Forschung

Senioren testen das Altwerden der Zukunft

Forscher versuchen, ein Problem der alternden Gesellschaft zu lösen – mit einem rundum technisch überwachten Zuhause.

Der Trainer macht es vor, und Siegrid Gorn verlagert vorsichtig das Gewicht auf ihr rechtes Bein. Die 82-jährige Potsdamerin trainiert ihr Gleichgewicht, Anti-Sturzübungen. Ihr Trainer ist ein Avatar, eine computergenerierte Kunstfigur auf dem Fernseher. Er sagt ihr, was sie tun muss. Bei Bedarf kann ein echter Trainer der Seniorin über eine Videokamera zuschauen, eventuelle Fehler korrigieren oder anspruchsvollere Übungen vorschlagen. Was beim Sport klappt, das funktioniert auch bei Gesprächen mit ihrem Arzt, ihrer Wohnungsgesellschaft oder dem Pflegedienst. Siegrid Gorn ist vernetzt mit allen Dienstleistern, die ihr das Leben erleichtern können.

Die alte Dame mit dem lockigen weißen Haar ist für 50 Tage in die Zukunft gereist. Sie hat als Teilnehmerin des Forschungsprojekts "Smart Senior" erfahren, wie in einigen Jahren vermutlich viele Senioren leben werden: über Telemedizin mit ihrem Arzt verbunden. Über Videotelefonie im regelmäßigen Kontakt mit Helfern. In einer elektronisch überwachten Wohnung, in der Sensoren registrieren, wenn sie sich länger als acht Stunden nicht bewegt, den Gashahn nicht richtig geschlossen oder die Balkontür offen gelassen hat.

Im Alter von bald 83 Jahren weiß Siegrid Gorn, wie Senioren von den vielen elektronischen Geräten profitieren können. "Man muss nicht ins Heim und kann zu Hause bleiben", sagt die pensionierte Diplom-Ökonomin. "Die Funktionen unterstützen mich, den Alltag zu meistern."

Die Frage, ob Ältere länger alleine zurecht kommen, ist für Deutschland überaus bedeutsam. Im Jahr 2035 werden mehr als die Hälfte der Menschen über 50 Jahre alt sein, jeder Dritte bereits älter als 60. Die Kosten für Pflege und Gesundheit werden steigen. Und gerade in Berlin, der Hauptstadt der Singles, werde sehr viele Alte alleine leben.

EKG-Werte für die Leitstelle

Dementsprechend groß ist die Beteiligung an dem auf dreieinhalb Jahre angelegten Forschungsprojekt: 28 Partner unterstützen die Labors der Deutschen Telekom am Berliner Ernst-Reuter-Platz, darunter Siemens, BMW, die Charité, die TU Berlin, verschiedene Medizintechnik- und Computerunternehmen sowie Software-Entwickler der Berliner Fraunhofer-Institute. Die Johanniter Unfallhilfe schickt bei Bedarf Rettungsdienste, Pfleger oder Einkaufshelfer zu den Senioren. Das Bundesforschungsministerium gibt 25 Millionen zum 42-Millionen-Euro-Etat des Projektes dazu.

Mit dem ersten Praxis-Test mit 35 Potsdamer Senioren ist nun ein wichtiger Zwischenschritt des Projekts geschafft. Potsdams städtische Wohnungsgesellschaft Gewoba stellte die Modellwohnungen bereit und schlug Mieter vor, bei denen die Forscher ihre Technik installieren konnten. Für die Gewoba und andere Wohnungsfirmen ist es wirtschaftlich sehr interessant, wenn die alten Leute eben nicht in ein Heim ziehen, sondern möglichst lange Mieter bleiben. Deshalb hat die Gesellschaft mitgemacht und schnelle Internet-Kabel in jedes Zimmer der Studienteilnehmer verlegt.

Das Projekt beschränkt sich jedoch nicht nur auf das Zuhause, es soll den Teilnehmern auch Mobilität sichern. So haben sie stets ein modernes Smart Phone und eine Armbanduhr dabei, die sie mit dem häuslichen Netzwerk verbindet. Wenn nötig, können die Senioren auch eine EKG-Weste tragen, die wichtige Körperfunktionen kontrolliert. Gibt es ein Problem, erkennt dies das Handy, und leitet die Information an die Leitstelle weiter, inklusive Standort des Patienten. Sollte jemand im Auto einen Herzinfarkt erleiden, lenkt das System das Auto automatisch nach rechts und lässt es am Straßenrand anhalten.

