Euro-Krise

Griechenland - nach der Wahl ist vor der Rettung

Die Griechen sind erleichtert über den Wahlausgang, doch noch ist die Krise nicht ausgestanden. Das Land bleibt ein wackliger Euro-Partner.

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Griechenland ist ein Land, in dem alles zusammenhängt, das wird einem klar, wenn man es in diesen Tagen bereist. Orthodoxe Kirchen stehen auf den Ruinen von antiken Tempeln. Die allgegenwärtigen Pakistanis, von der türkischen Mafia ins Land geschleust, sind den Einheimischen so sehr ein Dorn im Auge wie die illegalen Mexikaner den Amerikanern. Und doch sind sie die einzigen, die sich auf den endlosen Wassermelonenfeldern in der sengenden Juni-Sonne abrackern. Die Polizei schaut weg. Nachdem in den letzten Jahren etwa 70.000 Betriebe Pleite gegangen sind, ist die Landwirtschaft einer von zwei verbleibenden Wirtschaftszweigen in Griechenland.

Der andere ist der Tourismus, doch an diesem Zweig verdorren die Blätter. Nachrichten von wütenden, uneinsichtigen Griechen, die Deutsche verprügeln wollen, sie zumindest nicht mehr leiden können, seit Bundeskanzlerin Merkel für ihren sorglosen Umgang mit Geld keine Geduld mehr hat, verprellen die sensiblen Studiosus-Reisenden genauso wie die sonnenverbrannten Party-Gäste auf Mykonos. Die Ausgrabungsstätte von Olympia – wo einst mithilfe des Sports die Völkerverständigung erfunden wurde, wo den Betrügern Denkmäler ihrer Schande gesetzt wurden, die heute noch stehen – liegt wie ausgestorben. Athener Grandhotels, teuer mit EU-Geldern renoviert, haben kaum ein Dutzend Gäste.

Das erzählt eine Fremdenführerin, eine Zufallsbekanntschaft in der Lobby der Nobelherberge St. George Lycabettus, deren Balkone, wie vieles in diesem Land, auf die Vergangenheit blicken, in diesem Fall auf die Akropolis. Die Krise, die Politik, die Tempel, die Hotels, die Wassermelonen. Alles hängt hier zusammen, nur eines offenbar nicht: das Individuum und der Gemeinsinn.

Bowlingcenter in Bergdörfern

Wie kann ein Volk, das an Herz und Seele und Geist so reich ist, den eigenen Staat wissentlich in den Ruin treiben? Wieso baut es auf staubtrockenen Inseln, die von riesigen Wasserschiffen versorgt werden müssen, Hotels mit unendlichen Swimmingpools, in denen dann kein Tourist schwimmt? Wieso pflanzt es Bowlingcenter in entlegene Bergdörfer, wo sie keiner der dort lebenden Bauern braucht? Sie werden ohnehin nur halb fertig. Irgendwann geht nämlich das Geld aus, das die EU gegeben hat. Die Baufirma hat trotzdem prächtig verdient.

Die Fremdenführerin – eine kleine Frau mit schlichter Kleidung und treuherzigem Blick – erzählt das alles in wenigen Minuten. Man sieht sie an und denkt: Der Euro hat seinen Namen nirgendwo mehr verdient als hier, wo seine natürliche Gestalt die von europäischem Fördergeld zu sein scheint. Dass sie überhaupt noch arbeitet, verdankt die junge Frau ihrer Fähigkeit, auf Englisch, Italienisch und Französisch Fremde führen zu können, im Gegensatz zu ihren deutschsprachigen Kolleginnen, die in diesem Sommer allein in die Museen gehen.

„Wir sind konservativ“, so die Fremdenführerin. „Wir, das heißt, meine Familie. Wir haben hart gearbeitet, aber wir haben es uns auch gut gehen lassen in den letzten Jahren. Was würden Sie denn machen, wenn es so viel Geld gäbe? Junge Mädchen haben Kredite bekommen für Louis-Vuitton-Taschen. Wir haben Fehler gemacht, aber wir wollen unsere Schulden zurückzahlen.“

Es ist der Wahlsonntag, gegen 20.00 Uhr. Eben sind die ersten Ergebnisse auf dem Fernseher in der Hotellobby aufgetaucht. Die konservative Nea Dimokratia liegt vorne, die radikale Linke um den hitzigen Charismatiker Alexis Tsipras knapp dahinter. Er macht die Deutschen für die griechische Misere verantwortlich. Dem jungen Syriza-Chef sind die Wähler in Scharen zugeströmt, damit er ihnen die drückende Schuldenlast von den Schultern nimmt. Inzwischen hat er seine Niederlage eingestanden und seinem konservativen Konkurrenten Antonis Samaras per Telefon gratuliert. Im Laufe des Abends hat sich der Vorsprung der ND vor Syriza erhöht, auf 29,66 zu 26,89 Prozent.

„Das griechische Volk hat heute dafür gestimmt, auf dem europäischen Weg und in der Euro-Zone zu bleiben“, sagt dagegen ND-Chef Antonis Samaras, der jetzt erneut als erster mit der Regierungsbildung betraut wird. Das griechische Wahlsystem belohnt die stärkste Partei mit 50 zusätzlichen Sitzen im Parlament. Auch das hängt offenbar zusammen: Die allgegenwärtige Subvention gibt es auch in der Politik.

