Kriegsverbrechen

UN verurteilen Folter und Gewalt gegen syrische Kinder

Kinder als menschliche Schutzschilde: Laut Bericht der UN werden schon Minderjährige Opfer von Folter, Mord und sexueller Gewalt

Foto: DAPD

Man zerrte sie aus den Häusern ihrer Familien und setzte sie vor die Fenster eines Busses, der Soldaten zum Einsatz gegen die Rebellen brachte. Kinder im Alter zwischen acht und 13 Jahren. Dies ist nur eines von vielen Kriegsverbrechen in Syrien, die der diesjährige Bericht der Vereinten Nationen (UN) über die Situation von Kindern in bewaffneten Konflikten benennt. Neben dem Missbrauch als menschliche Schutzschilde wurden bereits Neunjährige Opfer von Erschießungen, willkürlichen Verhaftungen, Folter und sexueller Gewalt. Unschuldige Kinder geraten „bei militärischen Operationen der syrischen Armee, der Geheimdienste und der Shabiha-Milizen“ zwischen die Fronten, heißt es im UN-Bericht. Ein ehemaliger Armeesoldat berichtete, dass sein Kommandeur in Tall Kalakh den Befehl gab, auf Demonstranten zu schießen. Zwei Mädchen zwischen zehn und 13 Jahren blieben tot liegen. In Aleppo wurden fünf Kinder in einem Gymnasium ermordet.

Dutzende Augenzeugen

Die UN haben Dutzende Augenzeugenberichte gesammelt, die Folterungen bereits an 14-Jährigen bezeugen. Den meisten dieser Kinder wurden die Augen verbunden, sie wurden geschlagen, mit Elektrokabeln ausgepeitscht oder mit Zigarettenglut verbrannt. In einem besonders brutalen Fall gab es Elektroschocks an den Genitalien. Ein Horrorszenario, das deutlich macht, mit welcher grausamen Rigorosität der Bürgerkrieg in Syrien geführt wird. Nach Schätzungen von Menschenrechtsgruppen wurden seit Beginn des Konflikts im März 2011 mindestens 1200 Kinder in Syrien getötet. Die Organisation Syrische Menschenrechtsbeobachter in London spricht von insgesamt 14.000 Toten.

Die UN-Beauftragte für Kinder in bewaffneten Konflikten, Radhika Coomaraswamy, hat den neuen internationalen Bericht erstellt, der weltweit 52 verschiedene Gruppierungen und Konfliktparteien anprangert, die Minderjährige misshandeln, missbrauchen oder gar töten. 32 dieser Gruppierungen werden bereits seit fünf Jahren auf dieser „Liste der Schande“ genannt – unter anderem weil sie Kinder rekrutieren, töten, verletzten oder sexueller Gewalt aussetzen.

„Wir müssen Druck auf diese Gruppierungen ausüben – durch Sanktionen oder andere Aktionen des Sicherheitsrats und durch engere Kooperation mit nationalen und internationalen Gerichten“, forderte Coomaraswamy. Zu Syrien sagte sie: „Die Welt führt auch exakt Buch über Gewalt, die in Syrien gegen Zivilisten verübt wird, und ich bin zuversichtlich, dass diese Verbrechen nicht unbestraft bleiben.“

In Washington gab sich die Sprecherin des Außenministeriums, Victoria Nuland, ähnlich zuversichtlich: „Wir wollen die syrischen Kommandeure an die Lektion aus Bosnien erinnern: Die internationale Gemeinschaft wird herausfinden, welche Einheiten Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben und sie für ihre Taten zur Rechenschaft ziehen.“ Mit ihrem Hinweis auf Bosnien bezog sich Nuland auf das Verfahren gegen Ratko Mladic, das erst im Mai vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag eröffnet wurde. Der heute 70-Jährige ist angeklagt, Gräueltaten während des Bürgerkriegs in Bosnien (1992–1995) befohlen zu haben. Ein Signal, dass man Täter, auch nach 20 Jahren, nicht entkommen lässt.

„Zurzeit gibt es sehr heftige Konfrontationen“, sagte Rami Abdul-Rachman von den Syrischen Menschenrechtsbeobachtern in London. „Die syrische Armee versucht verzweifelt, alle Positionen der Rebellen zurückzuerobern.“ Damit will man verhindern, dass die Freie Syrische Armee einen Korridor kontrolliert, über den Waffen eingeschmuggelt und Attacken auf Regierungstruppen vorbereitet werden können. „Es gibt unter den Rebellen mehr Tote als sonst “, fügte Abdul-Rachman an.

Intensivere Kampfhandlungen

Auch die UN sprach von einer Intensivierung der Kampfhandlungen. Das harte militärische Vorgehen der Regierung habe hohe Opfer unter der Zivilbevölkerung und schwere Menschenrechtsverletzungen zu Folge. Der Sprecher des UN-Generalsekretärs, Martin Neskry, betonte, „gleichzeitig vermehren sich die koordinierten Angriffe der Opposition gegen Regierungstruppen und zivile Infrastrukturen“. Beide Seiten scheinen auf eine militärische Entscheidung des bewaffneten Konflikts zu drängen.

Über 50 Tote soll es laut den Syrischen Menschenrechtsbeobachtern alleine am Montag und Dienstag bei Gefechten in Homs, Idlib und in der Provinz Latakia gegeben haben. Videoaufnahmen zeigen Flammen und schwarzen Rauch über Homs. Solange Russland sein Vetorecht im Sicherheitsrat nutzt, liegt eine diplomatische ebenso wie eine internationale Intervention in weiter Ferne. Mittlerweile sollen neue russische Waffenlieferungen in Syrien eingetroffen sein. „Sie können unmöglich gegen die syrische Zivilbevölkerung eingesetzt werden“, behauptete Vizepremierminister Dmitri Rogosin, um dann einen von Waffenhändlern oft kolportierten Satz hinzuzufügen: „Waffen feuern sich nicht von alleine ab, es sind die Menschen, die schießen.“