Wut-Interview

Horst Seehofer - der bayerische Anarchist

| Lesedauer: 7 Minuten
Claus Christian Malzahn

Foto: DPA

Mit seinem Wutausbruch im ZDF hat Horst Seehofer Fernsehgeschichte geschrieben. Der Auftritt passt zu seiner Karriere.

Er hat es kommen sehen. Er wusste, dass es nicht gut gehen kann. Er hat gewarnt; in persönlichen Gesprächen, am Telefon, in Zeitungsinterviews. In München und Berlin hat sich Horst Seehofer den Mund fusselig geredet. Aber Norbert Röttgen wollte nicht hören. Der habe ihn „abtropfen“ lassen, sagt Seehofer am Dienstagabend im ZDF.

Dabei war es doch nicht schwer zu verstehen. Wenn einer eine Wahl gewinnen will, muss er sich bekennen: zur Partei, zum Land, zu den Leuten. Das lernt man in Bayern in der Schüler-Union.

Wenn einer aber nicht sagt, ob er nach der Wahl noch da ist, wo er eigentlich hinwollte, dann wird das eben nichts. „Ein ganz großer Fehler. Ein ganz großer Fehler“, sagt Seehofer.

Er hat ein kleines Stück Fernsehgeschichte geschrieben: Als erster Spitzenpolitiker stimmte Horst Seehofer zu, auch das informelle Gespräch nach dem Fernsehinterview auszustrahlen. Mit den Worten „Das können Sie alles senden“ erlaubte der CSU-Chef dem „Heute-Journal“-Moderator Claus Kleber die Veröffentlichung seiner heftigen Attacken auf Umweltminister Norbert Röttgen (CDU).

Die Sätze Seehofers sind bemerkenswert. So bemerkenswert, dass man sie ausführlich zitieren muss: „Der Röttgen hat gegen die Frau Kraft mit einem Verhältnis 37 zu 34 begonnen. Und innerhalb von sechs Wochen ist das weggeschmolzen wie ein Eisbecher, der in der Sonne steht. Das ärgert mich.“

Und: „Ja, ich habe mit ihm gesprochen – persönlich und über die „Bild“-Zeitung. Und persönlich hat er mich dann abtropfen lassen, die Kanzlerin war ja dabei. Im Gegenteil, er hat dann die Medien noch mit dem Argument versorgt, er hätte es uns beiden gezeigt.“ Und auch: „Ich hab ihm gesagt: Lieber Herr Röttgen, das ist nicht Ihre Privatentscheidung, ob Sie nach NRW gehen oder nicht. Das trifft die ganze Union. Wenn Sie das nicht korrigieren, dann wird es uns hart treffen. Und genauso ist es gekommen.“

So wütend wie am Wahlabend war der bayerische Ministerpräsident selten in seinem Leben. „Ich bin nicht mehr bereit, einfach zur Tagesordnung überzugehen“, hatte Seehofer schon im offiziellen Teil des ZDF-Interviews gesagt. „Wir müssen besser werden, auch in Berlin.“

Wie nur noch wenige deutsche Spitzenpolitiker ist Horst Seehofer in der Geschichte der Bundesrepublik zu Hause. Er hat Helmut Kohl noch als energischen Oppositionsführer im Bonner Bundestag erlebt. Da war er ein junger CSU-Abgeordneter, der den Aufstieg des Pfälzers zum Kanzler mit seiner Stimmkarte ermöglichte. 16 Jahre später hat er als Bundesgesundheitsminister aus nächster Nähe Kohls tiefen Fall miterlebt.

Viele sind gescheitert – er nicht

Die Granden aus der guten alten Zeit hat er persönlich gekannt. Franz Josef Strauß, Herbert Wehner, Helmut Schmidt, Hans-Dietrich Genscher. Von denen konnte man noch etwas lernen. Denn Seehofer interessiert sich nicht nur dafür, was einer sagt. Sondern auch dafür, wie einer was sagt.

Vier Dekaden lang ist er nun in der Politik unterwegs. Viele, die wie der Ingolstädter als junge Männer Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre in der Union gestartet waren, schmissen irgendwann die Brocken hin. Jürgen Rüttgers, Roland Koch, Friedrich Merz – Geschichte. Auch viele Jüngere stolperten ins Abseits: Ole von Beust, Christian Wulff, Friedbert Pflüger. Seehofer ist noch da. Wie sonst wohl nur noch Wolfgang Schäuble kann er einen persönlichen Bogen spannen von der alten Bonner Republik ins politische Berlin.

