Ukraine

Uefa lehnt Verlegung der EM-Fußballspiele ab

Forderungen nach einem Boykott der Fußball-EM in der Ukraine laufen ins Leere. Die Uefa erklärte, eine Verlegung sei nicht möglich.

Der europäische Fußballverband Uefa hat ungeachtet der Menschenrechtslage in der Ukraine Forderungen nach einer Verlegung der EM-Spiele eine klare Absage erteilt. „Das bekäme man in so kurzer Zeit nicht hin“, sagte der Uefa-Turnierdirektor Martin Kallen der „Süddeutschen Zeitung“.

Die Ukraine wies Forderungen aus Deutschland nach einer Freilassung der in Haft erkrankten Politikerin Julia Timoschenko scharf zurück. Das Außenministerium in Kiew warnte die Bundesregierung davor, die „Methoden der Zeiten des Kalten Krieges wiederzubeleben“. Die Ukraine trägt die am 8. Juni beginnende Fußball-EM gemeinsam mit Polen aus.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erwägt, ihren Ministern zu empfehlen, den EM-Spielen in der Ex-Sowjetrepublik fernzubleiben. Dies gilt laut dem Magazin „Der Spiegel“ für den Fall, dass Timoschenko nicht für eine angemessene medizinische Behandlung freigelassen wird.

Auch der Chef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Wolfgang Niersbach, schloss eine kurzfristige Verlegung von Spielen der EM aus zum Beispiel nach Deutschland kategorisch aus. „Mit dem Gedanken beschäftigen wir uns keine Sekunde“, sagte Niersbach der Zeitung Bild“. „Die Menschen in der Ukraine haben diese Europameisterschaft verdient.“

Tochter ruft zu Unterstützung Timoschenkos auf

In einem dramatischen Appell rief die Tochter der im Straflager erkrankten Oppositionsführerin ihre Landsleute zum Beistand für ihre Mutter auf. „Wir sorgen uns sehr um ihren Gesundheitszustand“, schrieb Jewgenija Timoschenko am Dienstag auf der Internetseite www.tymoshenko.ua. Die frühere Regierungschefin und Widersacherin von Präsident Viktor Janukowitsch, die unter einem chronischen Bandscheibenvorfall leidet, befinde sich den zwölften Tag im Hungerstreik.

Timoschenko verbüßt nach einem umstrittenen Strafprozess eine siebenjährige Gefängnisstrafe. Auch mehrere Minister der früheren Regierung Timoschenko sitzen in Haft.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) forderte die deutsche Politik auf, im Konflikt um Timoschenko andere Verstöße gegen die Menschenrechte nicht aus den Augen zu verlieren. „Die Misshandlungen der inhaftierten Oppositionspolitikerin Timoschenko sind nicht akzeptabel. Aber es gibt auch andere sehr ernste Menschenrechtsverletzungen im Land“, sagte Hugh Williamson, HRW-Beauftragter für Europa und Zentralasien.

Rückendeckung erhielt Merkel von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Der erklärte Fußballfan kündigte an, wegen Timoschenkos Lage bis auf weiteres auf einen Besuch in der früheren Sowjetrepublik zu verzichten. Auch in Italien gibt es Forderungen nach einem politischen Boykott.

Polen schweigt

In Polen, dem Co-Gastgeberland der Fußball-Europameisterschaft, herrscht dagegen Schweigen zu den Boykott-Forderungen gegen die Spiele in der Ukraine. Auch von anderen EU-Mitgliedern erhält Deutschland bisher wenig Unterstützung. So ist ein politischer Boykott in vielen Fußball-Nationen wie England, Frankreich oder Portugal kein Thema.

Dem behandelnden deutschen Arzt Karl Max Einhäupl bereitet der Hungerstreik Timoschenkos Sorgen. „Bei einer Patientin, die bereits seit vielen Monaten erhebliche Schmerzen hat und unter einem unheimlichen Stress steht, wird dieser Hungerstreik früher zu Problemen führen, als das üblicherweise der Fall ist“, sagte der Chef der Berliner Charité im ZDF. Einhäupl kündigte an, noch in dieser Woche erneut zur Behandlung nach Charkow reisen.

Die deutschen Vorwürfe stießen in Kiew auf Unverständnis und Empörung. Er hoffe, dass dies nur eine „Zeitungsente“ sei, sagte Außenamtssprecher Oleg Woloschin. „Man will gar nicht daran denken, dass die Staatsmänner Deutschlands fähig sind, die Methoden der Zeiten des Kalten Krieges wiederzubeleben und zu versuchen, den Sport zu einer Geisel der Politik zu machen“, sagte Woloschin nach Angaben örtlicher Medien.

Deutsche Spitzenfunktionäre wie der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Thomas Bach, raten von einem sportlichen Boykott der Fußball-EM in der Ukraine ab. Sie sehen die Endrunde eher als Chance, auf die Missstände im Co-Gastgeberland hinzuweisen.

Dagegen schlug menschenrechtspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Erika Steinbach eine Verlegung der ukrainischen EM-Spiele vor. „Eine Verlegung der Spiele von der Ukraine nach Polen, Österreich oder Deutschland wäre das richtige politische Signal an die undemokratische Regierung in Kiew. Das würde den größten Druck erzeugen“, sagte Steinbach der „Bild am Sonntag“ (Feiertagsausgabe am Dienstag).

FDP-Generalsekretär Patrick Döring sagte der Zeitung: „Sollte es Alternativen zu den Spielstätten in der Ukraine in Polen geben, muss man diese ernsthaft und schnell überprüfen.“