RAF-Prozess

Ex-Terroristin Becker redet viel und sagt nichts

Im Prozess um den Mord an Siegfried Buback hat Ex-Terroristin Verena Becker ihr Schweigen gebrochen. Ihre Aussage wirft neue Fragen auf.

Foto: DAPD

Der Tag, den Verena Becker für ihre Aussage gewählt hat, ist in der Geschichte der Rote-Armee-Fraktion (RAF) ein bedeutsamer. Vor genau 42 Jahren befreite Ulrike Meinhof den RAF-Rädelsführer Andreas Baader gewaltsam aus der Haft. Es war quasi die Geburtsstunde der RAF. Nur ein Zufall?

Becker muss sich wegen Beihilfe zum Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback 1977 verantworten. 88 Verhandlungstage lang hat die ehemalige Terroristin geschwiegen – ein Verfahren mit bislang 160 Zeugen und acht Sachverständigen. Auch deshalb sind die Erwartungen an die 59-Jährige an diesem Montagmorgen so groß. Die Angeklagte erscheint in Jeans und grauem Pullover im Saal 6 des Oberlandesgerichts Stuttgart, die Augen wie so oft hinter einer Sonnenbrille versteckt – sie leidet an einer Stoffwechselkrankheit. Bevor sie sich setzt, tritt sie auf der Stelle. Verena Becker ist nervös.

Ihre Erklärung liest sie dennoch mit ruhiger Stimme vom Papier ab. Die Sonnenbrille setzt sie dafür ab. Er habe „einen kleinen Funken Hoffnung“ gehabt, die Ex-Terroristin werde sagen, wer seinen Vater, Generalbundesanwalt Siegfried Buback, am 7. April 1977 ermordet habe, wird Nebenkläger Michael Buback später sagen. Da ist seine Hoffnung schon enttäuscht worden. Becker hat die Antwort darauf zu Beginn ihrer Erklärung vorweggenommen: „Diese Frage kann ich Ihnen nicht beantworten, denn ich war nicht dabei.“

Militante Aktionen

Sie sei, führt Becker aus, am Tattag „im Nahen Osten“ gewesen. Am nächsten Tag sei sie von dort mit einem gefälschten zyprischen Pass über Jugoslawien nach Rom zurückgeflogen. Vom Attentat will sie erst dort „aus den Medien“ erfahren haben. Hätte sie davon gewusst, so hätte sie ihre Rückreise verschoben, behauptet Becker. Um nicht in eine Fahndung zu geraten. Sie sei bis zu ihrer Verhaftung nie in Karlsruhe gewesen und könne auch nicht Motorrad fahren. Damit widerspricht sie der Aussage einer Zeugin, die sie am 6. April 1977 in Karlsruhe gesehen haben will, wie auch dem Ex-Terroristen Peter-Jürgen Boock. Der hatte ausgesagt, Becker habe zu den wenigen in der RAF gehört, die „schwere Maschinen“ fahren konnten.

Becker bestätigt, dass sie an drei zentralen RAF-Treffen teilnahm: Im Spätsommer 1976 sei im Jemen über Möglichkeiten gesprochen worden, „militante Aktionen“ in der Bundesrepublik durchzuführen. Eine konkrete Planung habe es aber nach der „ergebnisoffenen“ Diskussion nicht gegeben. Bei einem weiteren Treffen im Harz Ende 1976 sei über einen Anschlag auf Buback diskutiert worden. Allerdings habe nicht festgestanden, wer dies übernehmen solle. Am dritten, entscheidenden Treffen Anfang 1977 in Holland habe sie zwar teilgenommen, sei aber früher aufgebrochen.

Auch zur Tatwaffe des Buback-Mordes äußert Becker sich. Die halb automatische HK 43 befand sich zusammen mit einer anderen Waffe in einem Rucksack, den Becker und der RAF-Terrorist Günter Sonnenberg bei sich hatten, als sie Anfang Mai 1977 nach einer heftigen Schießerei in Singen festgenommen wurden. „Mein einziger Bezug zu diesen Waffen besteht darin, dass wir sie ins nahe gelegene Ausland in ein Depot bringen wollten“, sagt Becker aus. Sie habe damit aber nie geschossen.

