Bürgerkrieg

Syrisches Regime wankt – Assads Aufenthaltsort unklar

Der syrische Bürgerkrieg versetzt Damaskus in Angst. Seit dem Mordanschlag auf Assads Machtzirkel wurde er nicht mehr öffentlich gesehen.

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Seitdem drei führende Vertreter des Regimes bei einem verheerenden Mordanschlag im Herzen von Damaskus getötet worden sind, wächst in Damaskus das Gefühl von Unsicherheit und Zerfall. Aus Angst verlassen viele Menschen ihre Wohnungen nicht mehr. Gerüchte machen die Runde. Die Spekulationen kreisen vor allem um den Verbleib der Familie Assad: Konkrete Informationen, ob Präsident Baschar al-Assad die Stadt nach dem dramatischen Attentat verlassen hat, gibt es bislang allerdings nicht. Fest steht nur, dass Assad sich seither nicht in der Öffentlichkeit gezeigt hat. Ein Berater beteuerte allerdings, Assad habe an der Vereidigung des neuen Verteidigungsministers Fahad Dschassim al-Freidsch teilgenommen und befinde sich im Präsidentenpalast. Bilder jedoch gab es nur ohne Ton, wann und wo sie entstanden, blieb unklar.

Gefechte in Damaskus' Zentrum

„Wir hören immer neue Geschichten“, sagt Tarek, ein Aktivist in dem gehobenen zentralen Viertel Abu Rummaneh. „Die einen sagen, er wurde getötet, die anderen sagen, er sitzt gerade in einem Flugzeug, und wieder andere meinen, er sei nach Lattakia geflohen.“ Augenzeugen haben angeblich gesehen, dass die Maschine des Präsidenten von Damaskus aus in Richtung der Hafenstadt abgehoben hat, meldet die Zeitung „Al-Quds al-Arabi“. Es wäre denkbar: Entlang der Region an der Küste, wo Lattakia liegt, ist Präsident Assads Rückhalt noch stark: Teile dieser Gegend in Westsyrien sind überwiegend von Alawiten bewohnt, einer schiitischen Minderheit, der auch der Assad-Clan selbst angehört. Die Rebellen dagegen sind mehrheitlich Sunniten, wie die Bevölkerung insgesamt. Berichten zufolge soll sich Baschar al-Assads Frau Asma unterdessen nach Russland abgesetzt haben.

Auch wenn der Wahrheitsgehalt der Berichte nicht geprüft werden kann: Es ist gut möglich, dass es Baschar al-Assad inzwischen in der Hauptstadt zu gefährlich geworden ist. Während der Präsidentenpalast auf dem Hang des Berges Kassiun über der Stadt thront, liegt sein Wohnhaus im Zentrum von Damaskus; ganz in der Nähe der Viertel, in denen inzwischen heftige Gefechte toben. Zudem hat der Anschlag am Mittwoch gezeigt, dass die Rebellen inzwischen selbst an den Orten zuschlagen können, die unter intensiver Bewachung stehen: Offenbar ist es ihnen gelungen, einen Sprengsatz in die Behörde für Nationale Sicherheit zu schmuggeln. Ohne die Hilfe von Insidern dürfte die Tat nicht möglich gewesen sein. „Wir haben überall Kontakte und Helfer“, sagt Hasrid, ein Aktivist in Damaskus. „Man muss bedenken, dass das ja kein fremder Feind von außen ist, den wir bekämpfen.“

Bei dem Attentat kam dem staatlichen Fernsehen zufolge sowohl Asef Schawkat ums Leben, ein Schwager von Präsident Assad, der innerhalb des syrischen Sicherheitsapparates eine Schlüsselrolle spielte.

Beobachter werten den Mordanschlag daher als einen symbolisch äußerst bedeutsamen Vorfall, der den Niedergang des Regimes einleiten könnte. Der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, sagte vor Journalisten, es sei „offensichtlich, dass Assad die Kontrolle verliert“. Nicht nur über Assad werden unterschiedliche Theorien verbreitet; auch Gerüchte, dass viele Vertreter des Regimes ihre Koffer packen, gehen in Damaskus um. Zusätzlich ist von Massen von Soldaten die Rede, die desertiert und zu den Rebellen übergelaufen sein sollen, und von regierungstreuen Milizionären, die wahllos Zivilisten töten. „Diese Gerüchte bringen uns noch um“, sagt Tarek, ein junger Anwalt in Damaskus. „Ich glaube, dass nichts davon wahr ist. Die Leute drehen langsam durch vor Angst. Wir hören ständig Schüsse, Helikopter und Explosionen, und keiner weiß mehr, was hier geschieht.“

Anzeichen, dass die Kämpfe nachlassen, gibt es bislang nicht. Die schweren Gefechte in Damaskus gingen am Donnerstag weiter, den fünften Tag in Folge. Die Freie Armee Syriens (FSA) hatte Anfang der Woche eine groß angelegte Operation mit dem Titel „Damaskus-Vulkan“ begonnen und zur „Befreiung der Hauptstadt“ aufgerufen. Seitdem ist es in mehreren Stadtteilen zu heftigen Gefechten gekommen; inzwischen haben die Kämpfe auch auf das zentrale Geschäftsviertel Mezzeh übergegriffen. Tausende sollen in der Stadt auf der Flucht sein.

Die Regierung wie die Opposition melden eine hohe Zahl von Todesopfern. Allein in dem Vorort Saida Zeinab sind Berichten von Oppositionellen zufolge mehr als 60 Menschen getötet worden, als Helikopter auf eine Beerdigungsprozession feuerten. Auch die Rebellen gehen immer rücksichtsloser vor, sagt Tarek, der Anwalt: „Sie haben die Mentalität: Entweder du bist für uns oder du bist gegen uns. Für jeden in Damaskus ist dieser Konflikt eine Sache von Tod oder Überleben geworden. Keine der beiden Seiten kann mehr aufhören.“ Berichten zufolge sollen die staatlichen Radio- und Fernsehsender Warnungen von den Aufständischen erhalten haben: Sie sollten ihre Mitarbeiter evakuieren, da Angriffe auf die Gebäude bevorstehen. Tarek selbst hat Todesdrohungen erhalten, weil er die Operationen der Rebellen kritisiert hat, sagt er. Neulich hat er auf seiner Türschwelle eine Patrone gefunden, dazu ein Schreiben: „Halt dich zurück“, unterzeichnet: „die Revolution“. Damaskus stecke in der Krise. „Das Essen wird allmählich knapp, die meisten Geschäfte haben geschlossen. Und niemand ist mehr bei Dunkelheit auf der Straße.“