In Athen kostet ein Espresso überall zwei Euro, Appartements in guten Vierteln bekommt man mitunter nur für eine Million. Die Arbeitslosigkeit ist im Zuge der Reformen auf 20 Prozent hochgeschnellt. Das reichste Zehntel der Bevölkerung zahlt kaum Steuern, die anderen ächzen unter einem der höchsten Steuersätze in Europa. In den Wochen vor der Wahl haben die Griechen ihre Konten leer geräumt. Im Notfall, wenn es aus Europa etwa kein Geld mehr gäbe und daher der Staatsbankrott drohte, garantieren die Banken maximal 100.000 Euro. In Folge dessen stecken nun riesige Summen in Privattresoren und unter Matratzen.

Ein Freund, der in einem reichen Athener Vorort wohnt, erzählt, letzte Woche habe morgens ein toter Albaner vor seiner Tür gelegen. Albanische Banden brächen ein, schlügen die Hausbesitzer mit Eisenstangen und zwängen sie, das Geld herauszugeben. Nun sei ein 23-jähriger Sohn durchgedreht, als die Albaner seiner Mutter ein Messer an den Hals setzten. Sie waren schon auf der Flucht, da packte er ein Gewehr, mit dem der Vater normalerweise auf Wildschweinjagd geht, und schoss. Nun sitzt er in Untersuchungshaft.

Wenige Tage darauf marschierten die Faschisten der Partei „Goldene Morgendämmerung“ durch das Viertel. Sie riefen zur Solidarität mit dem jungen Mann auf. Bei der Wahl konnten sie sich noch einmal auf sieben Prozent verbessern. Und das in einem Land, dessen Erinnerung an die Militärdiktatur von 1967 bis 1974 noch frisch ist.

Am Morgen nach der Wahl brennt die Sonne unbeirrt auf Athen herunter. Auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlament verkaufen pakistanische Händler chinesische Sonnenschirme. Drinnen tagen in diesem Moment alle Parteien, die die Drei-Prozent-Hürde geschafft haben. Pasok, die abgewählte sozialistische Partei, die mehr noch als die konservative ND für Klüngelwirtschaft und Reformunwilligkeit steht, ist zur Koalition bereit. Zusammen kämen ND und Pasok auf eine einfache Mehrheit. Um aber die Verfassung ändern zu können, müssen sie weitere Partner ins Boot holen. Syriza will in keinem Fall; zugleich erteilen alle Parteien einer Zusammenarbeit mit den linken Reform-Verweigerern eine Absage.

Menschen und Land sind eins

Während die Verhandlungen laufen, sitzt 200 Meter entfernt George Kakavas in der Bibliothek des Archäologen Heinrich Schliemann, der Troja entdeckte und überhaupt den Großteil der antiken Schätze hob. Heute beherbergt das Haus die den alten Münzen gewidmete Sammlung. Kakavas, der Direktor, beugt sich über den Tisch, auf dem kleine Gold- und Silberscheiben liegen. Geld regierte schon die antike Welt. Um drei Liter Wein kaufen zu können, musste ein kretischer Soldat drei Tage arbeiten. Das war 300 vor Christus. Heute liegen viele griechische Löhne bei wenig mehr als der Hälfte von vor zwei Jahren. Das absurd scheinende Verhältnis zwischen Einkommen und Grundnahrungsmitteln, wie es vor 2000 Jahren bestand, ist nicht mehr abwegig.

Von Würde und Stolz spricht der Sozialist Tsipras gern. Es sind hehre Begriffe die sich leichter missbrauchen als verwirklichen lassen. „Man darf auf Griechenland böse sein“, sagt die Fremdenführerin, „aber nicht auf die Menschen.“ Überdies habe sie die größte Hoffnung, dass Samaras die Regierungsbildung gelänge. Woher sie diese Hoffnung nimmt? „Alles Andere wäre lächerlich.“ Ist das ein Argument? Zumindest ein rätselhaftes.

Der Kern ist wiederum der Gemeinsinn. Die Menschen hier, so will es dem durchreisenden Deutschen scheinen, müssen begreifen, dass sie und das Land eins sind. Niemand will ihren Stolz, ihre Würde beschneiden. Aber die Erleichterung, die in der Wahlnacht über der Stadt liegt, in der es merkwürdig still ist bis auf die üblichen Motorradgeräusche und die Musik aus den Bars, darf sich nicht allein aus der Hoffnung in eine Regierungsbildung speisen. Die Regierung ist nur eine Formalie. Womöglich kann man im schlimmsten Fall sogar über die Schulden hinwegsehen. Viel entscheidender scheint die Frage, ob sich die Gesellschaft ändern kann, jenes System, das Arbeitslosigkeit sinnvoll zu bekämpfen meint, indem es unzählige überflüssige Beamte einstellt, das von der einen Hand, die die andere wäscht, in den Mund lebt, sich in seinem Kern ändern kann.

Griechenlands Vergangenheit ist glorreich. Damit man das in 1000 Jahren auch über seine jetzige Gegenwart sagen kann, gilt es nun, sich der Zukunft zu stellen. Einer Zukunft, in der wirklich alles mit allem zusammenhängt. Auch und in erster Linie das Individuum und der Gemeinsinn.