Terror in Bulgarien

Anschlag hätte laut Experten verhindert werden können

Stunden vor dem Anschlag soll bei dem bulgarischen Reiseveranstalter eine Bombenwarnung eingegangen sein.

Foto: DPA

Wie an jedem Sommertag planschen Kinder im Schwarzen Meer, aus den Lautsprechern der Restaurants am berühmten Sonnenstrand nördlich der Stadt Burgas plärren auch am Tag nach dem Terroranschlag eingängige Schlager. Doch nicht nur die verstärkten Polizei-Patrouillen vor den Hotels mit israelischen Gästen, der abgeriegelte Flughafen von Burgas und die auf Halbmast gesetzten Flaggen zeugen an Bulgariens Schwarzmeerküste von dem unfreiwilligen Eintritt des Balkanlandes in das Zeitalter des internationalen Terrorismus. „Tod, Horror, Tragödie“, titelt der fassungslose Kommentator der Agentur Novinite nach dem Attentat von Burgas: „Bulgarien wird nie mehr so sein wie zuvor.“

Burgas ist bekannt für seinen Tourismus, die vielen Dichter und Kulturschaffenden, die die viertgrößte Stadt Bulgariens mit seinen heute gut 230.000 Einwohnern hervorgebracht hat, für seine entspannte Atmosphäre. Krassi Kaludov, ein bekannter Radiojournalist, ahnte deshalb sofort Schlimmes, als er am Mittwochnachmittag von dem Einsatz mehrerer Rettungs- und Polizeiwagen am Flughafen erfuhr. Am Tatort berichtete ihm ein Taxifahrer, er habe auf Kunden gewartet, als er eine heftige Detonation hörte und deren Druckwelle spürte. Am Tatort habe er unfassbare Bilder gesehen, die man sonst nur aus dem Fernsehen kenne: ein ausgebranntes Buswrack, schwer verletzte Menschen, abgetrennte Körperteile.

Bombenwarnung an Veranstalter

Die Chartermaschine aus Tel Aviv mit 155 überwiegend jugendlichen Passagieren an Bord war um 16.45 Uhr auf dem Flughafen von Burgas gelandet. Als die ersten Touristen ihre vor dem Terminal wartenden Busse zu ihren Hotels am 25 Kilometer entfernten Sonnenstrand bestiegen hatten, erschütterte eine gewaltige Explosion das Gelände. Am Donnerstag veröffentlichte Amateur-Aufnahmen zeigen, wie das Feuer von dem völlig zerstörten Bus rasch auf zwei weitere übergriff. Unter dunklen Rauchwolken loderten aus den Wracks helle Flammen. In Panik rannten entsetzte Reisende ziellos umher, Sicherheitsbeamte in verzweifelter Hektik versuchten, den Tatort zu sichern.

Acht Tote und 37 zum Teil lebensgefährliche Verletzte lautet am Donnerstag die vorläufige Bilanz des Attentats. Zwei der Opfer erlagen ihren Verletzungen am Tag nach dem Anschlag. Unter den Toten befindet sich auch der 36 Jahre alte bulgarische Busfahrer. Einer der Verletzten hatte bereits zehn Jahre zuvor ein Attentat nur knapp überlebt, wie der israelische Armeerundfunk berichtet. Gadi Siboni wurde im November 2002 mit 33 anderen verwundet, als Terroristen der Al-Aksa-Märtyrerbrigade in der nordisraelischen Stadt Beit Shean das Büro der Likud-Partei angriffen. Sechs Menschen starben. Siboni sagte, er habe gewusst, dass der Sprung aus dem brennenden Bus gefährlich sein würde. „Aber ich hatte keine Wahl, ich wäre an dem Rauch erstickt, also bin ich gesprungen.“ Im Interview mit dem Radiomoderator klingt der junge Mann erleichtert: „Gott sei Dank lebe ich, ich atme!“

