Reagan-Rede wird 25

„Signalwirkung in die Welt hinaus“

Vor 25 Jahren forderte Ronald Reagan in Berlin, die Mauer einzureißen. US-Botschafter Philip D. Murphy über die Wirkung der Rede.

Foto: AP

Bei seinem ersten Berlin-Besuch 1978 äußerte der damalige US-Präsidentschaftskandidat Ronald Reagan eine Bitte: „Ich würde gern auch Ost-Berlin besuchen. Ist das machbar?“ Neun Jahre später schaffte es Reagan, dann als 40. US-Präsident, zumindest vor das Brandenburger Tor, wo er eine Ansprache zum 750. Jubiläum Berlins hielt. Diese Rede vor der geteilten Stadt gilt heute als eine der wichtigsten des 2004 verstorbenen Reagan. „Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor! Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!“ sagte Reagan – ein Aufruf, der sich ähnlich wie John F. Kennedys Bekenntnis „Ich bin ein Berliner“ in das historische Gedächtnis gebrannt hat. Und das, obwohl Reagan und seine Botschaft in Berlin damals nicht wirklich willkommen waren, galt Reagan doch als „Kriegstreiber“. Anlässlich des 25. Jahrestages sprach Jochim Stoltenberg mit dem amerikanischen Botschafter Philip D. Murphy über die Bedeutung der Rede und ihre mögliche Wirkung bis heute.

Morgenpost Online: Herr Botschafter, wie ist die damalige Rede Ronald Reagans vor dem Brandenburger Tor aus heutiger Sicht zu bewerten?

Philip D. Murphy: Diese Rede war zweifellos eines der Highlights während der Präsidentschaft von Ronald Reagan. Viele Deutsche, mit denen ich heute spreche – im Westen wie im Osten des Landes – erinnern sich mit großem Respekt und sehr viel Anerkennung an sie. Weil es ein mutiger, klarer Ruf nach Freiheit vor einem geschlossenen Tor war. Es war wichtig, ein Zeichen zu setzen, aufzustehen und in Berlin vor aller Welt zu erklären, woran wir im freien Westen glauben, für welche Werte wir eintreten.

Morgenpost Online: Ronald Reagan ist damals von der Mehrheit der Deutschen belächelt worden…

Philip D. Murphy: Ich war damals nicht dabei. Aber die direkt Betroffenen sind manchmal zu nah am Geschehen, zu sehr mit den täglichen Problemen beschäftigt. Und dann kommt da jemand , der sieht das ganz anders, hoffnungsvoller. Der sagt den Menschen, dass die Welt etwas anders aussieht.

Morgenpost Online: Dafür war Berlin vor 25 Jahren der richtige Ort?

Philip D. Murphy: Berlin war für alle amerikanischen Präsidenten der Nachkriegszeit immer ganz wichtig – von Präsident Truman bis zum heutigen Tag . Das galt natürlich besonders während der Zeit der Mauer. Berlin war ein Ort mit Signalwirkung in die Welt hinaus für unseren Kampf für Freiheit während des Kalten Krieges zwischen West und Ost.

Morgenpost Online: Da tut sich so etwas wie eine Parallele auf. Wie einst der Verleger Axel Springer von vielen wegen seines Engagements für die Wiedervereinigung von vielen Deutschen belächelt wurde, so erntete zunächst auch Reagan Spott und Häme für seine Überzeugungen…

Philip D. Murphy: So war es wohl. Damals gab es auch Kritik, aber Reagans Rede wird nach 25 Jahren als einer der großen Momente der Geschichte bewertet.

Morgenpost Online: 1987 waren noch keine Anzeichen für einen Wandel, for Wind of Change zu erkennen…

Philip D. Murphy: Aber schon zwei Jahre später wurde Wirklichkeit, was Reagan gefordert hatte. Und Hans-Dietrich Genscher stand auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag. Bald darauf fiel die Mauer.

Morgenpost Online: Die Freiheit scheint auch in Teilen Europas wieder auf dem Rückzug. Was kann uns Reagans Rede angesichts der Entwicklungen beispielsweise in Russland, Ungarn oder der Ukraine heute noch oder schon wieder sagen?

