Kommentar

Eine Euro-Rettung mit vielen Fouls

Kanzlerin Merkel hat Soforthilfen für Spanien und Italien zugestimmt. Florian Eder über einen Gipfel, bei dem Deutschland erpresst wurde.

Fußball ist ein schöner Sport und hat mit der Rettung Europas nichts zu tun. Seine Ästhetik der Kraft und die Freude an der Taktik auf das Feld der Politik übertragen zu wollen heißt, in schlichten Kategorien von Angriff und Verteidigung zu denken, von Mut und Catenaccio, von Sieg und Niederlage schließlich. Dazu aber lädt die Politik nun selbst großzügig ein nach der Vorstellung, die Italien und Spanien, Finalgegner der Fußball-EM, in der Nacht zu Freitag gezeigt haben: bei einem EU-Gipfel, der zum Ausgangspunkt einer Reform der Union hätte werden können – und ein Spielchen voller Fouls wurde, die nicht geahndet wurden. Nicht beim Pressing konnte man zuschauen, sondern bei einer Erpressung. Hoffen wir, dass im Finale ein besseres Spiel geboten wird.

Der Wettbewerb darum, der Beste zu sein, ist die Antriebskraft des Leistungssports. Der Wettbewerb darum, am bequemsten durchzukommen, war die Antriebskraft der Südeuropäer in Brüssel. Spanien und Italien blockierten den „Pakt für Wachstum und Beschäftigung“. Nicht weil ihnen endlich aufgegangen wäre, dass er neben 120 Milliarden Euro auch eine Reihe unangenehmer Reformverpflichtungen enthält: die Rentensysteme zukunftsfest zu machen etwa oder die Bürokratie ihrer durch Ineffizienz selbst angeeigneten Macht über die Bürger zu berauben.

Nein, Spanien und Italien blockierten den Pakt, weil sie in ihm kein Ziel, in seiner Verhinderung aber einen Hebel sahen. Paradoxerweise wollte Angela Merkel den Pakt zwar selbst nicht, aber sie brauchte ihn, damit der Bundestag dem Rettungsschirm zustimmte. Merkel über den Pakt unter Druck zu setzen war perfide und zeigt, wie wenig den Foulspielern am Ergebnis liegt.

Italien und Spanien wollten den Wachstumspakt zwar im Windschatten des französischen Präsidenten unbedingt, aber nicht so sehr wie ein anderes Ziel, das sich daheim noch besser als Erfolg verkaufen lässt: leichter, das heißt ohne Auflagen, an das Geld der Europäer zu kommen. Speziell an das der Deutschen. Als ob Italiener und Spanier es kurzfristig merkten, dass ihre Staaten kein rechtes Vertrauen genießen an den Rentenmärkten. Der Abhilfe dieser „Ungerechtigkeit“ reden sie das Wort, wo doch all ihre erfolgreichen Reformen der vergangenen Monate zeigten, dass der Wille zur Leistung honoriert wird. Leistung tatsächlich auch zu bringen wäre allerdings noch besser.

Dass Italien am Donnerstag Deutschland aus der EM warf, ist traurig, aber in stabiler Verfassung zu verkraften. Dass Italiens Premierminister Mario Monti von Europas hoffnungsvollstem Reformer zum gewieftesten Brachialpolitiker der EU mutierte, ist dagegen bitter, zumal die italienischen Parteien ein Dreivierteljahr vor der Parlamentswahl überhaupt keine Alternative zu dem ungewählten, aber bislang vom Volk unterstützten Technokraten hervorbrachten. Montis Auftritt in Brüssel mit Mario Balotellis bewundernswertem Sturm zu vergleichen hieße, dessen Leistung zu schmähen.