, um sie nach Deutschland zu schicken oder anderswo in Afghanistan weiter zu nutzen. Die gesamte Ausrüstung muss sorgfältig in den Containern verzurrt werden, ehe sie zunächst auf die Reise ins deutsche Hauptquartier in Masar-i-Scharif geschickt wird. Doch der Abbau hält Überraschungen bereit. Als schweißtreibend erwies sich der Abbau der Kommandozentrale, die wie der Rest des Camps aus einzelnen Containern bestand. Damit diese Container Beschuss standhalten, wurden sie großzügig mit Sandsäcken bedeckt. Doch die Säcke sind inzwischen verrottet, sodass zehn Soldaten bei sengender Hitze zwei Tage lang 120 Tonnen Gewicht von Hand von den Dächern der sechs Container schaufeln mussten.

Hinzu kommt, dass mit dem Abzug eine Inventur fällig wird. Insgesamt 9000 Artikel gibt es laut Register im Lager, und die wollen gefunden werden. Die Bucher, die das Material aufnehmen, machen seit Wochen 18-Stunden-Schichten. Doch manchmal hilft alle Hartnäckigkeit nicht, und einige Ausrüstungsgegenstände bleiben verschwunden. So werden beispielsweise einige Lampen wohl nie mehr den Heimweg nach Deutschland antreten.

Die Nachmieter campieren derweil ein paar Hundert Meter entfernt am Flughafen in Zelten und unter freiem Himmel: Die Spezialpolizei Ancop soll die meisten Wohn- und Bürocontainer sowie Sanitäranlagen übernehmen, ebenso Stromnetz und Wasserleitungen. Doch bei Generatoren und anderen technischen Geräten ist die Wartung ein Problem bei der Übergabe an die Afghanen. Wegen mangelnder Kenntnisse bei der Wartung sind sie oft rasch nicht mehr nutzbar. Es könne aber klappen, wenn die Ancop wie geplant das Zivilpersonal weiterbeschäftigt, das seit Jahren für die Bundeswehr arbeite.

Eine offene Frage ist, ob es den einheimischen Sicherheitskräften gelingen wird, für Ruhe in Badachschan zu sorgen. Westliche Sicherheitsexperten sehen die Situation kritisch. Die Lage habe sich kontinuierlich verschlechtert, sagt einer, der nicht namentlich zitiert werden will. Hätten früher vor allem interne Machtkämpfe die Sicherheitslage in Faisabad bedroht, strömten nun immer mehr Taliban aus Pakistan herüber. Sie versuchten, Bündnisse mit Drogenzaren zu schmieden. Denn ein großer Teil der Wirtschaftseinnahmen beruht noch immer auf Opium.

Doch in den vergangenen Jahren hat Faisabad auch einen Boom erlebt: Überall sind kleine Läden aus dem Boden geschossen, schöne Häuser wurden gebaut, die Stadtbevölkerung hat sich auf 100.000 verfünffacht. Najmuddin Najm von der Aga-Khan-Stiftung in Faisabad, die deutsche Entwicklungshilfeprojekte umsetzt, ist dankbar für die neuen Straßen, durch die eine Fahrt nach Kabul nur noch zwölf Stunden statt früher drei bis vier Tage dauert. Auch das Krankenhaus habe bei der Bevölkerung an Vertrauen gewonnen – 8000 Patienten würden dort im Monat gezählt, vorher seien es 2000 gewesen. Najm möchte sogar Touristen in die Region holen. Die Dörfer in der Gegend könnten Reiseführer stellen, Einheimische Kunsthandwerk verkaufen – sofern es gelingt, Sicherheit zu schaffen.