Philip D. Murphy: Sie ist ein sehr gutes Exempel für ein klares Bekenntnis zur Freiheit. Deshalb ist es ja so wichtig, dass wir uns an diese Rede erinnern. Sie ist eine der drei großen Ansprachen, die Amerikaner an die Weltöffentlichkeit adressiert haben. Die erste war John F. Kennedys Berliner Rede mit dem Freiheitsbekenntnis „Ich bin ein Berliner“, die dritte Martin Luther Kings Traum von einer Welt, in der die Menschen nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden. Diese drei Reden sind noch heute von größter Aktualität und Relevanz.

Morgenpost Online: Glauben Sie, dass Reagans Rede damals Wirkung in Moskau gezeitigt hat?

Philip D. Murphy: Ich weiß es nicht; ich war nicht dabei. Aber ich glaube, Gorbatschow und seine Berater im Kreml haben die Rede aufmerksam studiert. Reagan jedenfalls war tief davon überzeugt, dass der Kalte Krieg zu einem friedlichen Ende kommen müsse und auch werde.

Morgenpost Online: Demnach ist es Reagan tatsächlich gelungen, das Eis zum Knacken zu bringen?

Philip D. Murphy: Ich glaube, die sowjetische Führung hat damals verstanden, dass Reagans Rede sehr ernst gemeint war. Ich kann das natürlich nicht mit letzter Wahrheit sagen, dass es so war. Da müssten Sie besser Herrn Gorbatschow fragen.

Morgenpost Online: Noch einmal zur Reaktion damals. Ronald Reagan war bei vielen Deutschen, auch in Berlin, nicht besonders beliebt. Viele haben gegen seinen Besuch protestiert. Ist ihm da zu viel Unrecht widerfahren?

Philip D. Murphy: Wie schon gesagt, ich war damals nicht hier. Allerdings habe auch ich von den starken Protesten gegen ihn hier in Deutschland gehört. Ich glaube aber, Präsident Reagan wird mittlerweile in der Geschichte fair und gerecht behandelt. Seine Verdienste um das Ende des Kalten Krieges werden längst so gewürdigt, wie sie es verdient haben. Die Geschichte findet Respekt und Anerkennung für das, was Ronald Reagan für den Frieden geleistet hat.

Morgenpost Online: Zwei Jahre nach der Rede am Brandenburger Tor ist die Mauer 1989 tatsächlich eingerissen worden. Ein machtpolitisches Wunder. Kann es solche in Zukunft wieder geben?

Philip D. Murphy: Reagan war vor dem Fall der Mauer zwei Mal in Berlin. Und dann noch ein drittes Mal – 1990, als er kein Präsident mehr war. Damals schritt er im September, also ein paar Tage vor der Wiedervereinigung, durch das offene Brandenburger Tor und wurde in der einzigen frei gewählten DDR- Volkskammer von deren Präsidentin Sabine Bergmann-Pohl empfangen. Das war für ihn wohl sehr ergreifend Ja, ich glaube, dass wir heute wieder eine Zeit erleben, in der es Chancen für große positive Veränderungen in der Welt gibt.

Morgenpost Online: Woran denken Sie?

Philip D. Murphy: Wenn sich die Lage in Nordafrika und im Mittleren Osten in die richtige Richtung weiter entwickelt, gibt es viel Anlass zum Optimismus. Heute kann in der Welt so schnell so viel Neues passieren. Das betone ich auch immer wieder in meinen Gesprächen mit jungen Deutschen. Ich zeige ihnen dann ein Bild von der Berliner Mauer aus Beton. Und dann frage ich, wo steht geschrieben, dass Zement nicht zerbröseln kann? Wo steht geschrieben, dass Korea für immer geteilt sein muss, wo, dass die schrecklichen Kämpfe in Syrien kein Ende finden werden? Oder wo steht geschrieben, dass der Nahe Osten mit der Existenz von zwei Staaten – Israel und Palästina – nicht doch Frieden finden kann?