EKD-Botschafterin

Kirchen-Star Margot Käßmann bekommt neue Pflichten

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Matthias Kamann

Foto: REUTERS

Käßmann fällt bei ihrer Amtseinführung als Luther-Botschafterin nur wenig aus der Rolle. Mit dem Popstar-Dasein soll es nun vorbei sein.

Das gab es bei Margot Käßmann lange nicht mehr: Die Kirche war nicht voll! Nur zu gut drei Vierteln waren am Freitagmittag die Stuhlreihen in der Berliner Gedächtniskirche besetzt, als Käßmann dort in ihr neues Amt als „Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für das Reformationsjubiläum 2017“ eingeführt wurde.

Man kann die leeren Reihen als gutes Zeichen werten. Bei deren Anblick sah die zurückgetretene Landesbischöfin und ehemalige EKD-Ratsvorsitzende, die sonst jeden Saal füllt und mit vielen ihrer gut 80 Bücher auf die Bestsellerlisten kommt, einmal die christliche Normalität. Sich ihr auszusetzen kann nicht schaden, wenn man wie Käßmann zum 500. Jahrestag von Martin Luthers Thesenanschlag (1517) den religionsfernen Deutschen die Faszination der Reformation vermitteln will.

Zudem haben die leeren Stühle auch insofern etwas Gutes, als sie das Ende des Rummels um die Pastorin signalisieren könnten, die spätestens nach ihrem Rücktritt wegen der Trunkenheitsfahrt 2010 zum evangelischen Popstar wurde.

Unprätentiöser Gottesdienst

Mit dem Popstar-Dasein auf zuweilen abseitigen Wegen soll es ja nun vorbei sein: „Befiehl du deine Wege“, bat die Gemeinde mit dem Lied von Paul Gerhardt den Herrn der Christen. Und auch Käßmanns Nachfolger im EKD-Ratsvorsitz, Präses Nikolaus Schneider, deutete in seiner Ansprache an, dass die 53-Jährige kontrollierter agieren möge. Schneider sprach von seiner Freude, „dass wir einander wieder verbindlicher zugeordnet sind“. Käßmann ließ sich darauf ein: Unprätentiös feierte sie den Gottesdienst würdig mit und ließ erkennen, dass sie sich ihrer Pflichten bewusst ist.

Ob sie denen künftig gerecht werden kann, hängt jedoch nicht nur von ihr ab. Dazu müsste sie auch in der Öffentlichkeit mit Würde behandelt werden. Sie dürfte also nicht mehr als Pappkameradin einer berufsmäßigen Protestantismus-Verhöhnung instrumentalisiert werden. Man müsste ablassen vom billigen Brauch, auf Käßmann einzudreschen, wenn man uralte Vorurteile übers Kirchentagspolitisieren aufwärmen und so die vermeintliche Glaubensstärke der eigenen Seele unter Beweis stellen will.

Aber auch Käßmann selbst muss sich zur Gänze auf die neue Rolle einlassen, in der sie für das reformatorische Programm der Treue zur Schrift, der individuellen Freiheit und der persönlichen Annahme von Christi Erlösungswerk zu werben hat. Dass sie hierzu bereit ist, zeigte am Freitag ihre Predigt – mit kleinen Indizien, dass sie doch noch versucht ist, aus der guten Rolle zu fallen.

Theologisch hochsolide, setzte die Predigt ein beim Beginn des Johannes-Evangeliums („Im Anfang war das Wort“), von wo aus Käßmann zeigte, dass der jüdisch-christliche Gott ein redender, durchs Wort wirkender Gott ist: „Gott spricht, tut sich kund“, sagte Käßmann und hob ihn damit klar ab von anderen Vorstellungen, wo Gott ein „unergründlicher Weltenherrscher“ oder eine „diffuse Seinskraft“ ist.

Danach entfaltete sie überzeugend, wie sehr die Reformatoren im Bezug auf das göttliche Wort das „Denken, Reflektieren, Nachdenken, Verstehen und Fragen-Dürfen“ betont hätten. „Selbst denken“ sei „eine Kernbotschaft zum Reformationsjubiläum“. Käßmann wandte sich gegen die Denkverbote der Fundamentalisten und pries jenen „gebildeten Glauben“, für den sich Luther und seinen Mitstreiter auch im Sinne der Volksbildung einsetzten. Weiter zeigte Käßmann, dass das Wort zur Verkörperung drängt, schon in der Schöpfung – „es werde“ –, besonders aber in Jesus Christus, in dem es „Fleisch“ wurde. Wenn Christen gefragt würden, wer Gott sei, dann, so Käßmann in anschaulichen Wendungen, würden sie „vor allem auf Jesus selbst zurückgreifen“. An ihm zeige sich „ein besonderes Gottesbild von Zärtlichkeit und Kraft, Liebe und Sanftmut“. Zumal am Kreuz.

Polemische Spitzen

Seltsam dann aber, dass Käßmann nicht bei dieser Sache des Wortes und seiner Kraft blieb. Zwar mag man ihr schenken, dass sie ein paar polemische Spitzen einflocht, gegen den angeblich „abschätzigen Bankerjargon“ im Begriff „Peanuts“, gegen das Privatfernsehen, gegen die „Spaßgesellschaft“. Tatsächlich problematisch aber war, wie sie das Vorurteil befeuerte, beim Bezug auf das Wort gehe es schnell überintellektuell zu, was durch „Sinnlichkeit“ korrigiert werden müsse. So mokierte sie sich über jene, „die der Intellektualität des Protestantismus nachtrauern“. Sie feierte das Körper-Erleben beim Joggen und lobte die „Spiritualität“ des Musizierens, als sei dieses nur eine Sache des Gefühls und nicht des Verstandes. Ja, Käßmann verfiel sogar darauf, die derzeit in Berlin ausgestellten Bilder des Malers Gerhard Richter dem „Sinnlichen“ in Abgrenzung vom „Kopflastigen“ zuzuordnen. Als seien Worte nicht sinnlich und als seien Richters Bilder nicht auch intellektuell.

Immerhin ging Käßmann dann auf die Hintergründe von Richters Bild „Tante Marianne“ – es zeigt die im NS-Euthanasieprogramm ermordete Schwester seiner Mutter – so intensiv ein, dass man merken konnte, wie wenig da das Anschauliche vom Gedanklichen zu trennen ist. Sodass es völlig unnötig ist und ganz falsch wäre, die Sinnlichkeit gegen die Intellektualität auszuspielen. So etwas mag zu einer Popstar-Rolle passen. Unpassend ist es für eine Botschafterin jenes göttlichen Wortes, das von sich aus Fleisch wird.

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