Nach ersten Ermittlungen geht Sofia mittlerweile von einem Selbstmord-Anschlag aus. Der mutmaßliche Attentäter, dessen Leiche die schlimmsten Verstümmelungen aufwies, habe sich von den anderen Touristen kaum unterschieden, berichtete am Donnerstag in den frühen Morgenstunden der übernächtigt wirkende Premierminister Bojko Borissow. Turnschuhe, kurze Hosen und einen Rucksack habe der Mann mit den längeren Haaren getragen, den Überwachungskameras schon eine Stunde vor Ankunft der Chartermaschine auf dem Parkplatz des Flughafens lokalisierten. Bei der Leiche des Mannes fand sich ein im US-Staat Michigan ausgestellter Führerschein, der sich bei einer Überprüfung durch das FBI jedoch als Fälschung erwies.

Doch in wessen Auftrag hat der Täter gearbeitet? Schon unmittelbar nach dem Anschlag hatte der israelische Premier Benjamin Netanjahu Teheran für das Attentat verantwortlich gemacht und eine „entschlossene Reaktion“ angekündigt: „Alle Zeichen deuten auf den Iran.“ Als „lächerlich“ wies das iranische Staatsfernsehen die Vorwürfe zurück, während Israels Sicherheitsminister Izchak Aharowitsch baldige Vergeltung ankündigte: Man werde „mit den Verantwortlichen die Rechnung begleichen“. Der US-Geheimdienst CIA und der israelische Mossad sollen laut bulgarischen Presseberichten die Ermittlungen übernommen haben.

Der Schock in dem Land, das bislang von schweren Anschlägen verschont geblieben war, sitzt tief. Nur schwach erinnert man sich in Burgas noch an die Ermordung des türkischen Generalkonsuls in Burgas in den 70er-Jahren, vermutlich durch radikale Kurden. Doch den Hinweis mancher Politiker, das Land habe ja kaum Erfahrung mit Terrorismus und die Sicherheitsbehörden seien deshalb auch nicht für eine solche Herausforderung gewappnet gewesen, weisen Kritiker zurück. Der Anschlag hätte verhindert werden können, schrieb am Donnerstag das bulgarische Online-Portal „e-vestnik“. Schon im Januar dieses Jahres habe Sofia von Tel Aviv eine Warnung vor möglichen Anschlägen auf Busse mit israelischen Staatsbürgern erhalten. Bei dem bulgarischen Reiseveranstalter soll selbst noch zwei Stunden vor dem Anschlag eine Bombenwarnung eingegangen sein, heißt es auf dem Portal: „Und was haben die bulgarischen Behörden getan? Nichts. Innenminister Zwetan Zwetanow hat wahrscheinlich gewartet, dass man ihm das Hotelzimmer des Attentäters zeigt.“

Kritiker bemängeln, es sei schon lange absehbar gewesen, dass auch Bulgarien und seine rund 5000 Mitglieder umfassende jüdische Gemeinde ein Ziel von Terroranschlägen werden könnten. Wie viele osteuropäische Staaten hatte sich das Land nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in die „Koalition der Willigen“ eingereiht. In den vergangenen zwei Jahren hat Sofia zudem nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die militärische Kooperation mit Israel merklich intensiviert. Zudem ist Bulgarien ein beliebtes Reiseziel vieler Israelis, das Land hat einen guten Ruf: Im Zweiten Weltkrieg war Sofia ein Waffenbruder der Deutschen, widersetzte sich aber erfolgreich der Deportation der 50.000 bulgarischen Juden.

Doch allein die Hoffnung, man werde schon vom Terrorismus verschont, reiche nicht, sagt der Publizist Iwan Dikow. „Wenn man keinerlei Vorkehrungen trifft, kann man auf gar nichts hoffen: Bulgarien erwies sich nun wohl als der einfachste Ort, um große Gruppen von Israelis zu attackieren.“