Viele einzelne Elemente des "Smart Senior"-Programms gibt es schon. Ärzte stellen übers Internet Diagnosen, Pflegedienste überwachen Patienten über Kameras, Mediziner checken online die Werte der Kranken. "Wir haben hier aber ein übergreifendes System entwickelt", sagt Michael Balasch, der Leiter des Telekom-Projekts. Ein System, das mitwachse. Die Senioren können selbst mit ein paar Klicks auf der Fernbedienung oder auf dem Tablett-Rechner Gewicht und Blutdruck auf dem großen Flachbildschirm kontrollieren. Muss auch der Blutdruck überwacht werden, wird dies integriert. Die technischen Geräte sind möglichst einfach designt, mit Symbolen für "Zu Hause", "Kommunikation", "Gesundheit" oder "Assistenz". Hinter der schlichten Oberfläche stecken jedoch komplizierte Schnittstellen und Prozesse. Das ahnt, wer den Kabelsalat und gleich vier schwarze Boxen hinter dem Flachbildschirm stecken sieht.

Computerkenntnisse wünschenswert

Auch das ganze Prinzip ist komplex. Medizinische Daten von Siegrid Gorn wie der Wert ihres Blutdrucks gehen über das Telemedizin-Zentrum der Charité an ihre Hausärztin. Sollten ihr die Medikamente ausgehen, schaltet sie sich per Video-Telefon in das Notfallzentrum der Johanniter in Berne bei Bremen. Auf diese Weise kann sie auch Essen bestellen oder Hilfe zum Einkaufen anfordern. Das Beste sei aus Sicht von Frau Gorn aber, dass sie mit anderen über den Bildschirm kommunizieren kann: "Wenn ich nicht mehr raus könnte, könnte ich trotzdem mit jemandem reden, wie in meinem Wohnzimmer."

Die Erfahrungen von Frau Gorn und den anderen Probanden sind vor allem für Mehmet Gövercin aus der Forschungsgruppe für Geriatrie der Charité wichtig. "Wir wollten die Handhabbarkeit der Geräte testen, die Nutzerakzeptanz und die Lebenszufriedenheit", sagt der Arzt. Schließlich nütze auch das ausgefeilteste System nichts, wenn die Senioren es nicht richtig bedienen können. Siegrid Gorn kam gut zurecht, die alte Dame besitzt aber auch einen Computer und surft im Internet. Sie fand sogar die Fernsteuerung per Touchpad "ein bisschen lahm". "Man sollte schon in der Lage sein, mit einem Computer umzugehen", lautet ihr Fazit. Das sei in ihrer Generation zwar nicht unbedingt die Regel, so Siegrid Gorn – doch in Zukunft werde sich ja auch das ändern.

Ein bisschen wird es ja aber auch noch dauern, bis ein so umfassendes System wirklich auf den Markt kommt. Noch reiche die Basis-Infrastruktur dafür nicht aus, so Projektleiter Balasch. So sei beispielsweise Breitband-Internet noch längst nicht überall verfügbar. Vor demselben Problem stehen derzeit auch noch die Konzerne, wenn es um das so genannte Smart Home geht, also das vernetzte Wohnhaus, in dem die Waschmaschine dann wäscht, wenn der Strom billig ist und der Abfalleimer die Müllabfuhr informiert, wenn er voll ist. Einige Beteiligte des Potsdamer Forschungsprojekts seien aber schon dabei, zumindest aus einzelnen Elementen des Systems verkaufsfähige Produkte und Dienste zu machen.

Virtuelle Preisschilder

Für das komplizierte Abrechnungssystem des deutschen Gesundheits- und Sozialwesens haben die Forscher indes auch schon eine Lösung gefunden. "An jeder Funktion hängt ein virtuelles Preisschild dran", sagt der Siemens-Wissenschaftler Daniel Reznik. So werden die Nutzer über ihre Kosten informiert. "Einmal Vitaldaten, Gewicht empfangen", steht auf dem Bildschirm. Macht "0,10 Taler". Die Kunstwährung haben die Forscher gewählt, damit die Senioren nicht denken, sie müssten wirklich etwas bezahlen.

Zum Abschluss des Projekts hat Siegrid Gorn den Wissenschaftlern übrigens noch einen wichtigen Rat gegeben. Im System sei nämlich bisher nicht vorgesehen, dass ein Teilnehmer auch mal eine Woche verreist. "Das", so die Seniorin, "musste man von Hand einstellen".

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