Mehrfach bezichtigt Becker ihren einstigen Kampfgefährten Peter-Jürgen Boock der Lüge. So habe sie ihn auch nie im Jemen in Empfang genommen. Boock, der ein wichtiger Belastungszeuge der Anklage ist, hatte zudem ausgesagt, Becker habe sich bei den Diskussionen über den Buback-Anschlag durch besonderen Eifer hervorgetan. Becker bestreitet dies: Die ganze Gruppe sei von dem „starken Bedürfnis getrieben“ gewesen, die Gefangenen in Stuttgart-Stammheim zu befreien. Sie habe sich aber in keiner Weise besonders lautstark zu Wort gemeldet. Dass sich an einigen der Bekennerschreiben zum Buback-Mord ihre DNA befand, leugnet sie nicht – wie könnte sie auch. Aber selbst das Anlecken der Klebelaschen an den Briefumschlägen ihrerseits habe sich erst bei einem Treffen ergeben und sei nicht zuvor so geplant gewesen.

Vieles von dem, was sie vorträgt, hört sich verquast an und erinnert an den RAF-Duktus, der das Täterkollektiv betonte und die Opfer entindividualisieren wollte. Becker spricht vom Nahen Osten, ohne ein konkretes Land zu nennen, und von zwei Begleitern, die kurz vor dem Buback-Mord wieder zurückreisten. Aber sie sagt nicht, um wen es sich handelte. Mehrmals betont sie, sie habe sich nie „versteckt“, sondern sich konsequent mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt. Auch gehe sie seit den 80er-Jahren „einen anderen Weg“.

Keine Nachfragen

Aber nicht ein einziges Mal versucht sie auch nur, den Nebenkläger Buback und die Angehörigen der anderen Opfer um Entschuldigung zu bitten – dafür, dass sie Mitglied der RAF war, ihre mörderische Ideologie teilte und dazu beitrug, diesen Angehörigen den Vater, Bruder, Ehemann oder Sohn zu nehmen.

Im Gegenteil: Über ihre persönlichen Aufzeichnungen, in denen sie über ihr „Täterwissen“ und eine Aussöhnung nachdachte – diese waren bei ihrer Verhaftung gefunden worden –, sagt sie heute: Solche Überlegungen seien durch die Anklageerhebung „überholt worden“. Das soll wohl heißen, dass der Göttinger Chemieprofessor Michael Buback mit der Theorie von Beckers Schuld selbst verantwortlich dafür ist, dass es nun nicht mehr zu einer Aussöhnung kommt. Nach 15 Minuten schließt Becker ihre Erklärung: „Damit ist das, was ich zu sagen habe, gesagt.“ Nachfragen lässt sie nicht zu.

Bundesanwalt Walter Hemberger sagt deutlich, was er von der Erklärung hält: nichts. Diese sei „den Beweisergebnissen angepasst“ gewesen, sagt der Vertreter der Anklage. Zu den wesentlichen Punkten habe sich Becker nicht geäußert. So habe sie nicht gesagt, ob ihr jemand erzählt habe, wer am Buback-Mord beteiligt war. „Ihr Schweigen ist Beleg dafür, dass Sie wissen, wer es war.“ Die Chance, bei der Klärung des Verbrechens zu helfen, sei verpasst.

Nebenkläger Michael Buback findet noch erstaunlich vorsichtige Worte. Vielleicht ist der Funke Hoffnung noch immer nicht ganz verschwunden. Er wiederholt, was ihn umtreibt: Wer die Attentäter von Karlsruhe waren („Wir akzeptieren jeden Namen, wenn es der richtige ist“), von wem Becker die Tatwaffe erhielt, ob sie mit dem Verfassungsschutz zusammengearbeitet hat, warum sie sich erst so spät erklärt. Damit habe sie einen sehr langen und sehr quälenden Prozess für alle Beteiligten, auch für sich selbst verlängert.

Verena Becker lebt im Haus ihrer Schwester in Berlin. Sie hat als Heilpraktikerin gearbeitet, ist jetzt schwer erkrankt und Rentnerin. Sie reist zu jedem Prozesstermin nach Stuttgart an.