Dass in der Politik nicht immer alles nach Plan läuft, weiß kaum jemand so gut wie der CSU-Chef. Schnurstracks verlief seine Karriere gerade nicht. Schon zu Kohls Zeiten galt Seehofer als verkappter Sozialdemokrat – ein Herz-Jesu-Sozialist, der sich als Gesundheitsminister mit der Pharma-Lobby anlegte.

Vor zehn Jahren wäre er fast an einer Herzmuskelentzündung gestorben. Eine Grenzerfahrung, die ihn, so meinen jedenfalls viele, die ihn gut kennen, noch allergischer auf politische Bevormundung reagieren lässt, als das ohnehin in seinem Charakter angelegt war. Seehofer legt zwar großen Wert auf ordentliches Handwerk, aber dass auch ein bayerischer Anarchist in ihm schlummert, wissen seine Parteifreunde spätestens, seit er im November 2004 als Vizechef der Unionsfraktion im Bundestag zurücktrat. Er hielt den Gesundheitskompromiss zwischen CSU und CDU für grundfalsch und wollte ihn öffentlich nicht verteidigen müssen. Andere hätten sich verbogen. Er nicht. Vielleicht kann er das auch gar nicht.

Andererseits gibt es kaum einen Politiker, dem so viel Wendigkeit vorgehalten und nachgesagt wird. Erst energisch für die Verlängerung der AKW-Laufzeiten, konnte es Seehofer beim Ausstieg nach Fukushima wieder nicht schnell genug gehen. Erst mit Verve für Biosprit, nach dem Desaster an den Tankstellen dagegen. Die Liste ließe sich fortsetzen – kaum ein bayerischer Kabarettist, der über die Meinungsvielfalt des Landesvaters nicht schon böse Witze gerissen hätte.

Exakt diese Flexibilität, gepaart mit Vorsicht, aber hält ihn an der Macht. Immer wieder weist Seehofer in kleiner Runde auf die bayerische Landesverfassung hin, die ohne große Hürden Volksabstimmungen ermöglicht. Von einem Strafgericht durch vox populi sind die Regierungen in München immer nur ein paar Zehntausend Unterschriften weit entfernt. Wer auf Stimmungswechsel nicht reagiert, wird abgestraft.

Vielleicht ahnte Seehofer deshalb schon vor Jahren, dass eine neue Truppe auf dem Weg in die politische Arena unterwegs ist. Als er 1969 in die Junge Union eintrat, konkurrierten mit Union, SPD und FDP nur drei politische Kräfte um die Stimmen der Wähler. Heute sind es doppelt so viele. Dass 2008 bei den bayerischen Landtagswahlen verdächtig viele Erstwähler ihr Kreuz bei einer ominösen Partei namens Piraten gemacht hatten, fiel Seehofer auf. Flugs verpasste er der jungen CSU-Bundestagsabgeordneten Dorothea Bär den Kampfnamen „Piraten-Doro“. Sie kümmert sich seitdem um dieses merkwürdige Phänomen, das inzwischen in vier Landtagen herumspukt. Verhindert hat Seehofer den Aufstieg der Piraten zwar nicht. Aber er hat ihn kommen sehen.

Über seine Facebook-Party vergangene Woche im Münchner Nobelschuppen „P1“ haben viele gelacht. Amüsiert hat man sich dort dann aber über die Amateure in Berlin, die nicht mal einen Flughafen rechtzeitig gebacken bekommen. Und welche Maßstäbe Seehofer mit seiner offenbar spontanen – und nicht, wie unterstellt, kühl kalkulierten – Interviewfreigabe gesetzt hat, ist nicht abzusehen. Seehofer redet meist so, wenn die Tonbänder ausgemacht oder die Kameras abgestellt sind. Früher oder später ist er aber immer vom Off ins On gewechselt. Diesmal ging es freilich rasend schnell.

Die CSU, das hat er bei Franz Josef Strauß gelernt, kann nur im Dreiklang überleben: als dominante Kraft in der Provinz, als Machthaber in München und als unüberhörbares Orchester in Berlin.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos